Vor einigen Wochen bekam die Spar- und Kreditgenossenschaft Victoria Sacco in Tansania langersehnte Post. Oikocredit, eine internationale Entwicklungsgenossenschaft, die Mitte der siebziger Jahre auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen gegründet wurde, bewilligte einen Kredit in Höhe von umgerechnet 222.000 Euro. Die tansanische Genossenschaft mit 1300 Mitgliedern in der Region Mwanza finanziert damit ihrerseits Darlehen an Kleinunternehmer und einkommensschwache Gruppen.
Die Genossenschaft Oikocredit arbeitet mit Privatkapital. Einzelne Leute, aber auch Organisationen legen ihre Rücklagen in Oikocredit-Anteilen an. Im Gegenzug erhalten die Anleger „einen doppelten − finanziellen und sozialen − Gewinn“, wirbt die in rund 80 Ländern tätig Genossenschaft für ihr ethisches Investment: „Sie erhalten aber nicht nur einen finanziellen Ertrag, sondern können auch sicher sein, dass ihr Geld verwendet wird, um die Armut zu bekämpfen, den fairen Handel zu unterstützen und die natürlichen Ressourcen unseres Planeten zu bewahren.“
Hohe Zahlungsmoral
Von dieser Idee ist auch Edda Schröder angesteckt. Sie war 14 Jahre lang im Topmanagement von Fondsgesellschaften wie Schroders und Fleming tätig, hatte dann aber „keine Lust mehr“, das zu tun, was alle in der Branche machen. Als Geschäftsführerin von Invest in Visions in Frankfurt am Main ging sie Mitte Oktober mit dem ersten in Deutschland aufgelegten Mikrofinanzfonds an den Start. Damit erfüllte sich Edda Schröder einen seit langem gehegten Traum: Ihre Kenntnisse aus der Finanzwelt für Entwicklungsprojekte einzusetzen.
Mikrofinanzierung in Entwicklungs- und Schwellenländern ebnet ärmeren Bevölkerungsschichten den Zugang zu Finanzdienstleistungen. Die Weltbank geht davon aus, dass ungefähr die Hälfte der Haushalte auf dem Globus keinen Zugang zu einem Bankkonto hat. Das sind geschätzt 2,5 Milliarden Menschen.
Als Alternative zu den Banken entstanden in den vergangenen drei Jahrzehnten weltweit schätzungsweise 10000 Mikrofinanzinstitute. Der Aufbau dieser „Banken für Arme“ ist stark mit dem Namen Muhammad Yunus verbunden, der 1983 in Bangladesch die Grameen Bank gegründet hat. Vor fünf Jahren erhielt er dafür den Friedensnobelpreis. Die Grameen Bank öffnet Armen auch dann einen Zugang zu Krediten, wenn sie keine Sicherheiten bieten können. Mikrofinanzierung ist allerdings nicht gleichbedeutend mit Mikrokredit, sondern geht darüber hinaus: Stichworte sind Mikrosparen und Mikroversicherung.
Private Investoren haben Mikrofinanzinstitute inzwischen als Anlagemöglichkeit entdeckt. „Die möglichen Erträge aus einem Mikrofinanzinvestment dürfen jedoch nicht überschätzt werden“, schreibt Katrin Ullrich von der KfW Bankengruppe in einer Studie. „So ist die finanzielle Performance von Mikrofinanzanlagen nur für Investoren interessant, die neben finanziellen auch eine soziale Zielsetzung verfolgen.“
Im Internet bietet die Website www.mikrofinanzwiki.de viele
Möglichkeiten, sich weiterführend zu informieren. In Frankfurt legte der Fondsinitiator Invest in Visions kürzlich den ersten deutschen Mikrofinanzfonds auf. (sal.)
Ungefähr 100 Millionen Euro will Edda Schröder für den Invest in Vision Microfinance Fonds einsammeln, 3,6 Millionen davon hat sie bereits eingeworben, berichtet sie im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Schon in den nächsten Tagen sollen die ersten Kredite an zwei Mikrofinanzinstitute herausgehen: 600 000 Euro nach Kambodscha und weitere 500.000 Euro nach Kolumbien.
Zeichnen können Privatanleger ab 100 Euro. Der Ausgabeaufschlag beträgt drei Prozent. Die jährlichen Verwaltungsgebühr liegt bei 1,4 Prozent. Hinzu kommt eine leistungsabhängige Zusatzgebühr, von der der Invest-in-Visions-Partner Concap Connective Capital, ein Tochterunternehmen der Frankfurt School of Finance & Management, profitiert. Die Zusatzgebühr fällt allerdings nur an, wenn die angestrebte Rendite von vier Prozent dauerhaft überschritten wird.
Die Idee der Mikrofinanzinstitute ist eng verbunden mit einem Mann: Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Er gründete 1983 in Bangladesch die Grameen Bank, die inzwischen mehr als 6.000 Filialen betreibt, wie Yunus kürzlich in der Frankfurt School of Finance berichtete. Dort lobte er auch die „sehr hohe Zahlungsmoral“ der Kreditnehmer. Der Grund: Frauen spielen bei der Armutsbekämpfung aufgrund ihres Einflusses auf Haushaltsausgaben, Ernährung, Gesundheit und Ausbildung der Kinder eine besondere Rolle bei der Mikrofinanzierung − und Frauen gelten in der Regel außerdem als risikoaverser und damit als sichere Kreditnehmer.
Das bestätigt auch eine Untersuchung der KfW Bankengruppe. Dort ist von „beeindruckend niedrigen Ausfallquoten“ in der gesamten Mikrofinanzierung die Rede. Autorin Katrin Ullrich warnt allerdings davor, mit allzu lukrativen Renditen zu rechnen. „Man muss sich im Klaren sein, dass das ein soziales Investment ist“, sagt Ullrich im Gespräch mit der Berliner Zeitung.
Aufgeweichte Standards
Frei von Kontroversen ist allerdings auch das Geschäft der Mikrofinanzinstitute nicht. Immer wieder sorgen beispielsweise die bei den Bauern und Kleinunternehmern eingeforderten Zinsen für Konfliktstoff. Immer wieder kommt es auch zu Rückzahlungskrisen, zum Beispiel in Nicaragua, Marokko, Pakistan, Bosnien und Herzegowina. Die Gründe dafür waren verschieden, marktspezifisch. Allen gemein war jedoch „der zunehmende und regional konzentrierte Wettbewerb mit multipler Kreditaufnahme und höherer Verschuldung durch die Kunden (...), „das Aufweichen der Kreditvergabestandards sowie ein fehlendes kontinuierliches Risikomanagement“, heißt es in der KfW-Studie.
Selbst Yunus stand eine Zeit lang im Zentrum der Kritik. „Ich als Einzelperson bin nicht dafür verantwortlich für das, was andere mit unserer Idee machen“, sagte er dazu knapp an der privaten Frankfurter Hochschule. „Da gibt es inzwischen Geschäftsmodelle, die ich nicht mehr als Mikrofinanzkredite bezeichnen würde.“
Anlage breit streuen
Wer als Kleinanleger auf Nummer sicher gehen will, sollte daher darauf achten, dass der präferierte Mikrofinanzfonds breitgestreut investiert. Oder er setzt gleich auf einen Fonds, bei dem die Mikrofinanzierung nicht die alleinige Rolle spielt. So vertreibt die Ethik Bank nach eigenen Angaben seit einigen Monaten „den ersten Investmentfonds“, der zugleich auf Nachhaltigkeit und Entwicklung setzt. Gemeint ist der Fair World Fonds, der seit gut eineinhalb Jahren auf dem Markt ist. Es handelt sich um einen Mischfonds, der weltweit in verzinsliche Wertpapiere, Aktien und bis zu zehn Prozent in Mikrofinanzfonds investiert.
Den Fonds hat Union Investment in Zusammenarbeit mit der GLS Bank und der Bank für Kirche und Diakonie aufgelegt. Von März 2010 bis Ende Oktober 2011 legte er um 1,4 Prozent an Wert zu. Die Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit zahlt ihren Mitgliedern in der Regel pro Jahr eine Dividende in Höhe von zwei Prozent für ihre Einlage aus, so auch in diesem Jahr für 2010.
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