Es geht mal wieder hart zur Sache, wie immer wenn die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) Tarifverhandlungen führt. Ab Montag soll in 14 Bundesländern an den Unikliniken gestreikt werden, weil der Verhandlungspartner, die Tarifgemeinschaft Deutscher Länder, die Forderungen der Ärzte nicht erfüllen will. Am Freitag starteten die Tarifparteien einen letzten Einigungsversuch. MB-Chef Rudolf Henke erklärt im Interview, warum die Löhne steigen müssen, wie er die Arbeitgeber gegeneinander ausspielt und was das für den normalen Krankenversicherten bedeutet.
Herr Henke, mögen Sie Streiks?
Nein.
Warum machen Sie dann so viele?
Ach, das hält sich doch sehr in Grenzen. Wir streiken nur, wenn es gar nicht anders geht.
Am Montag steht vermutlich wieder ein Streik an. Die Ärzte an den Unikliniken legen die Arbeit für höhere Gehälter nieder, sollte es nicht noch eine Lösung in letzter Minute geben
Rudolf Henke, 57, führt die Ärztegewerkschaft Marburger Bund seit dem Jahr 2007. Der Gewerkschafter ist Arzt für Innere Medizin, Mitglied der CDU und sitzt seit zwei Jahren im Deutschen Bundestag.
Der Marburger Bund vertritt die Ärzte, die in Krankenhäusern ar
.Wir haben jetzt fünf Verhandlungsrunden hinter uns. Wir haben wirklich mit viel Beweglichkeit, Kreativität, gutem Willen, Diplomatie und allem Charme, den wir aufbieten konnten, auf unsere Verhandlungspartner eingeredet. Das Problem ist, dass wir mit Finanzbeamten verhandeln, die an die strikten Weisungen der Finanzminister gebunden sind. Das war sehr sperrig – und jetzt ist die Geduld verbraucht.
Sie fordern eine bessere Vergütung der Nachtdienste, eine andere Lohntabelle und fünf Prozent höhere Löhne. Die Arbeitgeber sagen, das kostet insgesamt zehn Prozent mehr. Stimmt das?
Nein, das ist stark übertrieben. Nach unseren Berechnungen liegen wir bei einem Gesamtplus unserer Forderungen von 6,3 Prozent. Die Arbeitgeber bieten für zwei Jahre Laufzeit nur 3,75 Prozent mehr. Das gleicht nicht einmal die Inflation aus und für die Jüngeren und Eltern steigt durch die Progression auch noch der Steuersatz.
Wie viele Behandlungen fallen aus, wenn Sie einen Tag streiken?Das kann ich nicht sagen. Es geht aber allein um planbare Operationen, die Notfallversorgung der Patienten ist selbstverständlich sichergestellt.
Die Löhne der Krankenhausärzte sind in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Bezahlt wird das vom kleinen Mann, der in den letzten Jahren nur geringe oder keine Lohnerhöhungen hatte.
Die Ärztegehälter steigen im Gleichschritt mit der Wirtschaftsentwicklung und stellen deshalb auch keine Überforderung der Kliniken dar. Ob das Gehaltsplus vom kleinen oder vom großen Mann indirekt mitbezahlt wird, hängt auch davon ab, aus welchen Mitteln sich die gesetzliche Krankenversicherung finanziert. Da sind ja auch Steuermittel drin, die von Menschen auf der Sonnenseite des Lebens stammen.
Sie weichen aus. Der Bundeszuschuss macht gerade einmal ein Dreizehntel aller Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung aus. Der Großteil der Einnahmen kommt von den Beitragszahlern. Ist das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Ärzten noch im Gleichgewicht?
Ich finde diese Annäherung an tarifpolitische Fragen höchst ungewöhnlich. In Tarifverhandlungen geht es darum, ob es für eine Leistung, die erbracht wird, einen anständigen Gegenwert gibt. Es geht nicht darum, ob das vom Staat bestimmte Finanzierungssystem verbessert werden kann.
Was rechtfertigt die hohen Löhne?
Die Leistung, die wir erbringen, setzt eine 13-jährige Schulzeit, eine sechsjährige Studienzeit und oft eine daran anschließende sechsjährige Weiterbildung zum Facharzt voraus. Ärzte übernehmen viel Verantwortung und arbeiten unter einer hohen Belastung. Das alles rechtfertigt eine angemessene Bezahlung.
Rund 4000 Euro verdient ein Berufseinsteiger. Ist das nicht in Ordnung?
Natürlich kann man von 4000 Euro brutto im Monat leben. Bezieht man aber die Dauer der Berufslaufbahn mit ein, ist die Bildungsrendite nicht besonders toll – auch nicht im Vergleich zu anderen Akademikern in der Chemie- oder Metallindustrie. Es muss sich niemand dafür entschuldigen, dass er dieses Geld verdient. Und es muss sich auch kein Uniklinik-Arzt dafür entschuldigen, wenn er mindestens so gut bezahlt werden möchte wie jeder andere Arzt an einer kommunalen oder privaten Klinik.
Von den Tarifabschlüssen, die der Marburger Bund macht, habe ich den Eindruck, dass es letzten Endes immer nur ums Geld geht. Wie wichtig sind den Ärzten Dinge wie bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bessere Arbeitszeiten, besserer Gesundheitsschutz. Da tut sich doch relativ wenig?
Nein, das ist uns gleichermaßen wichtig und wir haben auch schon einiges erreicht. Wir haben die Erfassung der Arbeitszeit durchgesetzt, wir haben erreicht, dass Bereitschaftsdienste als Arbeitszeit gelten und wir arbeiten daran, die hohe Anzahl der 24-Stunden-Dienste zu begrenzen. Das alles dient dem Gesundheitsschutz und damit auch der Patientensicherheit. Bei manchen Arbeitszeitzielen kommen wir aber nicht richtig voran, weil es an Personal fehlt. Wir haben an den Unikliniken in jeder fünften Abteilung mindestens vier Stellen nicht besetzt.
Heute arbeiten die Ärzte 55 Stunden pro Woche. Wird das noch als zu viel empfunden?
Die 55 Stunden umfassen Bereitschaftsdienste und Überstunden. Das ist an der Grenze.
Standesvertreter lamentieren, dass der Arztberuf nicht mehr attraktiv sei. Wäre es dann nicht gerade angebracht, statt höhere Löhne zu zahlen die Arbeitsbedingungen zu verbessern?
Also, erstens ist Arzt ein toller Beruf! Der macht sehr viel Freude, weil man trotz insgesamt schwieriger Bedingungen immer noch einen relativ großen Gestaltungsspielraum hat und weil das was man tut einen Unterschied im Leben der Menschen macht. Es gibt ein gewisses Gefühl der Dankbarkeit. Allerdings hat sich in den letzten Jahren ein anderer Sinnbezug zur Arbeit entwickelt.
Warum?
Auch an den Universitätskliniken sind die Gespräche zwischen Arzt und Patient immer spärlicher geworden. Wir haben in vielen Kliniken Patienten mit einer Verweildauer unter fünf Tagen. Dann besteht kaum eine Chance, dass man einen Patienten richtig kennenlernt. Die Patienten sprechen mit manchen Physiotherapeuten länger als mit dem Stationsarzt. Es gibt Krankenhäuser, in denen ein Patient bei der Diagnostik, der Operation und danach grundsätzlich von drei verschiedenen Behandlungsteams betreut wird. Bei dieser Art der Arbeitsteilung wird der einzelne Arzt im Grunde austauschbar. Für ihn haben dann Gehalt, Freizeit und die Behandlung durch den Arbeitgeber mehr Gewicht.
Als Gewerkschaftschef kommt Ihnen die Personalknappheit in vielen Kliniken doch gelegen. Sie können die Arbeitgeber gegeneinander ausspielen, sodass die sich gegenseitig mit höheren Löhnen übertrumpfen müssen, um ihr Personal zu halten.
Ich wäre sehr gerne bereit, mit einer Vertretung aller Klinik-Arbeitgeber über einen einheitlichen Tarif zu verhandeln. Die Arbeitgeber wollen aber individuelle, fein ziselierte Tarifverträge.
Das ist erstaunlich.......
Dass ich dann natürlich gerne den Versuch unternehme, den einen oder anderen darauf hinzuweisen, was ich mit anderen Klinikarbeitgebern verhandelt habe, das kann nicht leugnen. Aber wenn ich das nicht machen würde, müsste man Ja sagen: Lasst euch das Lehrgeld zurückgeben.
Wie gerne verhandeln die Arbeitgeber eigentlich noch mit Ihnen? Verhandlungen fahren sich immer wieder fest. Ist der Eindruck falsch, dass man Sie so langsam ein bisschen satt hat?
Ja, der ist falsch! Man muss unterscheiden, was in der Realität stattfindet und was im Meinungskampf vorgetragen wird. Unterm Strich wissen die Arbeitgeber sehr genau, was sie an uns haben. Sie haben nämlich mit uns die Chance auf einen funktionierenden Interessenausgleich auf der Basis arztspezifischer Tarifverträge.
Könnte Ihnen der Erfolg nicht eines Tages auf die Füße fallen? Zunehmend wird beklagt, dass es eine Spaltung der Klinik-Belegschaft gebe: Auf der einen Seite die gut bezahlten Ärzte, auf der anderen Seite das Pflege-, Reinigungs- und Verwaltungspersonal, an dem gespart wird, wo es geht.
Das ist ein populäres Arbeitgeberargument..…
…..das sagt auch die Gewerkschaft Verdi....
…..ja, aber da habe ich zusehends den Eindruck, dass die froh sind, dass wir ihnen den Weg für bessere Tarifabschlüsse ebnen.
Also, gibt es eine Spaltung in der Belegschaft oder nicht?
Der Abbau von Pflegekräften läuft seit Mitte der 1990er-Jahre, als der Marburger Bund noch gar keine Tarifverhandlungen geführt hat. Er hat sich seither nicht verlangsamt und nicht beschleunigt. Es wird einfach weniger Pflegepersonal benötigt, wenn die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus kürzer wird. Ich bin aber auch der Meinung, dass die Pflegekräfte deutlich besser bezahlt werden müssen – und zwar um 20 Prozent. Wir können die Pflege nicht so unattraktiv lassen wie sie ist, wenn das Krankenhaus die Herausforderungen der Zukunft bewältigen will.
Das werden die Pfleger erfreut hören.......
Ich habe aber kein Mandat, Tarifverhandlungen für die Schwestern und Pfleger zu führen. Auch wenn ich weiß, wie man für sie mehr erreichen könnte.
Das Gespräch führte Daniel Baumann.
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