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22. Juni 2013

Markt und Moral: Der Preis des Lebens: 5,10 Euro

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Bemerkenswert: Während des Experiments stieg der Anteil jener, die das Leben der Maus für Geld opferten, auf 72 Prozent.  Foto: picture alliance

Nicht Geld allein, Märkte untergraben die Moral – das wollen Wissenschaftler mit einem Mäuseexperiment beweisen und kommen dabei zu erstaunlichen Erkenntnissen.

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Nicht Geld allein, Märkte untergraben die Moral – das wollen Wissenschaftler mit einem Mäuseexperiment beweisen und kommen dabei zu erstaunlichen Erkenntnissen.

Menschen lassen sich ihre Werte abkaufen. Für große Summen sind viele bereit, ethische Bedenken beiseite zu schieben. Doch gibt es eine Instanz, die den Preis für unmoralisches Handeln drückt: den Markt. Nicht Geld allein, „Märkte untergraben die Moral“, erklärt Armin Falk. Das will der Bonner Ökonom in einem Experiment belegt haben. Und in dem geht es um Mäuse – um echte Mäuse.

Falk und seine Kollegin Nora Szech von der Uni Bamberg stellten sich die Frage: Warum sind die meisten Menschen gegen Kinderarbeit, Ausbeutung und Tierquälerei, kaufen aber gleichzeitig die billigsten Waren und ignorieren darüber ihre moralischen Werte? Ihre Antwort: Weil der Markt ihnen dabei hilft, die Kosten ihres Verhaltens auszublenden.

Für ihr Experiment sammelten die Wissenschaftler zum einen Labor-Mäuse, die als „überzählig“ klassifiziert waren und daher vergast werden sollten. Zum anderen sammelten sie Versuchsteilnehmer, vor allem Studenten. Die setzten sie zwei Tage lang in die Bonner Beethovenhalle und führten einen Test in drei Stufen durch. Es ging um Geld oder Leben.

In der ersten Runde wurde 120 Teilnehmern eine gesunde Maus mit einer Lebenserwartung von zwei Jahren zugeteilt. Dann wurde den Testpersonen ein Video vorgeführt, in dem gezeigt wird, wie eine Maus vergast wird. Anschließend wurden sie gefragt, ob sie bereit wären, das Leben ihrer Maus zu opfern, wenn sie dafür zehn Euro bekämen. Ergebnis: Immerhin 46 Prozent der Teilnehmer ließen die Maus für einen Zehner sterben. 54 Prozent lehnten den Deal ab, um die Maus zu retten.

76 Prozent der Versuchspersonen ließen die Maus sterben

In der zweiten Runde wurde nun eine Markt-Situation mit zwei Teilnehmern durchgespielt. Einer bekam die Maus und der andere 20 Euro. Nun verhandelten sie über den Preis für die Maus. Wenn sie sich einigten, erhielt der Verkäufer den Preis der Maus, der Käufer behielt den Rest der 20 Euro. Beiden war klar: Einigen sie sich nicht, bleibt die Maus am Leben. Findet aber ein Geschäft statt, wird die Maus getötet. Bemerkenswert: In der Marktsituation stieg der Anteil jener, die das Leben der Maus opferten, auf 72 Prozent.

Noch mehr waren es in der dritten Runde. Hier feilschten Gruppen von jeweils sieben Käufern und neun Verkäufern um den Preis für die Maus – und damit um ihren Tod. 76 Prozent der Versuchspersonen ließen die Maus über die Klinge springen – für relativ geringen Ertrag. Die Konkurrenz unter Käufern und Verkäufern drückte den Preis pro Maus auf durchschnittlich 5,10 Euro. Für diesen Betrag mussten die Nager sterben.

„Unsere Ergebnisse zeigen“, erklärt Falk, „dass Akteure im Marktgeschehen gegen ihre eigenen moralischen Standards verstoßen.“ Laut Falk untergräbt der Markt die individuelle Moral auf verschiedenen Wegen. Beim Handel werde die Entscheidung und damit das Schuldgefühl geteilt. Zudem konzentrierten sich Personen im Marktgeschehen prinzipiell mehr auf materialistische Werte und weniger auf moralische. Und schließlich sehe das Individuum im Handelsgeschehen, dass auch andere ihre moralischen Werte ignorieren. Auch das wirkte moralisch entlastend nach dem Motto: Wenn ich nicht kaufe oder verkaufe, tut es ein anderer.

Falks Schlussfolgerungen haben Empörung ausgelöst. Kritiker bemängeln, er habe nicht die Schlechtigkeit von Märkten belegt, sondern nur die Tatsache, dass Menschen in Gruppen anders agieren als individuell. „Das ist eine wichtige, allerdings auch sehr schlichte Erkenntnis“, so Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann. Mit dieser Kritik zeigt sich Falk einverstanden, hält aber dennoch an der Erkenntnis fest: „In einem Markt mit vielen Akteuren tendieren Probanden dazu, ethische Bedenken links liegen zu lassen.“

Auf Grund dieses Mechanismus, so Falk, kaufen Konsumenten billige T-Shirts, obwohl sie gegen Kinderarbeit und Ausbeutung sind, kaufen billiges Fleisch, obwohl sie Massentierhaltung ablehnen. Die Folgen ihres Konsums für Dritte blenden sie aus – und können es, dank des unüberschaubaren Marktes.

Marktteilnehmer blenden die Folgen des Konsums aus

Daher plädiert Thielemann dafür, das Regelwerk zu ändern, damit moralisches Verhalten lebbar werde. „Als Heilmittel gegen Ausbeutung und Umweltschäden wird oft ein sozial verantwortlicher Konsum gesehen“, sagt der Wirtschaftsethiker, „das reicht aber nicht.“ Man dürfe Wirtschaftsethik nicht auf Individualethik reduzieren. Der Einzelne sei als Käufer meist überfordert – weil er nicht genug Geld habe für bessere Waren oder weil die Produzenten-Lieferanten-Ketten für ihn unüberschaubar seien. „Was wir brauchen ist eine Institutionen-Ethik – also etwa in Form rechtlich verbindlicher Sozial- und Umweltstandards“, so Thielemann.

Kritik an Falks Mäuse-Studie kommt auch von vielen Ökonomen, die den Markt als moralische Instanz sehen. Denn der Markt erzwinge moralische Verhaltensweisen wie Kooperation, Ehrlichkeit und Vertrauen, ohne die kein Geschäft zustande käme. „Der Markt zwingt den Schwachen dazu, ehrlich seine Schwäche gegenüber dem Starken einzugestehen“, so Thielemann, „aber nicht zur Aufrichtigkeit im moralischen Sinne.“ Die Unternehmen hielten ja auch vieles geheim. Thielemann: „Warum sagen viele Hersteller nicht von sich aus, woher die billigen T-Shirts kommen? Weil es sich im Markt auszahlt, die Dinge nicht ehrlich beim Namen zu nennen.“ Zudem sei der Markt offensichtlich kein Garant für gutes Verhalten, „sonst bräuchte es keine Gesetze, die Fehlverhalten unter Strafe stellen“.

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