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11. April 2014

Mindestlohn: Deutschland billig Schlachterland

 Von 
Am unteren Ende der undurchsichtigen Kette steht einsam der Fleischarbeiter.  Foto: dpa

Der Bundesrat beschließt den Mindestlohn für die Fleischwirtschaft. Wie ausbeuterisch auf Schlachthöfen gearbeitet wird, beschreibt FR-Reporter Bernhard Honnigfort. Tausende Schlachter aus Rumänien und Bulgarien leben und arbeiten unter erbärmlichen Verhältnissen.

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So lange hat Daniela Reim ihre Stelle noch nicht, sieben Monate genau, aber seit ihrem neuen Job in Oldenburg fragt sie sich jeden Tag, ob sie noch in Deutschland lebt. In dem Deutschland jedenfalls, das sie schätzte, als sie vor 14 Jahren aus Rumänien kam. Das fortschrittliche, gesetzestreue, ordentliche.

Eigentlich ist die junge Frau Geschichtslehrerin, aber seit Oktober 2013 hat sie diesen neuen Job, weil sie Rumänin ist und die Sprache spricht. Eine Stelle, die von der Landesregierung in Hannover im vergangenen Herbst neu eingerichtet wurde. Sie soll sich um Vertragsarbeiter kümmern, mobile Arbeitskräfte, rumänische, bulgarische, polnische, ukrainische. Es gibt Tausende von ihnen im Oldenburger Land und im Emsland, eine anonyme Geisterarmee. Die allermeisten arbeiten auf Schlachthöfen, zerlegen im Akkord Schweine, Rinder, Hähnchen.

Sie sitzt in ihrem kleinen Büro in der Nähe des Oldenburger Bahnhofs, es ist das Ende eines langen Arbeitstages. Meistens fährt sie mit ihrer bulgarischen Kollegin im VW Bulli durchs Land, um mit Schlachtern zu reden. Anonym, irgendwo. Man verabredet sich. Manchmal steht sie dann allein herum, weil der Anrufer nicht kommt, sich doch nicht traut. „Die reden nicht viel“, sagt sie. „Mit der Presse und Gewerkschaft schon gar nicht. Wenn herauskommt, dass einer geredet hat, fliegt er sofort raus.“

Ihr Diensttelefon klingelt mindestens dreimal pro Stunde. Sie erzählt: Ein Schlachtarbeiter aus Emstek, er wollte Urlaub nehmen, aber sein albanischer Vorarbeiter verlangte 400 bis 500 Euro. Sonst gebe es keinen Urlaub. „Ein wirklich aggressiver Typ.“

Noch ein Fall, ein Pole, seine Frau ist schwer krank. Er will heim, sie im Krankenhaus besuchen. Man lässt ihn nicht. Mal sehen, was sie machen kann.

Entrechtet, ausgebeutet

Ein Rumäne, der seinen Vorarbeiter beschimpft haben soll, flog fristlos raus, rief bei Daniela Reim an, wollte sich mit ihr treffen. Aber er kam nie. „Der ist wieder zurück in Rumänien“, erfuhr sie. Vielleicht hört sie ja noch mal von ihm, aber sie glaubt nicht daran.

Oder in Ahlhorn. Da gebe es einen türkischen Subunternehmer, der sofort kündige, wenn einer krank werde. Ein Rumäne rief sie an, er traue sich nicht zum Arzt, obwohl es ihm sehr schlecht gehe. Daniela Reim rief im Schlachtbetrieb an, drohte mit der Presse. Der Rumäne durfte zum Arzt. Er war so krank, dass er für zwei Wochen ins Krankenhaus musste.

Seit sieben Monaten klingelt ihr Telefon, es gibt Dutzende solcher Geschichten. „Viele sind entrechtet, werden ausgebeutet. Es ist furchtbar“, sagt sie. Manchmal kann sie helfen, manchmal nicht.

Nordwestdeutschland. Wiesen, Maisfelder, Mastställe, Schlachthöfe. Bäuerliche Landwirtschaft ist nur noch ein Märchen, das für schöne Bilder in der Wurstreklame taugt. Die Wahrheit ist knallharte Agroindustrie: 33 Millionen Mastplätze für Hähnchen, über zehn Millionen Schweine, mehr Gülle, als Boden und Grundwasser vertragen. Moderne Mastanlagen mit Solardächern, Biogasanlagen, die aus Gülle Strom machen. Und in Stallnähe konzentriert sich Deutschlands Fleischindustrie: 58,3 Millionen Schweine, 3,24 Millionen Rinder, 37,7 Millionen Puten, eine Million Schafe und 627,9 Millionen Hühner werden pro Jahr hierzulande geschlachtet. Nachzulesen im „Fleischatlas 2014,“ der vom BUND herausgegeben wird. Zwar gibt es bundesweit etwa 350 Schlachtereien, doch das große Geschäft machen die ganz großen Schweineschlachter Tönnies, Vion und Westfleisch, bei Geflügel ist es die durch die Marke Wiesenhof bekannte PHW-Gruppe.

Das reiche Deutschland ist ein Billigland für Schlachter geworden, so billig, dass der Großkonzern Danish Crown, Europas größer Schweineschlachter, Tausende Arbeitsplätze von Dänemark nach Deutschland verlegte. Die EU-Richtlinie zur grenzüberschreitenden Entsendung von Arbeitnehmern sorgte für die große Umwälzung in Deutschlands Schlachtbetrieben: Die einheimische Belegschaft wurde zusammengekürzt und durch Billigarbeiter auf Werksvertragsbasis aus Rumänien, Bulgarien und Polen ersetzt.

Brutale Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachthöfen: Schweine, Rinder, Hähnchen im Akkord zerlegen.  Foto: dpa

Für den Fleischarbeiter bleibt nicht viel

Die Regel ist: Der Schlachthof vergibt die Aufträge an einen Subunternehmer. Der wieder an Subunternehmer, der möglicherweise noch einmal an einen Subunternehmer. Am unteren Ende der undurchsichtigen Kette steht einsam der Fleischarbeiter.

Er ist der Ausgebeutete: 60 Stunden Arbeit die Woche, manchmal nur 4,79 Euro netto. Davon gehen 200 bis 300 Euro Monatsmiete für ein Bett in einer Bruchbude mit Sperrmüll ab, außerdem Abgaben an den Subunternehmer für den Transport zur Arbeit. Manchmal kassiert der Sub auch noch Geld für Werkzeug und Arbeitskleidung. „Da bleibt nicht viel“, erzählt Daniela Reim. „Aber die Leute kommen trotzdem nach Deutschland, in Rumänien sind die Zustände noch schlechter.“ Wenn jemand am Monatsende 100 Euro nach Hause überweisen könne, sagt sie, sei das schon viel.

Seit Jahren geht das so im Nordwesten. Ein Zweiklassen-Landstrich ist entstanden: armer Balkan mitten in Norddeutschland. Und es sind nicht sehr viele, die sich über die Zustände empören oder etwas ändern wollen.

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