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Mexiko: Drogenkartelle in Mexiko entdecken das Öl

Der mexikanische Staatskonzern Pemex wird vom organisierten Verbrechen ausgenommen. 1370 Mal seien 2011 Pipelines „gemolken“ worden.

Über Nacht verschwinden Teile von Öl-Plattformen.
Über Nacht verschwinden Teile von Öl-Plattformen.
Foto: dpa
MEXIKO-STADT –  

Es vergeht kaum ein Tag, ohne dass eine Nachricht wie diese die mexikanischen Zeitungen füllt: „Wieder illegal Öl abgezapft. Sprithändlerring aufgeflogen. Ölarbeiter spurlos verschwunden.“ In dem staatlichen mexikanischen Erdölmonopolisten Petróleos mexicanos (Pemex) hat das organisierte Verbrechen offensichtlich eine lukrative neue Einkommensquelle gefunden.

„Das Problem ist nicht neu, aber in den vergangenen Jahren ist es deutlich schlimmer geworden“, sagt der unabhängige britische Erdöl-Analyst David Shields. Die Kartelle kapern langsam aber sicher das größte Unternehmen Lateinamerikas.

Pipelines angezapft

Für Pemex selbst ist das ein heikles Thema. Denn das Staatsunternehmen ist so etwas wie der Nationalstolz der Mexikaner und mit einer Produktion von 2,55 Millionen Barrel täglich immerhin viertgrößter Erdölförderer der Welt. Zahlen über den Angriff der Verbrecher-Kartelle gibt der Multi daher nur sehr ungerne preis. Aber vergangenes Jahr nahmen Anzapfen und Abzweigen und sogar physische Übernahmen gesamter Pemex-Einrichtungen derart zu, dass die Unternehmensführung jetzt in die Offensive ging.

1370 Mal seien 2011 Pipelines „gemolken“ worden, wie die Selbstbedienung im Volksmund heißt. Dies sei ein Anstieg um fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr, teilt Pemex mit. Die Gesamtsumme der Verluste habe sich 2011 auf 870 Millionen Euro belaufen. Experte Shields hält diese Zahlen für realistisch. „Durch kriminelle Aktivitäten gehen dem Unternehmen jeden Tag fast 40 000 Liter an Sprit, Rohöl und Gas verloren“, schätzt der Experte. Und in gewisser Weise hat den Schaden jeder Mexikaner zu tragen: Pemex ist der größte Steuerzahler in Mexiko, rund 40 Prozent des Staatshaushalts steuert der Ölmonopolist bei.

Das organisierte Verbrechen bedient sich auf seinen Raubzügen im ganzen Land, aber gerade in den Hochburgen der Drogenkartelle im Norden Mexikos muss Pemex besonders viele Verluste abschreiben. „Es ist bei den Treibstoffen so wie bei den Drogen“, sagt die Investigativ-Journalistin Ana Lilia Pérez. „Die Kartelle ringen in den lukrativen Gegenden hart um die Vorherrschaft.“ Die mexikanischen Verbrecherkartelle hätten den Diebstahl und Schmuggel illegal geraubter Kraftstoffe und Rohöls als ein neues Geschäftsfeld entdeckt, sagt Pérez der Frankfurter Rundschau. Die Autorin hat gerade ein Buch darüber geschrieben, wie das organisierte Verbrechen sich des wichtigsten mexikanischen Unternehmens bemächtigt.

Führend auch in diesem Business ist laut Pérez das Sinaloa-Kartell, das bedeutendste mexikanische Verbrechersyndikat. Im Einflussbereich der Organisation von Joaquín „El Chapo“ Guzmán werde Pemex am stärksten gemolken. Auch Experten für organisierte Kriminalität gehen davon aus, dass das Sinaloa-Kartell längst nicht mehr nur eine Rauschgiftmafia, sondern ein höchst diversifiziertes Verbrecherkartell ist, das nur noch rund 50 Prozent seines Umsatzes mit Drogenhandel macht. Die übrigen Einkünfte generieren sie aus Geschäften wie Menschenhandel, Produkt-Piraterie und eben dem Raub und Schmuggel von Öl und Ölprodukten.

In den Augen der Experten ist Pemex aber nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Hohe Funktionäre des Staatsbetriebs seien oftmals in die illegalen Geschäfte verstrickt, sagt Ana Lilia Pérez. Gerade erst flog im Unternehmen ein Ring von Spritschmugglern auf, der in großem Stil Treibstoffe zu Schnäppchenpreisen an transnationale Unternehmen verkaufte. Zudem gebe es Fälle, in denen über Nacht ganze Teile von Plattformen im Golf von Mexiko abgebaut und abtransportiert würden. Unmöglich, dass das ohne Mithilfe von Pemex-Mitarbeitern und sogar von Sicherheitskräften geschieht, denn die Bohrtürme gehören zu den bestgesicherten Anlagen in ganz Mexiko. „Pemex wird langsam aber sich in ein kriminelles Unternehmen umgeformt“, sagt Autorin Pérez.

Erdöl-Experte Shields sieht das Problem nicht so sehr bei dem Staatsunternehmen. „Die größten Probleme hat Pemex auf der Transport- und Verteilerkette, und die ist in den Händen von Vertragsunternehmen.“

Autor:  Klaus Ehringfeld
Datum:  17 | 2 | 2012
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