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09. Juni 2009

Michael Moore: Goodbye, GM

Michael Moore stammt aus Flint, Michigan. Die Heimatstadt des Autogiganten ist schon seit Jahren verarmt und verwahrlost. Moore sieht im Bankrott eine Chance - für GM und für die Menschen in Flint. Foto: dpa

Dokumentarfilmer Michael Moore sieht im Bankrott eine Chance - für GM und für die Menschen in Flint. Hier sein Plädoyer für eine ökologische Revolution im Land der Spritfresser.

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Spezial: Autobauer

Chrysler und GM sind insolvent. Opel braucht den Investor Magna und Hilfe vom Staat. Porsche und VW kämpfen gegen- statt miteinander. Viele Jobs wackeln. Spezial: Krise der Autobauer

Ich schreibe dies am Morgen des letzten Tages im Dasein des einstigen Industriegiganten General Motors. Es ist der 1. Juni 2009. Um 12 Uhr mittags wird der Präsident der Vereinigten Staaten offiziell bestätigen: General Motors hat Totalschaden erlitten.

Hier in der Geburtsstadt von GM, in Flint, Michigan, bin ich im Kreis von Familie und Freunden, die alle nicht wissen, wie es in Zukunft weitergehen wird. 40 Prozent der Wohnhäuser und Geschäfte in der Stadt stehen verlassen da. Stellen Sie sich vor, Sie lebten in einer Stadt, in der fast jedes zweite Haus leer steht. Wie würden Sie sich fühlen?

Eine traurige Ironie besteht darin, dass die Firma, die die Produktstrategie der "geplanten Obsoleszenz" einführte, d.h. die ihre Autos so baute, dass sie nach wenigen Jahren kaputt gingen, damit die Verbraucher sich neue kaufen musste, dass diese Firma sich jetzt selbst obsolet gemacht hat.

Sie weigerte sich strikt, verbraucherfreundliche Autos zu bauen: niedrig im Verbrauch, möglichst sicher und angenehm zu fahren; ach ja - und die nicht nach zwei Jahren anfangen auseinanderzufallen.

GM verweigerte sich stur den Umwelt- und Sicherheitsbestimmungen. Die Manager ignorierten arroganterweise die "minderwertigen" japanischen und deutschen Autos, die inzwischen weltweit der goldene Standard für Autokäufer geworden sind. Die Chefetage stand außerdem auf Kriegsfuß mit ihrer in Gewerkschaften organisierten Arbeiterschaft und setzte Tausende auf die Straße, nur um die kurzfristige Profitlinie des Unternehmens zu "optimieren".

Seit den 1980er Jahren, als GM Rekordgewinne einfuhr, hat man zahllose Jobs nach Mexiko und in andere Länder ausgelagert und somit Zehntausenden von hart arbeitenden Amerikanern die Existenzgrundlage genommen.

Diese Strategie strotzt natürlich nur so vor Dummheit, denn die Frage ist doch, wer all die Autos kaufen soll, wenn die Leute kein Geld mehr verdienen. GM wird mit diesem Fehlgriff in die Geschichte eingehen, genauso wie die Franzosen mit ihrem Bau der Maginot-Linie oder die Römer mit der Vergiftung ihres eigenen Trinkwassersystems durch die gedankenlose Verwendung von Bleirohren.

Jetzt stehen wir also am Sterbebett von General Motors. Der Leichnam ist noch nicht kalt, und mein Herz - darf ich’s sagen? - springt vor Freude. Es ist keinesfalls Schadenfreude gegenüber einem Unternehmen, das meine Heimatstadt ruiniert und den Leuten, mit denen ich aufgewachsen bin, jede Menge Elend, Scheidungen, Alkoholismus, Obdachlosigkeit, physische und seelische Erkrankungen und Drogensucht beschert hat. Auch freue ich mich natürlich nicht darüber, dass jetzt 21.000 weitere GM-Angestellte ihre Arbeit verlieren.

Aber ich und alle anderen Amerikaner, wir sind jetzt im Besitz eines Automobilkonzerns! Ich weiß, ich weiß: Wer will schon einen Automobilkonzern leiten? Wer will 50 Milliarden Dollar von unseren Steuergeldern aus dem Fenster schmeißen, um GM noch einmal zu retten?

Eins ist klar: Die einzige Möglichkeit GM, zu retten, besteht darin, GM zu zerstören. Andererseits muss auf jeden Fall unsere so wichtige industrielle Infrastruktur erhalten werden. Unsere Autowerke zu schließen und abzureißen, werden wir spätestens dann bereuen, wenn uns klar wird, dass man in diesen Anlagen die alternativen Energiesysteme hätte bauen können, die wir jetzt so dringend brauchen. Und wenn wir endlich beschließen, dass wir uns am besten in Stadtbahnen, Hochgeschwindigkeitszügen und Umweltbussen fortbewegen, wird sich eine Frage stellen: Wie soll das umgesetzt werden, wenn wir unsere Industriekapazität samt des qualifizierten Personals abgeschafft haben?

Während also GM von der Bundesregierung und dem Insolvenzverwalter "umorganisiert" wird, möchte ich Präsident Obama folgenden Plan vorschlagen, der das Wohl der Arbeiter, der GM-Standorte und der Nation im Auge hat. Als ich vor 20 Jahren "Roger & Me" drehte (Moores Dokumentarfilm über Generals Motors, d. Red.), versuchte ich schon, davor zu warnen, was mit General Motors passieren würde. Wäre ich damals in den Chefetagen und Expertengremien nicht auf taube Ohren gestoßen, hätte vielleicht einiges verhindert werden können. So bitte ich also heute wieder darum, die folgenden Vorschläge ernsthaft in Erwägung zu ziehen:

1. Genauso wie Präsident Roosevelt nach dem Angriff auf Pearl Harbour, muss Obama heute den Kriegszustand ausrufen. Wir müssen ab sofort unsere Produktionsstätten dazu nutzen, Massenverkehrsmittel und Fahrzeuge auf der Basis von alternativen Energien herzustellen. 1942 wurde in Flint innerhalb weniger Monate die gesamte Autoproduktion auf die Herstellung von Flugzeugen, Panzern und Maschinengewehren umgestellt. Die Umstellung ging rasend schnell. Alle halfen mit, und die Feinde wurden besiegt.

Auch jetzt befinden wir uns in einer Art von Kriegszustand: dem Krieg gegen das Ökosystem, der von unseren Industriekonzernen geführt wird. Dieser Krieg findet an zwei Fronten statt. Die eine hat ihr Hauptquartier in Detroit. Die Produkte, die dort von GM, Ford und Chrysler hergestellt werden, gehören zu dem höchst wirksamen Kriegsgerät, dem wir die Erderwärmung und das Abschmelzen der Polkappen zu verdanken haben. Wir mögen ja unseren Spaß an Autos haben, aber für Mutter Natur ist jedes einzelne Auto, das auf dem Planeten herumfährt, ein Dolchstoß ins Herz. Autos weiterhin zu produzieren muss irgendwann zum Untergang unserer Art und zur Zerstörung der Erde führen.

An der anderen Front kämpfen die Ölkonzerne gegen Sie und mich. Sie schröpfen uns, wo sie nur können, und sie gehen unverantwortlich mit den begrenzten Ressourcen um. Rücksichtslos beuten sie die Vorkommen aus und lassen die Öffentlichkeit darüber im Unklaren, dass die Vorräte an nutzbarem Erdöl in einigen Jahrzehnten erschöpft sein werden. Dann kann man sich darauf gefasst machen, dass die Leute sich für ein paar Liter Benzin gegenseitig umbringen. Zusammengefasst: Nach der Übernahme von GM sollte Präsident Obama die Fertigungsanlagen sofort umstellen auf die Herstellung umweltfreundlicher Produkte.

2. Es dürfen nicht noch einmal 30 Milliarden Dollar an GM gehen, damit weiter Autos gebaut werden können. Stattdessen sollte das Geld verwendet werden, um die derzeitigen und die bereits entlassenen Angestellten weiterhin zu beschäftigen, so dass die neuen Transportmittel des 21. Jahrhunderts in Produktion gehen können.

3. Die Einführung von Hochgeschwindigkeitszügen innerhalb der nächsten fünf Jahre ist eine weitere Notwendigkeit. In Japan wurde vor 45 Jahren der erste Hochgeschwindigkeitszug in Betrieb genommen; jetzt gibt es dort Dutzende. Durchschnittsgeschwindigkeit: 265 Stundenkilometer. Durchschnittliche Verspätung: unter 30 Sekunden. Seit fast fünf Jahrzehnten gibt es diese Züge in Japan - und wir haben nicht einmal einen einzigen!

Die Tatsache, dass die Technologie bereits existiert, um in 17 Stunden mit dem Zug von New York nach Los Angeles zu kommen, und wir sie noch nicht einsetzen, ist ein Skandal. Ich schlage vor, die Arbeitslosen wieder einzustellen und ein landesweites Netz für Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen.

4. In allen großen und mittelgroßen Städten sollte ein Stadtbahnnetz eingerichtet werden. Die Züge kann man in den GM-Werken bauen. Das nötige Personal, um diese Netzte einzurichten und zu unterhalten, sollte in den jeweiligen Regionen angeworben werden.

5. Für die ländlichen Gegenden, die nicht an das Schienennetz angeschlossen sind, können in den GM-Werken energiesparende Umweltbusse produziert werden.

6. Zunächst können einige Anlagen Hybrid- oder Elektroautos (und die dazugehörigen Batterien) bauen. Die Leute werden einige Zeit brauchen, um sich an die neuen Transportmittel zu gewöhnen. Wenn wir aber in der Zwischenzeit immer noch Autos benutzen, dann solche, die umweltfreundlich und energieeffizient sind. Man kann mit dem Bau solcher Autos schon innerhalb der nächsten vier Wochen anfangen.

7. Einige der GM-Werke können modifiziert werden, um Windmühlen, Solarzellen und andere alternative Mittel der Energiegewinnung zu produzieren. Wir brauchen Millionen von Solarzellen, und es steht ein williges und qualifiziertes Arbeitsheer zur Verfügung, das sie bauen kann.

8. Diejenigen, die mit Bus oder Bahn reisen oder ein Hybridauto fahren, sollten in den Genuss von Steuervorteilen kommen; ebenso die, die ihr Haus auf alternative Energieversorgung umstellen.

9. Um diese Maßnahmen zu finanzieren, sollte die Gallone Benzin mit zwei Dollar besteuert werden. Das wird die Leute dazu bringen, auf die neuen Stadtbahnen und Hochgeschwindigkeitszüge umzusteigen, die von den ehemaligen Angestellten der Autoindustrie für sie gebaut wurden.

Das wäre ein Anfang. Bitte, bitte, bitte steckt kein Geld mehr in GM, weil eine abgespeckte GM-Variante doch nur wieder neue Chevys oder Cadillacs bauen würde. Das aber ist keine langfristige Lösung. Vor 100 Jahren überzeugten die Begründer von General Motors die Welt davon, ihre Pferde, Sättel und Peitschen für ein neuartiges Fortbewegungsmittel einzutauschen. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir uns vom Verbrennungsmotor verabschieden. Er hat uns lange Zeit scheinbar gut gedient, und das Auto hat uns viel Freude bereitet: Drive-In-Restaurants, Liebe auf dem Rücksitz, Autokino, Nascar-Rennen und der Ausblick auf den Pazifischen Ozean vom Highway One.

Aber jetzt ist es vorbei. Wir schreiben ein neues Jahrhundert und ein neues Kapitel. Der Präsident und die Autogewerkschaft müssen jetzt die Ärmel hochkrempeln und angesichts des Scherbenhaufens die Gelegenheit zu einem zukunftsträchtigen Neuanfang nutzen.

Übersetzung: Andrian Widmann

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