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Mariann Fischer Boel: "Verschwendung ist keine Bagatelle"

Unmengen von Lebensmitteln landen im Müll. Die Verschwendung ist ethisch bedenklich und schadet der Umwelt. Ein Plädoyer von EU-Kommissarin Mariann Fischer Boel.

EU-Kommissarin Mariann Fischer Boel: Lebensmittelverschwendung ist keine Bagatelle.
EU-Kommissarin Mariann Fischer Boel: "Lebensmittelverschwendung ist keine Bagatelle."
Foto: dpa

Brüssel. Jedes Jahr wandern in Europa Unmengen von Nahrungsmitteln in den Abfall. Landet mal ein Apfel im Müll oder ein Liter Milch im Ausguss, so sieht dies zunächst nicht nach sehr viel aus. Diese kleinen Mengen summieren sich aber und erreichen am Ende beinahe unvorstellbare Größenordnungen.

Nach Auskunft der Europäischen Gruppe für Ethik könnten die Lebensmittel, die allein in Frankreich in den Abfalleimer wandern, die Unterernährten in der Demokratischen Republik Kongo satt machen, und mit den Lebensmitteln, die in Italien weggeworfen werden, ließe sich der Hunger in Äthiopien beseitigen - Zahlen, die zu denken geben.

Lebensmittel-Abfallberge sind aber nicht nur ein französisches oder italienisches Problem. Sie sind die Folge unserer Lebensweise, die sich in allen entwickelten Ländern ausgebreitet hat. Nach Schätzungen einer britischen Behörde wird im Vereinigten Königreich etwa ein Drittel aller Lebensmittel unnötig weggeworfen, was die britischen Verbraucher mehr als 13 Milliarden Euro im Jahr kostet.

Dies ist nicht nur schlecht fürs Portemonnaie. Es schadet auch der Umwelt, weil durch unsere Lebensmittelabfälle Jahr für Jahr Milliarden Tonnen Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen.

Nur Packungen für vierköpfige Familien

Meiner Meinung nach ist der Einzelhandel für die Lebensmittelverschwendung teilweise mitverantwortlich. Etwa ein Drittel der Bevölkerung in Europa lebt allein in Einpersonenhaushalten, aber in den Supermärkten findet man fast nur Packungen für vierköpfige Familien.

Ungeeignete Lagerhaltung und Verwechslung von Verkaufs- und Haltbarkeitsdatum sind auch ein Grund dafür, weshalb die Abfallberge in den Supermärkten wachsen. Wir brauchen bessere Leitlinien und Informationen. Dabei könnte der Einzelhandel eine wichtige Rolle spielen.

Die Hauptverantwortung liegt allerdings beim Verbraucher. Wir müssen uns die Frage stellen, warum wir mehr kochen, als wir essen können. Warum kaufen wir drei Hähnchen zum Preis von zwei, wenn wir eigentlich nur eins brauchen?

Warum leiden wir an kollektivem Gedächtnisschwund, wenn es darum geht, die Regeln für gutes Haushalten zu beachten, die für unsere Eltern und Großeltern selbstverständlich waren? Damals wusste man noch, wie man einen Lebensmitteleinkauf plant und wie man aus Resten eine Mahlzeit zubereitet.

Wir brauchen nicht sofort perfekte Hausfrauen und -männer zu werden. Schon mit einem Quäntchen Überlegung und Maßhalten ließe sich viel erreichen. Ich bin überzeugt, dass in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise viele Menschen dankbar wären, wenn sie etwas mehr Geld in der Haushaltskasse hätten - aber leider machen sich nur sehr wenige klar, wie kostspielig die Verschwendung von Lebensmitteln eigentlich ist.

"Love Food Hate Waste"

In ganz Europa gibt es bereits eine Reihe toller Initiativen, oft auf Bürgerebene. In Großbritannien, wo das Problem der Lebensmittelabfälle politisch einen hohen Stellenwert hat, ist die Kampagne "Love Food Hate Waste" ("Wir lieben Essen und hassen Abfall") ein voller Erfolg.

Seit Beginn dieser Kampagne vor zwei Jahren ließen sich 1,8 Millionen Menschen davon überzeugen, weniger Lebensmittel zu verschwenden. Konkret heißt das, dass 137.000 Tonnen Lebensmittel nicht im Müll gelandet sind und die britischen Verbraucher dadurch 325 Millionen Euro gespart haben.

Gleichzeitig wurden die Treibhausgasemissionen um 600.000 Tonnen reduziert - soviel, wie bei 535.000 Flügen von Berlin nach New York und zurück entsteht. Weniger Lebensmittel im Abfall machen sich also nicht nur im Portemonnaie bemerkbar, sondern auch in der Umwelt.

Es gibt aber auch ethische Gründe dafür, dem Konsumwahn zu widerstehen - insbesondere wenn man bedenkt, dass die Weltbevölkerung rapide wächst und nach Schätzungen der Vereinten Nation bis 2050 auf nun Milliarden Menschen ansteigen wird.

Hierdurch gerät die Lebensmittelproduktion unter enormen Druck. Wir müssen mehr und gleichzeitig umweltschonender produzieren. Die Bauern müssen neue Anbauverfahren anwenden, und wir müssen Forschung und Innovation in den landwirtschaftlichen Betrieben besser umsetzen.

Aber es hat keinen Sinn, die Agrarproduktion zu steigern, wenn wir gleichzeitig weiter riesige Mengen Lebensmittel verschwenden. Es wäre dasselbe, als würden wir versuchen, Energieengpässe durch den Bau von mehr Kraftwerken zu beheben statt durch die bessere Isolierung von Gebäuden. Die meisten Menschen haben erkannt, dass Energiesparen Vorteile bringt - für ihre Stromrechnung ebenso wie für den Klimaschutz. Bei Lebensmitteln ist es genauso: Lebensmittelverschwendung ist keine Bagatelle!

Mariann Fischer Boel ist EU-Kommissarin für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung

Datum:  6 | 4 | 2009
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