Die Studenten kamen mit einer ordentlichen Fuhre Mist: Ende vergangener Woche kippten Kommilitonen von der Agrar-Uni Witzenhausen 16 Tonnen Pferdeäpfel vor die Konzernzentrale der KWS Saatgut AG in Einbeck. Sie protestierten damit gegen Freisetzungsversuche der gentechnisch veränderten Zuckerrübe H7-1 auf drei Versuchsfeldern.
Die Studenten sehen in der Gentechnik wie in der Atomkraft eine „Risikotechnologie“. Die KWS, befanden die angehenden Agrarwissenschaftler, solle stattdessen auf eine ressourceneffiziente, nachhaltige Landwirtschaft setzen, also ökologische und bäuerliche Betriebe. KWS reagierte mit Humor: Die Firma werde den Mist „zur Nährstoffversorgung der Pflanzen auf ihren landwirtschaftlichen Versuchsflächen sinnvoll verwerten“.
"Vielfalterleben" heißt das Aktionsbündnis aus mehr als 100 Organisationen und Firmen, das seit einer Woche Unterschriften für eine Petition an den Bundestag sammelt. Die Initiative unterstützt damit den Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) bei seiner Forderung nach einem Anbau-Moratorium für Agro-Gentechnik.
Hauptkritikpunkt der Petition ist die mangelhafte und unzureichende Prüfung gesundheitlicher, ökologischer und sozio-ökonomischer Risiken der Gen-Pflanzen im Rahmen des EU-Zulassungsverfahrens.
50000 Unterschriften müssen dafür bis zum 19. April zusammen kommen – bis gestern waren es rund 20 500. -ke
www.vielfalterleben.info
Die Einbecker Rübe H7-1, die gemeinsam mit dem US-Konzern Monsanto entwickelt und gegen das Totalherbizid Glyphosat (Roundup Ready) immun wurde, ist umstritten. In den USA wurde ihr Anbau im vergangenen Sommer von einem Gericht verboten, und zwar weil für die Gen-Rübe keine Umweltverträglichkeitsprüfung vorliegt. Doch weil es offenbar, so BUND-Gentechnikexpertin Heike Moldenhauer, nicht genug Rübensamen konventioneller Herkunft gab, ließen die US-Behörden die Aussaat für die aktuelle Saison unter Auflagen wieder zu. In den USA sind 95 Prozent der Zuckerrüben gentechnisch verändert. Sie kommen als Futterschnitzel auch in die EU.
Die KWS, Weltmarktmarktführer bei Zuckerrüben, plant, die Gen-Variante Mitte des Jahrzehnts kommerziell auf europäische Äcker zu bringen. Der versprochene Vorteil: weniger Herbizideinsatz. Genau daran haben die Kritiker Zweifel: So hatte der US-Agrarökonom Charles Benbrook in einer Analyse offizieller Zahlen vorgerechnet: Der Anbau von Gen-Pflanzen hat den Verbrauch von Unkrautvertilgern nicht gesenkt, sondern wenigstens in den USA erhöht.
Der deutsche Test-Anbau der Gen-Rübe findet auch im Gentechnik-Schaugarten in Üplingen in Sachsen-Anhalt statt. Der Schaugarten ist im Sommer für Besuchergruppen geöffnet. Dort sind auch gentechnisch veränderter Mais, Weizen und Kartoffeln zu besichtigen – darunter der BASF-Dauerbrenner Amflora. Diese Pflanze, die in Österreich, Ungarn und Luxemburg tabu ist, wurde zuletzt in Mecklenburg-Vorpommern vermehrt. Doch der dortige Landwirt gab auf.
Im Gegensatz zu früheren Jahren, als auf rund 3000 Hektar Gen-Mais in Deutschland wuchs, ist die Republik derzeit annähernd gentechnikfreie Zone. Zwar hatten Landwirte im Winter den Anbau von Mon 810 prophylaktisch bei Standortregister des Bundes angemeldet. Doch nach wie gilt ein im April 2009 aus Vorsorge-Gründen erlassenes Anbauverbot. Inzwischen gilt es in acht EU-Ländern.
Das wird vermutlich nicht so bleiben. Mon 810 steht vor seiner Wiederzulassung. Zwar lässt Monsanto nach Darstellung des Agrarministeriums ein gegen das Verbot gerichtetes Gerichtsverfahren ruhen. Für Aufsehen aber hat ein von Generalanwalt Paolo Mengozzi beim Europäischen Gerichtshof vorgelegtes Gutachten gesorgt: Danach sei, womit Frankreich sein Verbot begründet hatte, ein „hypothetisches Risiko einer Schädigung“ nicht ausreichend für eine Untersagung. Sollte der Hof dieser Einschätzung folgen, könnten die Gen-Mais-Verbote im Sommer fallen.
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