Im Kampf um höhere Milchpreise haben die Milchbauern offenbar den Durchbruch erzielt. Wie der Deutsche Bauernverband gestern mitteilte, erhöht der Discounter Lidl den Verkaufspreis je Liter um 10 Cent und für Butter je 250-Gramm-Päckchen um 20 Cent. Der Abschluss sei nach harten Verhandlungen zwischen DBV-Präsident Gerd Sonnleitner und dem Lidl-Vorstand zustande gekommen.
Nach Lidl erwägt auch Rewe, die Preise anzuheben. Andere Lebensmittelhändler und Discounter darunter auch Branchenriese Aldi signalisierten Verhandlungsbereitschaft. Der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) und der Milchindustrie-Verband (MIV) wollten sich noch am Donnerstag zu einem neuem Gespräch treffen.
Sollten sich tatsächlich neue Preise auf dem Milchmarkt bilden, werde sich auch die Rewe Gruppe marktkonform verhalten, erklärte Rewe-Sprecher Wolfram Schmuck am Donnerstag. Der Discounter Aldi Süd erklärte sich zu neuen Verhandlungen bereit. Die Unternehmensgruppe wolle auf die Forderungen der Milchbauern und deren Verbände nach kurzfristigen Neuverhandlungen eingehen. Dabei orientiere sich der Konzern an den aktuell im Markt diskutierten Erzeugerpreisen.
Eine Sprecherin von Tengelmann erklärte, "wir beobachten das aktuelle Marktgeschehen und sind bereit für weitere Gespräche". Das weitere Handeln werde sich "am Marktgeschehen orientieren". Auch bei dem zu Tengelmann gehörenden Discounter Plus sagte eine Sprecherin, "wir passen uns der Marktsituation an". Grundsätzlich zu Gesprächen bereiterklärte sich Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka. "Wir werden uns am Markt orientieren und auch an marktwirtschaftlichen Prinzipien wie Angebot und Nachfrage", sagte Sprecher Gernot Kasel.
Vor dem Lidl-Deal hatte bereits eine bayerische Großmolkerei eingelenkt. Nach Angaben des Bundesverbands deutscher Milchviehhalter (BDM) haben die Milchwerke Berchtesgadener Land-Chiemgau rückwirkend zum 1. Juni auf 43 Cent je Liter erhöht. Mit dieser Aktion gehe die Molkerei in erhebliche Vorleistung, da beim Handel die hierfür notwendigen Preiserhöhungen erst durchgesetzt werden müssten, hieß es in der Mitteilung. Der BDM empfiehlt den Lieferanten der Milchwerke die Einstellung des Lieferboykotts. Aldi Süd hat bereits Verhandlungsbereitschaft mit den Molkereien signalisiert.
Die Aktionen der Bauern verlagerten sich am Mittwoch von den Molkereien zum Handel. Vor den Zentralen von Rewe, Lidl und Aldi demonstrierten Bauern. Bei der zweitgrößten Molkerei Humana hieß es, man wolle sich "mit aller Kraft" für bessere Preise beim Lebensmittelhandel einsetzen.
Vebraucher zeigen Verständnis für Forderung der Bauern
Deutsche Verbraucher zeigen derweil Verständnis für die Forderung der Bauern: In einer vom Stern in Auftrag gegebenen Umfrage antworteten 88 Prozent der Kunden, dass sie höhere Preise akzeptierten, wenn die verlangten zehn Cent mehr auch direkt beim Bauern ankommen.
Bei der größten hessischen Molkerei Schwälbchen waren nach Aufhebung der Abriegelung die Milchautos wieder auf Tour gegangen. Immerhin streikt in ihrem Bereich nur jeder zweite Bauer. Auch in anderen Molkereien wie Hochwald, Hocheifel, Humana oder Nordmilch waren die Bauern der Empfehlung ihres Verbands, des Bunds deutscher Milchviehhalter BDM, gefolgt, die Blockade der Molkereien aufzugeben.
Das Blockade-Ende kam aus gutem Grund: Denn das Bundeskartellamt hat gegen den BDM Ermittlungen aufgenommen. Der Boykott von Unternehmen ist, sofern er "unbillig", also unlauter ist, nach dem Wettbewerbsrecht untersagt. Bislang sei aber kein Bußgeldverfahren eingeleitet worden, sagte eine Sprecherin. Erst sei der Sachverhalt zu klären. Allerdings sei der BDM schon vor der Abriegelung der Molkereien auf die gesetzlichen Bestimmungen hingewiesen worden.
Bereits seit mehreren Wochen nimmt das Kartellamt den Milchmarkt unter der Lupe. Dabei geht es um den Vorwurf unerlaubter Preisabsprachen. Es lägen eine Menge Beschwerden vor. So hatten verschiedene Discounter, darunter Aldi, Lidl und Rewe Mitte April gleichzeitig die Preise für Milchprodukte gesenkt, und zwar alle am selben Tagen und um den selben Centbetrag.
Für diesen Donnerstag kündigte der BDM eine Kundgebung vor dem Brandenburger Tor in Berlin an, zu dem mehrere tausend Milchbauern aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden erwartet würden. Der Deutsche Bauernverband (DBV) erklärte den Donnerstag zu einem "nationalen Milch-Aktionstag" und rief alle Milchbauern zur Teilnahme an diversen Veranstaltungen auf.
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