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14. Juli 2016

Mongolei : Der Fluch des Goldes

 Von Kathrin Hartmann
Das größte Bergbauprojekt der Mongolei: Damit die Gold- und Kupermine Oyo Tolgu in der Wüste Gobi gebaut werden konnte, mussten elf Familien weichen.  Foto: rtr

Die Mongolei ist eines der rohstoffreichsten Länder der Welt. Für Mensch und Natur ist dieser Reichtum mitunter lebensgefährlich. Besonders für Aktivisten, die sich gegen die Minen wehren.

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Die endlosen Grashügel leuchten goldgrün in der Morgensonne, rote, blaue und gelbe Blumen tupfen die Wiesen bunt, lose verteilen sich darauf weiße Jurten. Flüsse mäandern zwischen Baumgruppen, verlieren sich in Seen, Nomaden zu Pferd treiben Ziegen, Kühe und Schafe durch die Steppe. Tolkiens Auenland, könnte man glauben, gibt es wirklich. Die Wirklichkeit jenseits des Idylls befindet sich viele Serpentinen hinauf durch schütteren Wald, auf dem Berg Noyon in der Provinz Selenge. Ein Metallgatter mit Stop-Schildern versperrt den Weg, vor einem alten Militärfahrzeug, von dem die Tarnfarben bröseln, kläfft ein Schäferhund, Sicherheitsleute lehnen an einem schwarzen SUV. Am Berghang hinter ihnen klaffen die großen sandigen Kerben der Goldmine Gatsuurt. Sie gehört der kanadischen Firma Centerra Gold und ist eins von vielen Bergbauprojekten, die in der Mongolei für Konflikte sorgen. Denn das Land ist reich an Rohstoffen, nach der die Welt giert: Gold, Kupfer, Wolfram und Zinn für elektronische Geräte, Kohle und Uran für den wachsenden Energiehunger. Das hat dem Land den zweifelhaften Spitznamen „Minegolia“ eingebracht und viele Konzerne und Investoren angelockt.

Die Mongolei ist das am dünnsten besiedelte Land der Welt. Knapp drei Millionen Menschen leben auf einer Fläche viereinhalb mal so groß wie Deutschland. Dass deshalb Platz für Bergbau sei, ist das schlichte Argument vieler Investoren: „Das Schöne daran ist, das hier keine Leute sind, das Land ist flach, es gibt hier keinen tropischen Dschungel und keine NGO“, jubelte Robert Friedland, Gründer von Canadian Turquoise Hill, in schierer Goldgräber-Euphorie. Die Firma, die zur Hälfte dem Bergbaukonzern Rio Tinto gehört, betreibt in der Wüste Gobi die umstrittene Gold- und Kupfermine Oyo Tolgu, das größte Bergbauprojekt des Landes. Aber Friedland irrt gewaltig: zwar gibt es in der Wüste Gobi keinen Regenwald, aber Nomaden und Vieherden. Elf Familien wurden für Oyo Tolgu vertrieben, hunderte leiden unter den Folgen des Bergbaus. Denn in der Wüste Gobi befindet sich auch die riesige Kohle-Mine Tawan Tolgoi, der französische Atomkonzern Areva bohrt nach Uran durch. Gegen Bergbauprojekte haben sich deshalb viele NGO gegründet.

Mehr als 1000 Abbau- und 3200 Schürfrechte hat die Regierung des strukturschwachen Landes bereits erteilt, sie hofft auf Einnahmen. Aber ist es wirklich die Bevölkerung, die vom Rohstoffboom profitiert? 40 Prozent der Mongolen lebt unter der Armutsgrenze. Mehr als zwei Millionen Menschen leben von der Viehwirtschaft, ein Drittel der Bevölkerung sind Nomaden. Sie sind bereits heute von den Folgen des Klimawandels betroffen: In den vergangenen zwei Jahren waren die Winter, die auf extreme Dürren im Sommer folgten, so kalt wie nie zuvor. Insgesamt starben dabei fast fünf Millionen Tiere, die Existenz zehntausender Nomaden war zerstört. Der Bergbau macht ihnen noch zusätzlich zu schaffen: Gold- und Kupferminen benötigen eine Menge Wasser, das knapp ist: Die Wüste Gobi wächst immer weiter in die Steppen hinein, in den vergangenen 20 Jahren sind ein Drittel der Flüsse und Seen ausgetrocknet. Außerdem wird im Goldabbau teils Cyanid eingesetzt, dass Flüsse und Seen vergiftet. Viele Nomaden sind deshalb in und rund um die Hauptstadt Ulan Bator gezogen, die aus allen Nähten platzt: 1,2 Millionen Menschen leben dort, gebaut wurde sie für 600.000. Während glitzernde Hochhäuser in den Himmel schießen, hat nicht einmal die Hälfte der Menschen Zugang zu fließendem Wasser.

Auf einem Hügel etwas entfernt von der Absperrung auf dem Berg Noyon stützt sich Tserennadmid Osorbal auf eine Krücke. Die 63-Jährige leitet die Bewegung „Rettet den Berg Noyon“, der 15 verschiedene Organisationen angehören. Sie wollen verhindern, dass die Goldmine von Centerra Gold hier in Betrieb geht. Nicht nur, dass dafür bereits eine Menge Wald abgeholzt wurde und die Menschen in der Provinz Selenge fürchten, dass der Goldabbau das Wasser raubt und die Flüsse Gatsuurt und Selenge verschmutzt: Noyon ist eine Heiligstätte. Hier gibt es Jahrhunderte alte Grabmäler bedeutender mongolischer Herrscher. Wenn hier, wie geplant, 200 Meter tief gebohrt wird, könnten sie zerstört werden. Im Tal windet sich eine breite Schotterstraße. Sie führt zur Nachbarmine Boroo, 55 Kilometer entfernt, die ebenfalls Centerra gehört. Dort hat die Firma in acht Jahren 51 Tonnen Gold aus dem Berg geholt. In der Gastsuurt-Mine vermutet die Firma weitere 50 Tonnen und 22 Tonnen goldhaltiges Erz, das sie auf jener Straße zur Verarbeitung nach Boroo schaffen. Sie führt mitten durch ein Gebiet, in dem sich viele Wasserquellen befinden und Kleinbauern Land bewirtschaften. „Sowohl die Straße als auch die Probebohrungen sind illegal“, sagt Osorbal. Sie verstoßen gegen das „Gesetz mit dem langen Namen“.

NGO-Gründer Beejin Khastumur.  Foto: K. Hartmann

Das Umweltgesetz von 2008 verbietet die Erkundung und Erschließung von Rohstoffvorkommen so wie deren Förderung an und nahe bei Quellen, Flüssen, Wäldern und Schutzgebieten. Im Zuge dessen wurde auch die Gatsuurt-Mine vorübergehend gestoppt, dennoch baute die kanadische Firma 2009 die Straße. Als die Regierung im Januar 2015 eine Sondererlaubnis für die Gatsuurt-Mine erlassen wollte, kam es zu massiven Protesten, mehr 60.000 Menschen unterzeichneten ein Petition, im Januar 2015 traten neun Aktivisten, auch Osobal, in einen Hungerstreik vor dem Präsidentenpalast in Ulan Bator. Er wurde nach elf Tagen von der Polizei brutal aufgelöst. „Sie haben mich geschlagen und meine Fuß gebrochen“, sagt Osorbal, ihr Knöchel ist immer noch in Schienen. Trotzdem gelang es der Bewegung, vor Gericht durchzusetzen, dass Centerra Gold die Genehmigung entzogen wird. „Ich würde mein Leben für das Land geben“, sagt sie. Es klingt theatralisch. Doch dann lüpft sie das T-Shirt über ihrem Bauch. Er ist voller Narben. Rund um die Proteste hatten Fremde sie in ihrem Haus überfallen und mit dem Messer auf sie eingestochen.

„Bürgerliche Teilhabe ist das wichtigste, in jedem Land sind es die Menschen, die Entwicklung vorantreiben. Wir versuchen, sie nicht zu entmutigen. Niemand muss hier Angst haben, jeder kann seine Meinung frei äußern“. Mit diesen Worten eröffnet der mongolische Präsident Tsachiagiin Ebegdorj am 4. Juli das Asia Europe People’s Forum (AEPF) in der Hauptstadt Ulan Bator. Man möchte ihm gerne glauben. Elf Tage, bevor sich die Staats- und Regierungschefs asiatischer und europäischer Staaten zum Asia Europe Meeting (ASEM) treffen, um die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit zu diskutieren, kommen hier asiatische und europäische NGO zusammen, um gerechte Alternativen dazu zu entwickeln. Bei beiden spielt das Thema Rohstoffe eine große Rolle.

Auch Angela Merkel wird zum ASEM anreisen, Deutschland hat seit 2011 eine Rohstoffpartnerschaft mit der Mongolei. NGO wie Powershift kritisieren das Abkommen: weil es auf den Zugang der deutschen Industrie zu Rohstoffen ausgerichtet ist, Umweltstandards und Menschenrechte aber darin keine Rolle spielen, berge es die Gefahr, den Bergbau voranzutreiben und damit Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung. Dass beides untrennbar miteinander verbunden ist, zeigt sich nirgends so deutlich wie im Bergbau und im Widerstand gegen ihn: Aktivisten werden auch in der Mongolei bedroht, angegriffen und ins Gefängnis gesteckt. Man nennt sie „Grüne Terroristen“.

In einem Café im Uni-Viertel von Ulan Bator sitzt Beejin Khastumur. Er ist Gründer der NGO Delhiin Mongol Nogoon Negdeel (DMNN), die sich seit 2013 gegen illegalen Bergbau einsetzt. Ihr ist es gelungen, mehr als 100 Bergbaufirmen zu stoppen, die gegen das „Gesetz mit dem langen Namen“ verstoßen, die NGO genießt insbesondere bei Nomaden großes Vertrauen. Beejin hat den Hungerstreik gegen die Gatsuurt-Mine im Februar 2015 mitgemacht, ein Jahr später, im Januar, besetzte er mit sechs Mitstreitern drei Tage lang das Denkmal der politischen Opfer in Ulan Bator. Die Regierung hatte schon wieder einer Firma eine Ausnahmegenehmigung zur Förderung von Gold erteilt. Ausgerechnet am Onon, dem saubersten Fluss der Mongolei, der bis nach Sibirien fließt, wo sich rund um den Onon Asiens wichtigste Wasserschutzgebiete befinden. Die Aktivisten forderten die Aufhebung der Genehmigung und den Rücktritt des Bergbauminister Jigjid Rentsendoo. Beejin zeigt das Foto eines Handys. „Onodoor bunghgui bol chi unu!!!“ steht auf de Display. „Eine anonyme Morddrohung, die ich während dem Sit-in bekommen habe“, sagt Beejin. „Seither habe ich keine Ruhe mehr.“

Immer wieder wurden Beejin und seine NGO-Kollegen bedroht und verprügelt, Polizisten haben ihn getreten, Autoreifen wurden aufgeschlitzt, Stromkabel durchtrennt und seine Familie eingeschüchtert. Anfang Februar gipfelten die Übergriffe in einem Ereignis, das ihm jetzt fünf Jahre Gefängnis bescheren kann. Damals fuhr der 46-Jährige mit dem Auto, als er merkte, er wird von einem anderen Wagen verfolgt. Der überholte, bremste ihn so aus, dass es zu einem Auffahrunfall kam. Der Fahrer griff daraufhin Beejin brutal an. Beejin gelang es, sich zu befreien. Daraufhin habe der Angreifer die Polizei gerufen und behauptet, Beejin habe ihn mit dem Messer angegriffen and am Knie verletzt. „Man hat ja sofort gesehen, dass das nicht stimmen kann, nirgends war Blut. Ich habe dem Polizisten gesagt, er soll nach der Tatwaffe suchen, aber er hat das verweigert. Es gibt keine einzigen Beweis!“

Auch später auf der Polizeistation habe er mehrfach darum gebeten, durchsucht und angehört zu werden – vergeblich. Erst am nächsten Tag habe der Gerichtsmediziner bei Beejin viele Blaue Flecken an Beinen und Hüfte sowie eine Gehirnerschütterung festgestellt. Sein Angreifer, der, wie sich herausstellte, bereits vier mal wegen Raub und Körperverletzung im Gefängnis saß, hatte nur einen kleinen Kratzer am Knie. Trotzdem wurde Beejin verhaftet, er saß 18 Tage im Gefängnis und wurde wegen eines „Verbrechens mit Waffengebrauch“ angeklagt. Sein Verfahren ist am 21. Juli. Seitdem liegt die Arbeit von DMNN brach, es gibt kein Büro mehr, die finanziellen Mittel schwinden. Beejin ist ein großer und kräftiger Mann. Auf den Fotos, die er von den Protesten zeigt, wirkt er selbst dann furchtlos, als ihn Polizisten wegtragen. Jetzt ist er ernüchtert. Leise sagt er: „Ich habe das Gefühl, sie wollen uns diesmal ein für alle mal loswerden.“

Internationale Partnerorganisationen von DMNN haben eine Petition an die mongolische Regierung verfasst. Sie fordern darin eine fairen Prozess für Beejin Khastumur.

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