Die Nachricht verstört. Einer der erfolgreichsten Unternehmer des Landes, ja europaweit, geht freiwillig in den Tod. Er wirft sich vor einen Zug. Das lässt nicht nur Familienmitglieder ratlos zurück.
Viele fragen sich, welchen Anteil das Umfeld, die Öffentlichkeit daran hatte. Wurde er in den Tod getrieben? Was kann so schrecklich sein, dass man es lebend nicht ertragen kann?
Sicher ist nur, dass Merckles Freitod nicht auf einer schweren Depression oder etwa einer Neurose gründete. Er nahm sich das Leben, weil er nicht mitansehen mochte, wie das von ihm aufgebaute Firmenimperium zerschlagen wird, wie sein Name in Verruf kommt, der über viele Jahrzehnte einen hervorragenden Klang hatte.
Merckle flößte Respekt ein. Die Politik sonnte sich an der Seite des Vorzeigeindustriellen. Sie konnte auf ihn als Anbieter von Arbeitsplätzen im Südwesten bauen - wenn auch nicht in dem Maße, wie sie es gern gehabt hätte.
Merckle entstammte jener Generation von Unternehmern, deren Firmen in den aufbaufreudigen Nachkriegsjahren größer und größer wurden. Der Markt war da, das Geschäft wuchs quasi von allein, wenn man einigermaßen bescheiden blieb und gleichzeitig eine gewisse Skrupellosigkeit an den Tag legte.
Auf etwa zwei Dutzend Unternehmen brachte es Merckle. Still und heimlich. Verschwiegenheit war erste Pflicht. Keiner hätte geglaubt, dass diese fast beispiellose Aufstiegsgeschichte ein so jähes Ende finden würde.
Irgendwann aber müssen dem Unternehmer sein Grundmisstrauen und die Vorsicht abhanden gekommen sein. Irgendwann muss er der Verführung erlegen sein, Geld aus nichts zu machen. Also zockte er am Finanzmarkt - wie es viele andere erfolgreich taten. Und er verlor - wie viele andere auch. Merckle wollte davon profitieren, dass die VW-Aktien in den Keller gehen. Die aber stiegen.
Am 11. Dezember gab der Patriarch aus Blaubeuren sein letztes Interview. "Wir haben nie gezockt", beharrte Merckle. Es sei doch immer gut gegangen. Er hat nichts falsch gemacht? Das war wohl die gewaltigste Fehleinschätzung eines Menschen, nach dessen Kopf es ein Leben lang ging. Selbstkritik blieb ausgeblendet. Merckle wollte sein Imperium retten - so, wie es ist. Anderes war für den Firmenpatriarchen schlicht unvorstellbar.
Umso kränke ihn wohl eine Wahrnehmung, nach der auch in der Krise manche gleicher sind als andere. Die Landespolitik verweigerte Hilfe, hoffte - berechtigt -, mit ihrer harten Haltung bei schadenfrohen Bürgern zu punkten.
Und die Banken, die gerne Geschäfte mit dem guten Namen Merckle gemacht hatten, mussten sich, selbst klamm, auf einmal absichern. Der gute Name Merckle war keine Währung mehr. In den vergangenen vier Wochen musste diese Erkenntnis Merckle zugesetzt haben. So sehr am Ende, dass er den Niedergang seines grandiosen Firmenkonstrukts nicht mitansehen wollte.
Mit 74 Jahren sah er sich betrogen und gebracht um sein Lebenswerk. Die Gründe für den Freitod kann man nachvollziehen. Und doch schimmert ein wenig Selbstherrlichkeit durch bei diesem dramatischen Schritt. Denn Merckle ging aus dem Leben ohne eine ehrliche Bestandsaufnahme. Und ohne das Eingeständnis eigener Fehler und einen konstruktiven Fingerzeig für seine Hinterbliebenen.
Der Unternehmer bilanzierte - wie er es sein Leben lang zu tun pflegte - ganz allein das Dilemma und zog einen Schlussstrich. Ein spektakulärer Akt, der ein Fanal für eine Wirtschaftskrise gelten kann, deren Anfänge wir gerade erst erleben.
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