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Nahrungsmittelkrise: Kälte macht Getreide teuer

Deutschland kann erstmals seit 25 Jahren den Bedarf an Getreide nicht mehr selbst decken. Schuld ist die grimmige Kälte und die steigende Nachfrage nach Biosprit.

Der internationale Getreiderat (IGC) prognostiziert auch für die nächsten fünf Jahre einen nur knapp versorgten Weltmarkt bei den Cerealien.
Der internationale Getreiderat (IGC) prognostiziert auch für die nächsten fünf Jahre einen nur knapp versorgten Weltmarkt bei den Cerealien.
Foto: ddp

Die sibirische Kälte in Europa lässt die Weizenpreise steigen und löst Ängste vor einer möglichen Verknappung aus. Die seit Mitte Januar andauernde starke Preissteigerungswelle setzte sich am Dienstag fort und sorgt für Preise, wie sie seit fast acht Monaten nicht mehr gesehen wurden. An der Rohstoffbörse Matif in Paris wurde Weizen für mehr als 220 Euro je Tonne gehandelt. Auf dem Höhepunkt der Nahrungsmittelkrise von 2008 waren zwar Preise von bis zu 300 Euro gezahlt worden, das Niveau war danach aber auf fast 120 Euro abgesunken.

Im Hintergrund steht die Befürchtung, dass die grimmige Kälte vor allem in der Ukraine und der Schwarzmeerregion extreme Schäden verursacht hat. Laut Agrarzeitung gehen die schlimmsten Prognosen davon aus, dass etwa 50 Prozent der ukrainischen Wintergetreidebestände verloren gehen könnten. Auch in Teilen Südrusslands werde mit erheblichen Ausfällen gerechnet. Der Grund: Eine schützende Schneedecke fehlt.

Weltweite Ernte-Desaster

Wetter-Kapriolen: Das Wetter verhagelt den Bauern auch in anderen Ecken der Welt die Ernte: So hat eine Flut in Australien große Teile der Baumwollernte und anderer Feldfrüchte zerstört. Zudem sollen dort Hunderte von Schafen und Rinder ertrunken sein. Allein in der Region South Wales werden die bisher aufgelaufenen Schäden auf mehr als 600 Millionen Euro beziffert.

Trockenperiode: In Argentinien ist es die Dürre, die Soja- und Maisfarmer in dieser Saison zu schaffen macht. Wegen der drittschwersten Trockenperiode innerhalb der letzten 100 Jahre soll dort die Ernte von Soja und Mais um 40 bis 70 Prozent kleiner ausfallen.

Der US-Wetterdienst Commodity Weather Group beziffert aufgrund von Satellitenbeobachtungen die durch den harten Winter in Russland verursachten Schäden auf 15 bis 20 Prozent, mehr als doppelt so viel wie in den vergangenen Jahren. Winterweizen steht für etwa drei Viertel der russischen Weizenernte. Die Ukraine ist nicht irgendein Land: Sie zählt zu den wesentlichen Getreideexportländer der Welt.

Im vergangenen Jahr erzielte das Land eine Rekordernte und landete mit einem Export von knapp zehn Millionen Tonnen Getreide auf Platz vier der internationalen Getreideexportländer – hinter den USA, der EU und Kanada. Die aktuelle Lage hat Befürchtungen keimen lassen, dass nicht nur die Ukraine, sondern auch Russland mit Exportbeschränkungen reagieren könnten. Russland allerdings dementierte solche Absichten zunächst, und kündigte sogar an, seine Exporte anheben zu wollen.

Schnitzel könnten teurer werden

Der Deutsche Bauernverband hält sich noch mit einer Prognose für das hierzulande erzeugte Wintergetreide zurück. Erste Einschätzungen werde es in zwei Wochen geben, sagte Sprecher Johannes Funke. Zu schaffen machten den Bauern steigende Energiekosten durch zusätzliches Heizen im Schweine- und Hühnerstall sowie Gewächshäusern oder eingefrorene Wasserleitungen in Ställen.

Die meisten Tiere hingegen hätten wenig Probleme, im Gegenteil: Kühe fühlten sich bei niedrigen Temperaturen wohler als bei Wärme – solange im Stall keine Zugluft herrsche. Allerdings könne es vorübergehende Engpässe bei der Versorgung mit Schweinefleisch geben, weil Bauern wegen der Kälte Transporte zu den Schlachthäusern nicht riskieren. Dies wiederum könnte das Schnitzel teurer machen.

Unterdessen prognostiziert der internationale Getreiderat (IGC) auch für die nächsten fünf Jahre einen weiter nur knapp versorgten Weltmarkt bei den Cerealien. Zwar werde die Produktion weiter ansteigen – um knapp neun Prozent bis zur Saison 2016/17. Dies gehe aber einher mit einem wachsenden Bedarf, so dass die weltweiten Lagerbestände weiter schrumpfen. Der Bedarf an Getreide für industrielle Zwecke werde um fast 14 Prozent auf 343 Millionen Tonnen steigen, wovon fast die Hälfte in die Produktion von Ethanol – also für Kraftstoff – fließen dürfte.

Die steigende Nachfrage nach Biosprit – gepaart mit schlechtem Wetter und dem Rückgang der Anbaufläche – hat inzwischen Deutschland erstmals seit 25 Jahren zum Importeur von Getreide werden lassen. So zeigen Berechnungen des niedersächsischen Agrarstatistikers Georg Keckl, dass Deutschland im vergangenen Sommer nur rund 41,5 Millionen Tonnen Getreide geerntet hat.

Der Inlandsverbrauch aber liegt bei rund 44 Millionen Tonnen. Keckl macht dafür auch den steigenden Anbau von Pflanzen für die Erzeugung von Biosprit (Biodiesel, E 10, Ethanol sowie Biogas) verantwortlich. Mehr als sechs Prozent des in Deutschland erzeugten Getreides, ob Roggen, Weizen, Mais oder Raps, wandern in den Tank. Der Rohstoff dafür wird auf zwei Millionen Hektar angebaut – 130.000 Hektar mehr als im Jahr zuvor. Bei der Spritherstellung fallen allerdings auch Reste wie Schrot an, die im Futtertrog landen.

Autor:  Stephan Börnecke
Datum:  8 | 2 | 2012
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