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Jingle aus der West-Side-Story am Band im Opel-Werk Rüsselsheim
Die Bundesregierung will ein "Opel-Team" aus Vertretern von Bund und Ländern sowie Investmentbankern und Wirtschaftsexperten bilden, das mit der US-Regierung und der Opel-Mutter GM verhandelt. Das kündigte Kanzlerin Merkel in Rüsselheim an.
Die SPD begrüßte diese "Taskforce", wie sie vorher ähnlich auch Vizekanzler Steinmeier gefordert hatte. Sie kritisierte aber scharf, dass Merkel einen befristeten Staatseinstieg bei dem Autobauer ablehnt. Dies geschehe aus "ideologischen Gründen". jw
Physikerin, Fahrerin eines VW Golf, CDU-Vorsitzende, Regierungschefin, Meisterin des Ungefähren. Das ist sie, das kann sie. An diesem Dienstag geht es um etwas anderes. Kann sie Auto-Kanzlerin? Das ist die Frage.
Angela Merkel bei Opel. Zwei Stunden Aug in Aug mit der Krise. Die Frühschicht eilt herbei. Gelb, soweit das Auge blickt. Gelb, gelb, gelb. Es ist die Signalfarbe, die Gefahr anzeigt. Gelbe T-Shirts haben sie übergezogen, in XL-Größe. Das Motto: "Wir sind Opel." Liest sich wie: "Wir sind das Volk." Hat sich der Betriebsrat ausgedacht, heißt es. Listig, hintersinnig. Dürfte Merkel, die gelernte Ossi, ja wohl noch kennen.
Hektik am Eingang von Halle K48. "Wir haben verdammt Glück, dass Wahljahr ist", sagt eiligen Schritts und etwas außer Atem Franz-Josef Weißmantel, ein Arbeiter aus dem Presswerk. Sonst, meint er, sähe es wohl noch trüber aus. "Die können uns nicht einfach hängen lassen." Eine Stunde frei für Politik haben sie bekommen in Rüsselsheim. Die Bänder stehen still, und Weißmantel möchte wie 3500 Kollegen den Auftritt nicht verpassen, den Merkel in der alten Werkhalle hat, die fürs Autobauen nicht mehr gebraucht wird.
Frank-Walter Steinmeier, der Vizekanzler, der Kanzlerkandidat der Sozis, war ja auch schon hier, vor gut vier Wochen. Hat den Arbeiterführer auf der Ladefläche eines Lasters gegeben. "Rauskommen wird diesmal aber auch nichts", sagt Weißmantel, ein Veteran mit 35 Betriebsjahren auf dem Buckel. Da ist er Realist.
Merkel hätte kneifen können. Tut sie aber nicht. Der Besuch beim trudelnden Autobauer Opel in Rüsselsheim war schon vor einem Jahr verabredet. Damals ging es der Tochter des US-Pleitekonzerns GM auch schon nicht gut. Aber dass man so schnell so kurz vor dem Exitus stehen würde, hatte niemand geahnt. "Es hat Gerüchte gegeben, dass ich absagen würde", sagt die Kanzlerin selber. Aber: "Das wäre feige gewesen." Sie sei nun da und sogar "gerne gekommen". Um sich ein Bild zu machen. Und das Gesicht zu wahren.
Die Kanzlerin absolviert eine Tour durch den Stammsitz des Traditionsherstellers. Erst die Hardware, dann die Software, auch Politik genannt. Die Opel-Chefs zeigen ihr die Produktion des neuen Insignia, der preisgekrönten Mittelklasse-Hoffnung der Rüsselsheimer. "Leanfield" heißt das Werk, soviel wie "schlankes Feld". Wenig Leute am Band, hoher Output, also eines der modernsten Autowerke in Europa. Sogar Sonderschichten fahren sie hier, weil das "Auto des Jahres" so gut läuft, mitten in der Krise. Merkel, die von zwei weiteren CDU-Granden begleitet wird, Ministerpräsident Roland Koch und Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung, hört sich alles nüchtern an. Sie spricht mit ein paar Bandarbeitern, doch eher knapp und mit arg unterkühltem Enthusiasmus, wie die Arbeiter später erzählen. Autokanzlerin? Na ja.
Der Rundgang ist schneller absolviert als gedacht. Egal, wichtig ist für die Opelaner das, was nun folgt. Merkel und die Arbeiter.
Nicht schlecht, die Regie, die sich die Opel-Manager ausgedacht haben. Merkel läuft von hinten rechts ein, quer durch den weiten Raum nach vorne links zur Bühne, schüttelt Hände, spricht aufmunternde Worte, als wärs ein Parteitag, kein Notopfer-Treffen.
Dann das "Opel-Lied". Ein Ad-Hoc-Kinderchor aus Opelaner-Sprösslingen drückt popgewaltig auf die Tränendrüsen. "Der Blitz ist wieder da", der Opel-Blitz, so heißt die Hook-Zeile. Vom Rest versteht man nicht alles, aber der Reim geht auf "Insignia". Kadett kommt drin vor, das Traditionsgefährt der Wirtschaftswunderzeit, und auch der "Ampera", das famose Opel-Elektroauto, das ab 2011 vom Band laufen soll. Alles kulminiert in: "Die Hoffnung bleibt, es ist nie zu spät." So mancher Opelaner bekommt feuchte Augen.
Auch Merkel scheint durchaus gerührt. Sie mischt sich unter die Opel-Kids, sie spricht nett mit ihnen, nimmt ihr Geschenk. Es ist nur ein Gefühl, aber es drängt sich auf: Kinder sind ihr näher als PS.
Sie bleibt hart, als sie selber dran kommt - nach den Reden des deutschen und des europäischen Opel-Bosses sowie des Betriebsratschefs, die so inständig, ja flehentlich um Hilfe geworben haben. Das Unternehmen habe ja schon viel getan, um fit zu werden. Die Autos seien top, bedeutet sie. Nur, Staatsknete für Opel, auch übergangsweise wie Konkurrent Steinmeier das inzwischen befürwortet, wird es nicht geben. Denn "der Staat soll Brücken bauen, aber der tollste Unternehmer ist er noch nie gewesen". Sie schlägt vor, alles daran zu setzen einen Investor zu finden, der eine langfristige Opel-Lösung schafft - "freilich mit staatlicher Unterstützung - das sage ich ausdrücklich zu".
Merkel, die Autokanzlerin, die selbst ins Lenkrad greift, um den Unfall zu vermeiden? Diese Hoffung macht sie keinem Opelaner. Sie erwähnt selbst, vor welcher Folie sie agiert. Ein selbsternannter Autokanzler, ihr SPD-Vorgänger Gerhard Schröder, hat auch schon mal den Retter gespielt und sich dafür feiern lassen. Es dürfe bei Opel nicht ausgehen wie bei Holzmann. Schröder hatte ein Rettungskonzept mit staatlicher Hilfe für den angeschlagenen Baukonzern verkündet, der dann aber doch Pleite ging. Übersetzt für Autofahrer: Das Fernlicht anmachen, wenn nicht genug Saft in der Batterie ist - das ist nicht ihr Ding.
"Es wird noch hart, aber wir haben eine gute Chance", deklamiert die Kanzlerin trotzdem. US-Präsident Obama hat dem GM-Konzern 60 Tage Schonfrist gegeben, um sein Konzept nachzubessern. Opel, kann man daraus hören, hat auch nicht viel mehr Zeit. Kein Wunder: Bei den Opel-Werkern erzeugt sie Mut allenfalls in homöopathischen Dosen. Wer nach der Rede mit ihnen spricht, spürt die Enttäuschung. Der lange Beifall, den sie nach den 15 Minuten O-Ton-Merkel spenden, ist nicht Dank, sondern Selbsthypnose
Autokanzlerin? Merkel wird, bevor sie geht, noch der weißlackierte Stromflitzer Ampera vorgeführt, der neben der Bühne steht. Sie will nicht einsteigen, wie ein Gerhard Schröder es getan hätte. Sie will nicht das Lenkrad drehen, den Schalthebel kneten, das Pedal durchtreten. Was tut sie? Sie fragt den Opel-Boss nach der Batterie. "Bauen Sie die selbst?" Sie ist mit der Antwort zufrieden. Der Ampera blinkt rechts.
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