Umweltexperte Klaus Töpfer über Atomausstieg, demokratische Kontrolle, dezentrale Strukturen in der Energieversorgung und eine globale grüne Wirtschaft.
Klaus Töpfer (73) ist Deutschlands renommiertester Umweltexperte. Der CDU-Politiker war von 1987 bis 1998 Bundesumwelt- und Bauminister. Bis 2006 leitete er dann das UN-Umweltprogramm in Nairobi. Im Frühjahr war er Co-Vorsitzender der Ethikkommission zum Atomausstieg.
Foto: DPA/Felix Heyder
Klaus Töpfer (73) ist Deutschlands renommiertester Umweltexperte. Der CDU-Politiker war von 1987 bis 1998 Bundesumwelt- und Bauminister. Bis 2006 leitete er dann das UN-Umweltprogramm in Nairobi. Im Frühjahr war er Co-Vorsitzender der Ethikkommission zum Atomausstieg.
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Klaus Töpfer (CDU) warnt davor, dass die Energiewende in Deutschland schiefgehen könnte. „Ganz klar: Was passiert, reicht nicht“, sagt der renommierte Umweltexperte. Töpfer fordert unter anderem einen „Energiewende-Projektmanager“, der den Umbau steuert.
Herr Töpfer, vor einem halben Jahr hat die Ethikkommission Ihren Bericht vorgelegt. Sind Sie stolz darauf, damit acht Atomkraftwerke abgeschaltet zu haben?
Ich habe mir abgewöhnt, auf etwas stolz zu sein. Meine Mutter hat mir beigebracht: Dummheit und Stolz wachsen auf demselben Holz. Wir müssen erst einmal abwarten, wie die Entscheidung zum Atomausstieg und zu der damit gekoppelten Energiewende – zu der unsere Ethikkommission ja nur einen Beitrag geliefert hat – konkret umgesetzt wird. Da muss noch viel geschehen.
Ein bisschen Stolz dürfte schon sein. Vor fast 25 Jahren haben Sie als Bundesumweltminister gesagt: „Wir müssen eine Energieversorgung ohne Atomkraft erfinden.“ Jetzt meinen das alle.
Unkonventionelle Energiegewinnung
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Unkonventionelle Energiegewinnung
Erdwärme-Kraftwerke, wie dieses im mecklenburgischen Neustadt-Glewe im Kreis Ludwigslust, das 2003 offiziell ans Netz ging, arbeiten mit unterschiedlichen Methoden. Das Geothermie-Kraftwerk nutzt 97 Grad heißes Tiefenwasser aus der Erdkruste und erzeugt jährlich 1.400 Megawattstunden Strom für bis zu 500 Haushalte.
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Auch sogenannte Biogasanlagen ermöglichen es, alternative Energien zu gewinnen. Eines steht in Schwedt in der neuen Anlage des Betreibers Verbio. Die Biogasanlage nahm im März offiziell ihren Betrieb auf. Die Technik wird schon an vielen Stellen genutzt.
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Hier werden nur Reststoffe verwertet. Die Produktionsstätte ist mit einer bestehenden Anlage des Unternehmens zur Bioethanol-Herstellung gekoppelt. Die Biogasanlage kostete nach Unternehmensangaben rund 40 Millionen Euro. und erzeugt rund 30 Megawatt Strom.
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Zu den unkonventionellen Methoden der Energiegewinnung zählen Aufwindkraftwerke. Ihre gigantischen Ausmaße machen sie für Europa wenig geeignet: Bis zu 1000 Meter hoch und 100 Meter breit müssen sie sein. An ihrem Fuß soll ein fast fünf Kilometer großes Glasfeld die von der Sonne im Boden erzeugte Hitze zum Turm in der Mitte leiten und die dort integrierten Turbinen antreiben.
Foto: Schlaich Bergermann Solar GmbH
Mit dieser Technik können 200 Megawatt Strom pro Turm erzeugt werden. Allerdings wohl eher in unbewohnten Wüstenregionen. Eine Anlage kostet bis zu 800 Millionen Euro.
Foto: Schlaich Bergermann Solar GmbH
Eine der ältesten Formen der Energiegewinnung ist Wasserkraft. Das geht jedoch nicht nur durch Staustufen sondern auch mit Gezeitenkraftwerken wie hier in St. Malo (Archivbild). Ebbe und Flut lassen den Wasserstand um bis zu zehn Meter schwanken. Spitzenleistung liegt bei 240 Megawatt.
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Einen ganz anderen Weg beschreiten Druckluftkraftwerke. Weltweit gibt es erst zwei, eins davon in Huntdorf bei Bremen. Es verfügt über eine Leistung von 321 Megawatt.
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Bei Solnova 1 bündeln Spiegel in Form von Parabolrinnen das Sonnenlicht in einem Rohr und heizen das darin zirkulierende Spezialöl, das sogenannte Wärmeträgermedium, auf. Ein anderer Weg besteht darin, das Sonnenlicht von zahlreichen flachen Spiegeln auf einer kleinen Fläche an der Spitze eines oft mehr als 100 Meter hohen Turmes zu bündeln. Vermutlich werden unterschiedliche Technologien im Rahmen des visionären Projekts Desertec zum Einsatz kommen: Das Projekt sieht vor, Strom solarthermischer Kraftwerke aus Nordafrika nach Europa zu übertragen.
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Alternative Energien sind auf dem Vormarsch. Manche sind gerade erst in der Entwicklung, andere längst eingeführt. FR-online.de zeigt die Möglichkeiten der Technik und die Perspektiven auf. Pumpspeicher-Kraftwerke, wie das Hohenwarte II-Kraftwerk in Thüringen, arbeiten mit Wasser. Das seit 1966 laufende Spitzenlastkraftwerk hat eine Leistung von 320 Megawatt Elektroenergie. Zu Zeiten von geringem Elektroenergieverbrauch wird Wasser von einem Unterbecken in das Oberbecken gepumpt, zu Zeiten mit hohem Energiebedarf strömt das Wasser aus dem Oberbecken wieder in das Unterbecken und treibt dabei Turbinen zur Stromerzeugung an.
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dpa/dpaweb
Fotostrecken Wirtschaft
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Windkraft vor deutschen Küsten
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Windkraft vor deutschen Küsten
Für den Windpark BARD gibt es ein Errichterschiff: Hier fährt es im Hafen von Emden auf vier Stelzen hoch. Mit spezieller Technik soll der Windpark vor der Insel Borkum gebaut werden.
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Im Sommer 2010 waren die drei ersten Windräder des einhundert Kilometer nordwestlich von Borkum (Kreis Leer) entstehenden Windenergieparks BARD Offshore 1 fertig.
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Zur Zeit wird am Rysumer Nacken an der Emsmündung gebaut - hier wird ein neuer Generatortyp in emden für den Transport vorbereitet. Dessen Windräder sollen einen Rotorkreisdurchmesser von 120 Metern haben und im April ihren Dienst zur Probe aufnehmen.
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Dafür werden die alten Generatorgondeln per Kran demontiert.
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...und die riesigen Rotoren (Februar 2011).
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Auch riesige Rohre werden für die Windparks vor Borkum verladen, wie hier im Hafen Lubmin.
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Um die Fundamente der Windräder zu bewegen sind Schwimmkräne nötig.
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Die Fundament-Rohre sind rund 430 Tonnen schwer und 85 Meter lang.
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Doch was Technikfans begeistert, hat auch viele Kritiker, sogar von beamteter Seite. Denn einige Windparks sollen in den Zuggebieten von Seevögeln entstehen - die dadurch vertrieben werden könnten.
Foto: Alpha Ventus
Zu den von Windkraftanlagen und Schiffahrt betroffenen Arten gehören der Prachttaucher...
Foto: wiki commons/ Robert Bergman / US Fish and Wildlife Service
...und der Sterntaucher - hier mit Küken (Archivbild)
Foto: wiki commons/David Karnå
Während die Vögel von den Rotoren der Windräder gestört werden, haben die etwa 1,80 groß werdenden Schweinswale (Phocoena phocoena) ein ganz anderes Problem mit den Windparks.
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Sie ertragen den Baulärm nicht, wenn Maschinen die Fundamente in den Meeresboden rammen. Aus einigen Gebieten haben sie sich daher schon zurückgezogen.
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Das Bundesamt für Naturschutz wirft den Betreibern vor, das Problem mit dem Baulärm nicht in den Griff zu bekommen. Das Problem: Viele Anlagen wurden genehmigt, bevor Erkenntnisse über Auswirkungen auf Vögel und Tiere vorlagen.
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Vor der deutschen Küste zur Nordsee entstehen immer mehr große Windkraftanlagen. Die erste Offshore-Anlage war Alpha Ventus, die im November 2010 ihren ersten Geburtstag feierte. Weil die Windparks auf spezialisierte Schiffe zur Versorgung angewiesen sind, hoffen die nahegelegenen Werften auf neue Aufträge.
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dpa
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Sie zu erfinden, war die zentrale Voraussetzung dafür, dass wir jetzt die acht Kernkraftwerke abschalten können, ohne dass die Lichter ausgehen. Ich habe das 1987 gesagt, im Jahr nach der Tschernobyl-Katastrophe. Damals konnten wir die Kernkraftwerke nicht einfach abschalten.
Die Stromkapazitäten hätten schon gereicht.
Aber die Alternative wäre gewesen, viel mehr Kohle zu verbrennen und den Klimaschutz abzuschreiben. Das war keine echte Alternative. Die erneuerbaren Energien steckten noch in den Kinderschuhen. Kein Mensch konnte sich vorstellen, ein großes, exportstarkes Industrieland wie die Bundesrepublik damit zu versorgen. Das ist jetzt anders. Die Ökoenergien sind so weit entwickelt, dass sie den Atomstrom-anteil sukzessive übernehmen können. Ich war etwas daran beteiligt, dass es so weit kommen konnte. Andere, auch die rot-grüne Bundesregierung, haben es fortgeführt. Deutschland ist inzwischen Weltmarktführer in diesen Technologien – eine Erfolgsgeschichte unserer wissenschaftlichen Forschung und für unsere Wirtschaft.
Dass der Atomausstieg bis 2022 jetzt beschlossen wurde, lag aber an Fukushima, nicht an der Weitsicht der schwarz-gelben Bundesregierung. Die hatte ja gerade den Ausstieg aus dem Ausstieg beschlossen.
Das ist richtig. Man kann schon fragen, warum man nicht beim Ausstieg geblieben ist, den Rot-Grün mit den Stromkonzernen ausgehandelt hatte. Nach diesem Plan wäre das letzte Kernkraftwerk Mitte der 2020er Jahre abgeschaltet worden. So mancher in der Stromindustrie wäre froh, wenn die alte Regelung noch gelten würde.