Die Empörung richtet sich gegen den VW-Hauptaktionär Porsche. Das Unternehmen hatte am Sonntag erklärt, der Konzern habe Zugriff auf 74,1 Prozent der VW-Aktien, davon 31,5 Prozent als Optionen - und damit den beispiellosen Kurssprung ausgelöst. Der Wert eines VW-Titels war daher schon zum Wochenauftakt um mehr als 150 Prozent auf 520 Euro gesprungen - mit negativen Konsequenzen für Millionen Anleger. Für den Höhenflug von VW müssen die anderen Titel im Dax bezahlen. Sie sind nicht mehr gefragt - im Vergleich mit dem europäischen Leitindex Euro-Stoxx 50 habe es im deutschen Börsenbarometer gestern überproportional viele Verlierer gegeben, argumentiert Irmak. "Da ist was dran", heißt es in der Branche.
So müssen Manager von Indexfonds derzeit massiv VW-Aktien nachkaufen, um Indices wie den Dax oder den Euro-Stoxx entsprechend der Gewichte der einzelnen Titel nachzubauen. Und die Titel anderer Firmen im Depot reduzieren - das befördert allein den Kurs von VW, und beschädigt den Wert der anderen 29 Dax-Titel. Das Gewicht von VW im Dax war gestern zeitweise über 30 Prozent gestiegen, nach knapp 16,7 Prozent am Vortag und gerade einmal vier Prozent noch vor wenigen Wochen.
Für diese Turbulenzen sorgten - wieder einmal - Spekulanten. Sie waren am Sonntag von Porsche unter Zugzwang gesetzt worden. Die sogenannten Leerverkäufer, die auf sinkende VW-Kurse gesetzt und geliehene VW-Aktien verkauft hatten, waren von der Erhöhung des Porsche-Anteils bei Volkswagen kalt erwischt worden. Da an der Börse nur noch wenige VW-Papiere übrigblieben und dieHändler trotzdem Aktien zurückkaufen mussten, um sie den Ausleihern wiederzugeben, brach eine regelrechte Jagd auf die Anteilsscheine aus.
Mit den sogenannten Leerverkäufen kann in Zeiten sinkender Aktienmärkte viel verdient werden. Die Grundidee ist, eine geliehene Aktie erst zu verkaufen und dann vor der Rückgabe an den Ausleiher zum niedrigeren Kurs zurückzukaufen. Die Geschäfte sind riskant, aber es passiert kaum, dass sie so spektakulär schiefgehen, wie zuletzt bei der VW-Aktie: Die Financial Times berichtete am Dienstag, der rapide Kursanstieg der VW-Aktie habe den Spekulanten, vor allem Hedgefonds, Verluste zwischen zehn und 15 Milliarden Euro beschert.
Die Deutsche Börse als Betreiber des Wertpapierhandels in Frankfurt, sieht allerdings trotz der massiven Vorwürfe keinen Handlungsbedarf. Nach wie vor befänden sich mehr als fünf Prozent der Aktien in Streubesitz, und der Handel funktioniere. Vorgestern seien ungefähr zwölf Millionen VW-Papiere ge- und verkauft worden, gestern bis zum Mittag gut sieben Millionen. "Es läuft alles nach den Regeln ab."
Wichtige Marktakteure wollen sich damit aber nicht abfinden. "Die Aussagekraft des Dax ist nur noch schwer einzuschätzen", meint Andreas Fink, Sprecher des Bundesverbandes Investment und Asset Management. Er müsse die Entwicklung der deutschen Wirtschaft widerspiegeln, das tue er derzeit aber nicht mehr.
Im Börsenrat gibt es daher bereits vereinzelt Zustimmung für eine Reform des Regelwerks. Wolfgang Gerke forderte eine sofortige Reduzierung des Gewichts von VW im Index. "Wir können nicht stur am Regelwerk festhalten, wenn eines der bekanntesten Börsenbarometer Schaden nimmt", sagte er dem Hamburger Abendblatt. Leerverkäufe würde es freilich auch dann noch geben.
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