München. Ausgerechnet der ADAC: Die Autofahrer-Lobby bricht eine Lanze für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Deutschland. Bus und Bahn hier sind weit besser als ihr Ruf, ist das Ergebnis eines ADAC-Tests in 23 europäischen Groß- und Hauptstädten.
"Autofahrer sollten ihren örtlichen ÖPNV vorurteilsfrei auf den Prüfstand stellen, ob er nicht doch die bessere Alternative zum Pkw ist", rät Studienleiter Robert Sauter, Chef der ADAC-Verbraucherschutzabteilung.
Der Testsieger München hat als einziger die Note "sehr gut" erhalten. Aber auch die anderen vier deutschen Städte Hamburg, Frankfurt, Leipzig und Köln sind mit "gut" unter den Top Ten.
Die Tester haben Busse und Bahnen über sieben Wochen hinweg unter die Lupe genommen, und zwar in den vier Kategorien Fahrzeit, Umsteigen, Information und Preis. Anlass zu Kritik sieht ADAC-Vizepräsident Arnulf Lode in Deutschland dabei mit Ausnahme von Leipzig nur bei den teils hohen Preisen. So kostet eine einzelne Stadtfahrt beim Testsieger München immerhin 2,40 Euro, in Amsterdam nur einen Euro.
Qualität hat ihren Preis
Zwar signalisiere die Studie, dass Qualität ihren Preis hat, räumte Sauter ein. Es gehe aber auch anders, wie das Beispiel der Nummer zwei Helsinki zeige. Die finnische Hauptstadt hat beim Preis mit "sehr gut" abgeschnitten, gegenüber "ausreichend" bei München. Ob oder wie der ÖPNV in den einzelnen Städten subventioniert wird, hat der Automobilclub allerdings nicht berücksichtigt.
Fakt sei jedenfalls, dass die in Deutschland häufige Kritik an angeblich umständlichem Umsteigen oder langen Fahrtzeiten im Test keinen Bestand hatte, betont Lode. Geprüft hat der ADAC zwischen Ende Oktober und Mitte Dezember 2009 bei normalen Wetterverhältnissen, um vergleichbare Ergebnisse zu haben. Deshalb wurde auch Berlin nicht getestet, weil der ÖPNV der Bundeshauptstadt damals massive technische Probleme hatte.
Zagreb schneidet am schlechten ab
Auch unter regulären Verhältnissen glatt durchgefallen sind beim ADAC-Test die Hauptstädte Sloweniens und Kroatiens, Ljubliana und Zagreb. In Zagreb zockelt die Tram im Schnitt mit 13 Stundenkilometern (km/h) durch die Stadt, während die U-Bahn in München auf über 30 km/h kommt.
Daneben sind bei den Testverlierern Fahrplaninformationen Mangelware, oft tragen die Haltestellen nicht mal Namen. In Sachen Tarifchaos bricht Lissabon Negativrekorde - Fahrgäste müssen zwischen 70 verschiedenen Monatstickets wählen.
Wer die Verhältnisse in anderen Ländern sieht, kann in Deutschland nicht mal unbedingt über zu hohe Preise klagen. In London kostet ein ÖPNV-Monatsticket 111 Euro, fast doppelt so viel wie in München. Die einzige deutsche Stadt, die beim Preis mit "mangelhaft" benotet wurde, ist Frankfurt.
Nur in zwei Teststädten war laut ADAC der ÖPNV noch teurer. Der Preis sei die einzige Stellschraube, über die Nahverkehrsgesellschaften hier zu Lande noch mehr Autofahrer in Bus und Bahn locken können, sagen die ADAC-Experten Sauter und Lode.
Verbraucher sollten aber auch bedenken, dass ein mit einem Kompaktwagen gefahrener Kilometer mit 40 bis 50 Cent zu Buche schlage und sich vermeintlich hohe ÖPNV-Tarife damit schnell relativieren. Ohne ÖPNV würde das Verkehrssystem in unseren Städten ohnehin kollabieren, stellt der ADAC klar.
Bundesweit werden nach einer aktuellen Studie acht Prozent aller täglichen Wege mit dem ÖPNV zurückgelegt, in großen Städten und Ballungsräumen sogar 20 bis 30 Prozent. In Zeiten von Verkehrsspitzen wächst diese Quote auf bis zu zwei Drittel.
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