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01. Dezember 2014

Nachhaltigkeit Geldanlage: Das zarte Pflänzchen Nachhaltigkeit

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Der Markt für verantwortungsbewusste Geldanlage ist ein zartes Pflänzchen.  Foto: imago

Der Markt für verantwortungsbewusste Geldanlage wächst, führt aber noch immer ein Nischendasein. Verdient das, was für eine zunehmende Zahl der Deutschen inzwischen Standard ist, wirklich das Etikett „nachhaltig“ oder gehört dazu ein bisschen mehr?

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Das Frühstücksei muss von glücklichen Hühnern sein, der Mais Gentechnik-frei und das Fleisch vom Bio-Bauern. Müll wird getrennt, Konsumgüter werden auf ihre Sozial- und Umweltverträglichkeit geprüft und der Strom kommt von der Photovoltaikanlage auf dem Dach – es lebe die Nachhaltigkeit! Aber verdient das, was für eine zunehmende Zahl der Deutschen inzwischen Standard ist, wirklich das Etikett „nachhaltig“ oder gehört dazu ein bisschen mehr?

Sicher ist, umweltbewusst und sozialverträglich leben entspricht dem Zeitgeist. In letzter Konsequenz tun dies aber nur die Wenigsten. Was ist zum Beispiel mit unserer Mobilität? Fahren wir Auto, Bahn oder Fahrrad? Fliegen wir zum Kurzurlaub mal eben nach Malle? Und was ist eigentlich mit unserem Geld? Bittet man in einem Raum mit 1000 Leuten all diejenigen aufzustehen, denen Nachhaltigkeit wichtig ist, wird der überwiegende Teil der Aufforderung folgen. Fragt man aber die gleichen Personen, wer seine Anlageentscheidungen unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit trifft, steht ungefähr nur jeder fünfte auf.

Das belegen Studien wie etwa der „Global Sustainable Investment Review 2012“, der erste Report, der die Marktdaten von Socially Responsible Investments, also gesellschaftlich verantwortlicher Kapitalanlagen, weltweit zusammengetragen hat. Anfang 2013 lag danach das Volumen nachhaltiger Kapitalanlagen bei mehr als 13,6 Billionen Dollar (mehr als zehn Billionen Euro). Das entsprach einem Marktanteil von 21,8 Prozent am insgesamt verwalteten Vermögen (63,9 Billionen Dollar).

In Deutschland möchten, so steht es im aktuellen Vermögensbarometer des Sparkassen- und Giroverbandes, 31 Prozent der Bundesbürger von ihrem Finanzberater auf nachhaltige Geldanlagen angesprochen werden. Die Zahlen, die das Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG) gesammelt hat, sprechen aber eine andere Sprache. Der Fachverband beziffert das Volumen nachhaltiger Geldanlagen Ende 2013 hierzulande auf 79,9 Milliarden Euro. Im Vergleich zu den 5,2 Billionen Euro privaten Geldvermögens in Deutschland ist das allenfalls ein zartes Pflänzchen. Allerdings stimmt die Tendenz: Nachhaltige Assets konnten im Vergleich zum Vorjahr mit 6,6 Milliarden Euro rund neun Prozent zulegen. Und in Europa sind die Wachstumsraten nach Angaben des europäischen Dachverbands für Nachhaltige Geldanlagen (European Forum for Sustainable Investment (Eurosif) gar zweistellig. Das ließe einen „Mentalitätswandel bei Investoren erkennen“ heißt es bei Eurosif.

Investiert wird meist über Alternativbanken – in Deutschland etwa die GLS Bank oder die Umweltbank, die Kundengeld nur in Vorhaben investieren, die nichts mit der Waffenindustrie, Atomenergie oder Gentechnik am Hut haben. Oder über Fonds, die entweder nachhaltige Aktienindizies abbilden oder handverlesene Aktien von Unternehmen enthalten, die nach mehr oder weniger strengen Kriterien ausgesucht werden. Wer sich die Mühe macht und noch ein wenig tiefer im Markt der nachhaltigen Kapitalanlagen gräbt, stolpert irgendwann unweigerlich über den Global Challenges Index (GCX).

Der GCX, den die Börse Hannover vor sieben Jahren in Zusammenarbeit mit der Nachhaltigkeits-Ratingagentur Oekom research lanciert hat, listet 50 weltweit tätige Großunternehmen sowie mittelständische Betriebe, die durch ihre Produkt- und Dienstleistungspalette nennenswerte Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten.

Das Besondere am GCX: das höchst anspruchsvolle Auswahlverfahren. Die Unternehmen werden auf eine Vielzahl von Positiv- und Negativkriterien hin abgeklopft (siehe Infobox), sie werden porträtiert, um die Aufnahme in den Index für Investoren nachvollziehbar zu gestalten, und ihr Verbleib im Index wird halbjährlich von einem unabhängigen Beirat überprüft. „Es gibt meines Wissens keinen anderen Index, der es in Sachen Transparenz und Nachvollziehbarkeit mit dem GCX aufnehmen kann“, sagt Sandra Reich, Geschäftsführerin der Börsen Hamburg und Hannover im Gespräch mit der FR (siehe Interview). Man habe zudem in Zusammenarbeit mit Oekom eine umfassende Definition von Nachhaltigkeit gefunden.

Spätestens jetzt drängt sich die Frage auf: Was genau versteht man eigentlich unter Nachhaltigkeit? In unserem täglichen Sprachgebrauch ist die Bezeichnung, die im Duden als eine „längere Zeit anhaltende Wirkung“ definiert wird, zu einem Modebegriff verkommen. Sie ist eine dieser Worthülsen, die – je nach Bedarf – mit mehr oder weniger strengen Kriterien gefüllt werden. Politiker und hochrangige Wirtschaftsvertreter bedienen sich ihrer gerne immer dann, wenn sie viel über politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Maßnahmen reden, ohne etwas Konkretes zu sagen.

Begründet, so heißt es, wurde das Prinzip der Nachhaltigkeit im Jahr 1713 von Hans Carl von Carlowitz, als der Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg angesichts einer drohenden Rohstoffkrise in seiner Abhandlung „Sylvicultura oeconomica“ forderte, dass innerhalb eines Jahres nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie im gleichen Zeitraum nachwachsen kann.

Man kann aber auch anderer Meinung sein und die Ursprünge viel früher, im Alten Testament suchen, wo von der Bewahrung der Schöpfung die Rede ist. Denn darum geht es letztlich. Das wird in dem 1987 von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung veröffentlichten sogenannten Brundtland-Report deutlich. Darin heißt es: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ Bei diesem Leitbild ist es geblieben – 1992 beim Erdgipfel von Rio, 2002 beim Rio+10-Gipfel und 2012 beim Rio+20-Gipfel. Und an ihm entlang wurden Ziele wie der Schutz des Klimas und der Umwelt sowie die Bekämpfung von Armut und Korruption formuliert. Wie streng die Umsetzung dieser Ziele bei den verschiedenen Geldanlageformen berücksichtigt wird, liegt aber bei deren jeweiligen Anbietern.

Für den GCX hat die Ratingagentur Oekom, die seit 20 Jahren weltweit Unternehmen, Organisationen und Staaten als Emittenten von Aktien und Anleihen analysiert und als eine der weltweit führenden Ratingagenturen im Bereich des nachhaltigen Investments gilt, einen strengen Auswahlprozess implementiert: Oekom identifiziert zunächst nach dem sogenannten Best-in-Class-Prinzip die Unternehmen, die die besten Nachhaltigkeitsleistungen ihrer Branche erbringen und die den definierten Positiv- und Ausschlusskriterien genügen. Danach wählt Oekom die Unternehmen aus, die im Rahmen ihres Kerngeschäfts einen „aktiven und substanziellen Beitrag“ zu den definierten Handlungsfeldern leisten.

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Anleger mögen sich nun fragen, ob mit so viel Gutmenschentum überhaupt Geld zu verdienen ist. Ist es. Der GCX legte seit seiner Erstnotierung am 3. September 2007 um knapp 60 Prozent zu und brachte Anlegern, die von Anfang an dabei waren, eine höhere Rendite als andere, klassische Anlageformen. So schaffte der Deutsche Aktienindex (Dax) im selben Zeitraum lediglich ein Plus von 28 Prozent. Regelmäßig schlug der GCX seit seiner Lancierung ebenso den Euro Stoxx 50 und den MSCI World.

Auch auf Jahressicht war der GCX ausgesprochen erfolgreich: In den vergangenen zwölf Monaten legte er um satte 21 Prozent zu. „Der GCX zeigt, dass nachhaltige Anlagen eine vergleichsweise höhere Performance erreichen können“, sagt Börsenchefin Reich.

Inzwischen springen auch klassische Geldhäuser auf den Trend auf. Die Commerzbank ist gerade als einzige deutsche Bank in den renommierten Klimaschutzindex „Climate Performance Leadership“ (CPLI) aufgestiegen, die staatliche Förderbank KfW hat ihre erste „Öko-Anleihe“ wegen des reißenden Absatzes von 500 Millionen auf 1,5 Milliarden Euro aufgestockt. Und der Chef des Bundesverbandes deutscher Privatbanken, Michael Kemmer, konstatierte kürzlich: „Nachhaltiges Handeln ist kein Feigenblatt, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit.“ Wenn das so weitergeht, könnte Nachhaltigkeit bald mehr als nur jeden Fünften von seinem Sitz holen.

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