Aktuell: Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

29. März 2015

Naomi Klein über den Klimawandel: "Das Wirtschaftssystem in Frage stellen"

 Von 
Eines der bekanntesten Gesichter der globalisierungskritischen Bewegung: Naomi Klein.  Foto: reuters

Naomi Klein über Gewinner und Verlierer des Klimawandels. Dieser ist ihrer Ansicht nach eine soziale Frage, die alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft. Was die Abwendung der Folgen des Klimawandels anbelangt, ist die Autorin eher pessimistisch.

Drucken per Mail

Ein Hotel in Berlin, Botschaftsviertel, Granitsäulen am Eingang, innen leiser Jazz. In der holzgetäfelten Lounge schluckt weicher Teppich Geräusche. Naomi Klein sitzt an einem großen Glastisch. Mit einer Handbewegung weist sie auf den Raum, zuckt die Schultern und sagt „Schon ein bisschen peinlich“. Das hier ist nicht ihre Welt. Vor einigen Tagen noch stand die Ikone der globalisierungskritischen Bewegung auf einer Bühne in Frankfurt am Main und sprach zu den Blockupy-Demonstranten, während in einem anderen Teil der Stadt Autos brannten. Nun ist die Kanadierin auf Lesereise für ihr neues Buch. Und ihre Botschaft passt nicht zu einem Edel-Hotel: „Wir müssen das Wirtschaftssystem in Frage stellen.“

Frau Klein, Ihr neues Buch trägt den Titel „Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima“. Wagen Sie eine Prognose: Wer gewinnt?
Müsste ich Geld setzen, würde ich auf den Kapitalismus wetten. Ich bin eher pessimistisch.

Zur Person

Naomi Klein (44) ist eines der bekanntesten Gesichter der globalisierungskritischen Bewegung. Die Kanadierin studierte Anglistik und Philosophie in Toronto, brach ihr Studium jedoch ab und wurde Journalistin. Weltweit berühmt wurde sie mit ihrem Buch „No Logo“, das 2000 kurz nach den Großdemonstrationen gegen die Welthandelsorganisation WTO in Seattle erschien. In „Schock-Strategie“ beschrieb sie, wie Naturkatastrophen, Wirtschaftskrisen und Kriege dazu genutzt werden, Privatisierung und Deregulierung durchzusetzen. In „Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima“ wendet sie sich dem Klimaschutz zu. Klein lebt in Toronto und nennt sich „demokratische Sozialistin“.

Die New York Times schreibt aber, dies sei ihr „optimistischstes Buch“.
Ich weiß auch nicht, wie die darauf gekommen sind. Vielleicht, weil ich dem Klima noch eine Chance gebe?

Sie schreiben über Klimawandel und was dagegen zu tun ist. Vor einigen Tagen sprachen Sie auf einer Demonstration gegen die Europäische Zentralbank in Frankfurt. Was hat die EZB mit dem Klimawandel zu tun?
Was ich in Frankfurt vorschlagen wollte, war eine Zusammenarbeit der vielen Widerstandsgruppen und Bewegungen weltweit. Ich bin in den vergangenen Jahren viel gereist, habe mit vielen politisch Engagierten gesprochen. Mir ist klar geworden: Alle diese Kämpfe müssen vereint werden, um den Klimawandel zu stoppen. Denn er ist nicht allein eine Frage von Temperaturen und CO2-Konzentrationen in der Luft. Er ist eine soziale Frage, die alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft.

Können Sie das genauer erklären?
Nehmen wir die EZB. Sie gilt als Symbol für die Sparpolitik in Europa. Diese Sparpolitik fordert nicht nur enorme soziale Opfer. Sie hat gerade in Südeuropa viele Projekte zu Fall gebracht, die auf eine Senkung des CO2-Ausstoßes zielten. So hat Spanien Programme für den Ausbau erneuerbarer Energien zusammengestrichen. Darüber hinaus sieht auch die EZB nur eine Lösung für alle wirtschaftlichen Probleme: Wachstum. Und es ist ja gerade dieser kapitalistische Wachstumszwang, der einen effektiven Kampf gegen den Klimawandel unmöglich macht. Zum Beispiel, wenn Griechenland geraten wird, in seiner wundervollen Natur nach Öl und Gas zu bohren. Insofern sollten die EZB-Kritiker Teil der Bewegung für Klimagerechtigkeit sein.

Warum sprechen Sie von „Klimagerechtigkeit“ und nicht von „Klimaschutz“?
Es ist der passendere Begriff. Laut Studien des Klimaforschers Stephen Pacala sind die 500 Millionen reichsten Menschen auf der Welt für etwa die Hälfte der globalen Emissionen verantwortlich – also die Reichsten aller Länder. Gleichzeitig sind die Armen – in allen Ländern – am stärksten vom Klimawandel bedroht. Die Reichen werden also zahlen müssen.

Sie auch?
Ja, auch ich. Ich habe den Klimawandel lange negiert, länger als ich zugeben mag. Um mein Gewissen zu beruhigen, habe ich mir ein saubereres Auto besorgt, regionale Produkte gekauft und ansonsten gehofft, dass die Politik das Problem schon regeln wird. Inzwischen ist mir klar: Das wird so nichts. Wenn jeder verantwortungsbewusst einkauft und lebt: Gut und schön. Aber es reicht nicht. Um den Klimawandel zu stoppen, müssen die Emissionen von Kohlendioxid um acht bis zehn Prozent sinken – pro Jahr. Wie soll das funktionieren in einer Wirtschaft, die auf Wachstum ausgelegt ist? Man muss das System ändern, das die Krise unausweichlich macht.

Der große Teil des Emissions-Zuwachses entfällt auf China. Müsste man dort ansetzen?
Ja, aber nicht nur. Erstens kann man ärmeren Ländern nicht eine wirtschaftliche Entwicklung verweigern, die wir schon hinter uns haben. Zweitens profitieren gerade Unternehmen aus Industriestaaten vom chinesischen Boom. Auf der Suche nach der billigsten Arbeit haben sie Fabriken nach China verlagert, und damit wurden diese Fabriken schmutziger. Betrieben werden sie mit der billigsten Energie – Kohle. Die billigen Waren werden großteils in die Industriestaaten exportiert und dort konsumiert. Man kann nicht sagen, dass wir mit Chinas Emissionen nichts zu tun haben.

Im Dezember treffen sich die UN-Staaten zur Klimakonferenz in Paris. Haben Sie Hoffnung?
Ich erinnere mich an 2009, als die Klimakonferenz in Kopenhagen spektakulär scheiterte. Da ist mir klargeworden: Die Politik wird uns nicht retten. Die internationale Klimadiplomatie ist eine Folge von Fehlschlägen. Die globalen CO2-Emissionen lagen 2013 um 61 Prozent über 1990. Es nähert sich der Punkt, an dem der Klimawandel unkontrollierbar wird – dann drohen der Zerfall des westantarktischen Eisschilds, Baumsterben im Amazonas, brutale Hitzewellen, Ernteeinbußen, Zusammenbruch der Wasserversorgung. Laut Internationaler Energieagentur müssen wir die globalen Emissionen bis 2017 unter Kontrolle bekommen, also praktisch morgen. Das alles ist bekannt. Es gibt Pläne, was zu tun ist. Und es gibt die technischen Mittel. Ich frage: Was fehlt?

Auch Rentiere in Kanada sind vom Klimawandel betroffen.  Foto: REUTERS

Einsicht in die Notwendigkeit?
Zum Teil. Wir alle möchten unser Konsummodell beibehalten und ignorieren ökologische Folgen. Das fällt beim Klimawandel besonders leicht. Denn er vollzieht sich – bislang – sehr langsam. Zudem setzt er sich aus vielen Einzelphänomenen zusammen – da schmilzt ein Gletscher in der Antarktis, in Kanada verschwinden die Rentiere, in der Südsee steigt der Meeresspiegel ein paar Zentimeter. Klimawandel ist schwer sichtbar. Das mag das Desinteresse am Thema erklären – aber nicht, warum die Politik es verschleppt. Die Wahrheit: Es werden keine notwendigen Schritte unternommen, weil diese Dinge in fundamentalem Widerspruch zum deregulierten Kapitalismus stehen. Die notwendigen Maßnahmen sind eine Bedrohung für eine extreme Minderheit.

Aber von einer wachsenden Wirtschaft profitiert doch nicht nur eine Minderheit.
Sicher, nur: Der Klimawandel kommt. Es gibt Berechnungen, die sagen: Wenn wir so weitermachen wie bisher steigt die globale Temperatur um vier Grad. Das wäre eine Katastrophe – für die Mehrheit der Menschen. Die Reichen dagegen können sich immer schützen. Ändern wir nicht das System, so gehen wir in eine Welt mit einer kleinen Gruppe superreicher Gewinner und Heerscharen von Verlierern in den Opferzonen. Von solchen Szenarien leben viele große Science-Fiction-Filme: Mad Max, Elysium oder Die Tribute von Panem.

Sie sprechen immer von einer Änderung des „Systems“. Was lässt Sie glauben, dass die notwendigen Maßnahmen nicht mit ihm vereinbar sind? Der Kapitalismus hat sich schon oft als flexibel und innovativ erwiesen.
Ich habe absolut keine Zweifel, dass der Kapitalismus sich mit dem Klimawandel arrangieren und ihn zur Quelle von Gewinnen machen kann. Ich mache mir keine Sorgen um den Kapitalismus, sondern um uns. Um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen, brauchen wir eine Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft, wir müssen den Einfluss der Konzerne zurückdrängen, Freihandelsabkommen blockieren. Es müssen große Summen in den Umbau der Agrarwirtschaft und der öffentlichen Infrastruktur fließen, die Energie- und Wasserversorgung und den Umbau der Städte, um den Verkehr zu vermindern. Ein riesiges Programm, dass schnell umgesetzt werden muss. Ist das möglich? Natürlich. Ist das möglich, ohne die Grundregeln des deregulierten Kapitalismus anzugreifen? Keinesfalls.

Was sind diese „Grundregeln“?
Privatisierung des öffentlichen Sektors, Deregulierung der Unternehmen, Senkung von Einkommens- und Unternehmenssteuern bei gleichzeitigen Einschnitten bei öffentlichen Ausgaben. Und daneben das Primat der Rendite – nichts geschieht, wenn es sich nicht für Investoren lohnt. All dies ist unvereinbar mit einem effektiven Kampf gegen den Klimawandel. Unser Wirtschaftsmodell fordert ungehinderte Expansion. Unser Klima braucht einen Rückgang des Ressourcenverbrauchs. Nur eines dieser Regelsysteme lässt sich verändern.

Viele setzen auf grüne Technik. Sie soll Wachstum mit begrenzten Ressourcen ermöglichen.
Ein schöner Traum. Umstellung auf effiziente und saubere Technik ist gut und notwendig. Aber sie ist nicht ausreichend und dauert zu lang.

Ihr Programm wird teuer.
Als 2008 die Finanzmärkte wackelten und Banken die Pleite drohte, standen Billionen Dollar für ihre Rettung zur Verfügung. Heute geht es nicht mehr um nur ein paar Banken. Geld ist da: Man könnte eine Finanztransaktionsteuer erheben, Steuerparadiese schließen, eine Milliardärsteuer einführen, Subventionen für die Fossilwirtschaft auslaufen lassen und CO2-Ausstoß besteuern.

Klein sprach am 18. März 2015 auch zu den Blockupy-Demonstranten in Frankfurt.  Foto: dpa

All das geht aber nur, wenn die großen Staaten kooperieren.
Natürlich. Und das tun die nicht von selbst, dafür braucht es Druck von unten. Den gibt es schon: In Griechenland kämpfen Menschen gegen umweltschädlichen Goldabbau, im britische Sussex gegen Fracking-Bohrungen, im australischen New South Wales gegen neue Kohleminen, im Niger-Delta gegen das Abfackeln von Gas und in Deutschland gegen Braunkohle. Für diese Leute möchte ich werben, ich will sie zusammenbringen. Wir stehen vor der Wahl: Entweder wir verändern die Welt oder der Klimawandel tut es. Im ersten Fall können davon die meisten profitieren, im zweiten Fall nur eine kleine Minderheit.

Ihnen ist vorgeworfen worden, sie benutzten nur das Klima-Thema, um gegen den Kapitalismus zu wettern…
Ein ulkiges Argument. Es unterstellt, ich würde den Klimawandel für meine eigene Agenda missbrauchen. Letztlich zählt: Sind meine Argumente richtig oder falsch.

Falsch, meinen Klima-Skeptiker.
Nennen wir sie nicht Klima-Skeptiker, nennen wir sie Klimawandel-Leugner. Skeptisch gegenüber Wissenschaften sollten wir sein.

Leugner stehen auf dem Standpunkt, den Klimawandel gebe es nicht, oder er sei nicht vom Menschen verursacht. Warum glauben Sie an den Klimawandel und nicht seinen Leugnern?
Weil es sich bei ihnen meist nicht um Wissenschaftler handelt, sondern um marktradikale Ideologen. Von den echten Klimaforschern dagegen halten 97 Prozent den Klimawandel für real und menschengemacht.

97 Prozent, das klingt viel. Aber wohl 99 Prozent aller Ökonomen finden den Kapitalismus eine gute Sache, und deren Meinung teilen Sie auch nicht.
Stimmt. Aber ich halte Wirtschaftswissenschaft nicht für eine exakte Wissenschaft. Ökonomen tun gerne so, als wären Gesetze der Wirtschaft so streng und gültig wie Gesetze der Natur, gegen die man nicht argumentieren kann. Mich überzeugt das nicht. Der Kapitalismus mag seine Gesetze haben. Wirtschaft dagegen ist, was wir daraus machen.

Interview: Stephan Kaufmann

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Ungleichheit

Der Verlust der Mitte

Von  |

Wie die Gesellschaft in Schieflage geraten ist Mehr...

Hartz IV

In der Mühle des Förderns

Von Fabiola Rodriguez |

Aktive Arbeitsförderung nutzt oft nicht Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen