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24. Oktober 2011

Mächtige Konzerne: 147 Unternehmen kontrollieren die Welt

 Von Daniel Baumann und Jakob Schlandt
Die wirtschaftliche Macht teilen sich 147 Unternehmen auf der Welt. Foto: dpa

Eine Schweizer Studie kommt zu dem Ergebnis, dass lediglich 147 Konzerne die Weltwirtschaft kontrollieren. Besonders Banken und Rentenfonds stehen mit ihrem Einfluss ganz weit vorne.

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Eine Schweizer Studie kommt zu dem Ergebnis, dass lediglich 147 Konzerne die Weltwirtschaft kontrollieren. Besonders Banken und Rentenfonds stehen mit ihrem Einfluss ganz weit vorne.

Berlin –  

Der Ausspruch des US-Globalisierungskritikers Lester Brown, dass die Sonne über internationalen Konzernen wie Unilever, IBM oder Volkswagen niemals untergehe, hat es zu einiger Berühmtheit gebracht. Er wollte damit ausdrücken, dass die wahren Weltreiche heute nicht mehr die von Staaten sind, sondern die von Unternehmen. Er brachte damit das Unbehagen vieler Menschen zur Sprache, dass einige wenige ökonomische Riesen zu viel Macht bekommen haben.

Nun haben Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich erstmals genau nachgewiesen, welche Konzerne die Weltwirtschaft dominieren und wie weit ihr Einfluss reicht. Sie kommen zu einem genauso präzisen wie erschreckenden Ergebnis. Demnach kontrollieren lediglich 147 Konzerne große Teile der Weltwirtschaft. Sie haben gemessen an ihrer Größe überproportional viel Einfluss. Besonders dominant sind der Untersuchung zufolge Unternehmen aus dem Finanzbereich, also Banken und Rentenfonds. Als einflussreichstes Unternehmen der Welt stellte sich die britische Barclays Bank heraus.

Ergebnisse schlagen Wellen

Das ist zwar nur eine Momentaufnahme. Seine Untersuchung stützt das Forscherteam auf Daten von Orbis aus dem Jahr 2007. Die Datenbank enthält Informationen über 37 Millionen Unternehmen und Investoren weltweit. Anhand dieser Daten gelang es den Forschern, insgesamt 43.000 internationale Unternehmen zu identifizieren. Das Forscher-Trio interessierte nun, ob diese Unternehmen eigenständig agieren, oder ob sie durch andere Firmen kontrolliert werden. Es stellte sich heraus, dass innerhalb dieser großen Gruppe von internationalen Unternehmen einige wenige großen Einfluss ausüben.

Insgesamt kristallisierten sich 1318 Konzerne heraus, die mindestens an zwei anderen Unternehmen beteiligt waren, im Durchschnitt waren sie mit 20 weiteren Unternehmen verbunden. Das führt dazu, dass diese Unternehmen – obwohl sie nur ein Fünftel der globalen Umsätze ausmachen – insgesamt vier Fünftel der Umsätze von internationalen Konzernen kontrollieren.
An dieser Stelle endete das Interesse der Forscher jedoch nicht. Sie entdeckten innerhalb dieser Strukturen eine Super-Einheit von 147 Unternehmen, die besonders mächtig sind. Diese Super-Einheit ist ein in sich geschlossenes System. Die Mitglieder dieser Super-Einheit kontrollieren sich gegenseitig, weil sie sich über ein kompliziertes Geflecht von Beteiligungen größtenteils in wechselseitigem Besitz befinden.

Das Ergebnis ist, dass diese 147 Unternehmen, die weniger als ein Prozent der Firmen ausmachen, mehr als 40 Prozent der 43.000 betrachteten internationalen Unternehmen kontrollieren. Die Analyse zeigt die große Macht der Finanzinstitute. Der Kreis der 50 mächtigsten Unternehmen ist ein fast exklusiver Club von Banken, Fondsgesellschaften und Versicherungen. Nur die China Petrochemical Group schaffte es in diesen kleinen Kreis. Insgesamt sind drei Viertel der Unternehmen der Super-Einheit Finanzfirmen.

James B. Glattfelder, einer der Autoren der Studie, hält diese starke Konzentration von Macht innerhalb der Hände weniger aus mehreren Gründen für problematisch. „Neuere Studien deuten daraufhin, dass ein hoher Grad von Vernetzung die Verbreitung von Stress im Netzwerk begünstigt“, sagte er der Berliner Zeitung. Wie die Finanzkrise 2008 gezeigt hat, genügt es, wenn ein Unternehmen wie damals Lehman Brothers unter Druck kommt, um das ganze System zu destabilisieren.

Studie in der Fachwelt umstritten

Zudem könne die Konzentration auch wettbewerbsschädlich sein. „Nationale Beteiligungsanalysen haben gezeigt, dass kleine, hoch-vernetzte Gruppen schlecht für den Wettbewerb sind.“ Die Machtkonzentration lasse sich aber nur schwierig wieder aufbrechen. „Zwei ältere, nationale Beteiligungs-Netzwerkanalysen haben gezeigt, dass ein Kern, bestehend aus den wichtigsten Knoten, sehr resistent gegenüber Veränderungen ist“, sagte er.

In der Fachwelt wird die Studie heiß diskutiert. Gregory Jackson, Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Freien Universität Berlin, hält die Untersuchung für hochinteressant. Die Erforschung von komplexen Netzwerken habe in anderen Disziplinen, zum Beispiel der Physik, in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. „Die Autoren wenden dieses Wissen nun auf die Welt der Wirtschaft an. Die enorme Machtkonzentration auf wenige Unternehmen überrascht mich nicht, aber die Autoren haben sie erstmals in groben Zügen identifiziert.“

Dass das Datenmaterial schon vier Jahre alt ist, hält Jackson für unproblematisch. „Die Grundaussagen der Studie sind wohl noch zutreffend, auch wenn das Datenmaterial von 2007 stammt.“ Lehman Brothers landete zum Beispiel auf Platz 34 in der Studie. „Die zentrale Rolle von Lehman Brothers gilt natürlich nicht mehr, aber die Strukturmerkmale derartiger Systeme sind wahrscheinlich relativ stabil“, sagte Jackson.

Allerdings rät er zur Vorsicht bei der Interpretation der Studie. „Untersucht worden ist ja lediglich, wie die Struktur aufgebaut ist“, sagte er. Wie sich die hohe Verflechtung auf das Verhalten der Unternehmen auswirke, sei dagegen nicht Teil der Studie. Zum Beispiel werde nicht beantwortet, ob der innere Zirkel besonders stark verflochtener Unternehmen sein Verhalten koordiniert. Auch die Autoren der Studie weisen explizit darauf hin, dass noch untersucht werden müsse, ob das Super-Netzwerk konzertiert politische Macht ausübe.

Yaneer Bar-Yam, Leiter des New England Complex Systems Institute (NECSI), warnte im New Scientist darüber hinaus davor, den Besitz von Unternehmen automatisch mit Kontrolle gleichzusetzen. Ob ein Fonds, der Anteile an einer Firma hält, Einfluss auf die Unternehmenspolitik ausübe, könne von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Dies müsse näher untersucht werden.

Abgeschottete Kaste

Auch Jackson von der FU macht sich nun wie die Autoren Sorge, ob sich der mächtige Firmenkern überhaupt noch aufbrechen lasse, weil der zentrale Kreis einflussreicher Unternehmen von externer Kontrolle quasi abgeschottet sein könnte. „Das wirft die Frage auf, inwieweit überhaupt noch Einfluss von außen auf diese Konzerne genommen werden kann.“

Eine abgeschottete Kaste extrem einflussreicher Finanzinstitute – für die Globalisierungskritiker von Attac ist das keine neue Nachricht. „Wir kritisieren schon seit Langem die enormen Machtballungen, die sich im globalen Wirtschafts- und Finanzsystem herausgebildet haben“, sagte Jutta Sundermann, Mitglied des Koordinierungskreises von Attac Deutschland. „Wir werden uns die Ergebnisse der Studie nun ganz genau ansehen. Wir fühlen uns in unseren Auffassungen bestärkt.“

Die Politik könne kaum etwas entgegensetzen. Das liege vor allem daran, dass die Super-Konzerne die Nationalstaaten gegeneinander ausspielten. „Es ist erschreckend, wie schwach die kontrollierenden Institutionen der Staaten, zum Beispiel Kartellämter, sind.“ Diese Schwäche stelle die Demokratie in Frage, weil der Wille der Mehrheit nicht mehr durchgesetzt werden könne. Einfache Lösungen hat auch Attac nicht.

Allerdings hofft Sundermann, dass beim Treffen der G20-Staaten im November eine stärkere Regulierung der Finanzindustrie vereinbart wird.

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