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18. Juli 2012

Neckermann Insolvenz: Neckermann, nicht möglich

 Von Felix Helbig
Neckermann muss Insolvenz beantragen.Foto: Martin Weis

Neckermann muss Insolvenz anmelden. Der Versandhändler blickt damit dem Unvermeidlichen ins Auge. Es ist das Ende eines Imperiums, manche Mitarbeiter sehen darin aber auch einen Anfang.

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Die schlechte Nachricht kommt aus Boca Raton, das ist in Florida, sie kommt per Telefon. Es ist kurz vor 14 Uhr am Mittwoch, als Thomas Schmidt und Bernhard Schiederig zur Geschäftsführung gerufen werden; nur wenige Sätze fallen dann, es gibt nicht mehr viel zu sagen, da ist nur die schlechte Nachricht. Der Investor Sun Capital Partners Inc. aus Boca Raton in Florida will nicht mehr weitermachen bei Neckermann an der Hanauer Landstraße in Frankfurt.

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Wenig später stehen Betriebsratschef Schmidt und Verdi-Mann Schiederig in der Kantine, es ist eine der kürzesten Mitarbeiterversammlungen in der langen Geschichte des Versandhändlers, sie dauert gerade einmal zehn Minuten. Während Schmidt spricht, wenige Worte nur, sieht er in den Gesichtern seiner Kollegen, wie ein Leben endet, wie eine Welt zusammenbricht, die jahrzehntelang ihre war. Es gibt nicht mehr viel zu sagen: Neckermann ist insolvent. Nach 62 Jahren.

Die Neckermänner hatten noch Chancen gesehen

„Wir hatten eine Lösung“, sagt Schmidt wenig später, draußen auf dem Bürgersteig. Vor 22 Jahren hat er in der Logistik angefangen, ein paar Kurse, dann war er drin bei Neckermann, stieg auf, wurde Betriebsrat, schließlich Vorsitzender. In den letzten Monaten hat er nur noch verhandelt, die Möglichkeiten einer Rettung sondiert, die wenigstens einen Teil der Arbeitsplätze gesichert hätte. Noch am Dienstagabend hatte es danach ausgesehen, als könnte das funktionieren. Am Mittwochmittag, nach dem Anruf aus Florida, nicht mehr. „Wir hatten eine Einigung“, sagt Schmidt. „Jetzt ist es natürlich besonders bitter, dass es so zu Ende geht.“

Es ist das Ende des schleichenden Niedergangs eines Imperiums, das Firmenpatriarch Josef Neckermann mit Erfindergeist und einer guten Portion Gnadenlosigkeit aufgebaut hat. Das Frankfurter Kapitel der deutschen Wirtschaftswundergeschichte.

Es gibt Werbefilme aus den 50er Jahren, sie zeigen den Bankbeamten Werner Weber, 48 Jahre alt, daneben seine Frau Brigitte, sie sitzen im Wohnzimmer und „sie kennen das Geheimnis, wie man immer mit seinem Geld auskommt, ohne auf Qualität zu verzichten: Ihr Fernsehgerät ist von Neckermann!“ Es ist die Zeit, in der 18 Millionen Menschen in der jungen Bundesrepublik auf den Katalogseiten von Neckermann ihre eigene, goldene Zukunft erträumen, so hoch ist damals die Auflage. Schon das an sich ist eine Erfindung, die viel Geld bringt: einkaufen aus dem Katalog. Immer und überall, ganz einfach. Ein Ende dieser Erfolgsgeschichte: scheint nicht möglich.

Josef Neckermann, eigentlich gelernter Banker, hat den Versandhandel im Dritten Reich von Karl Amson Joel, dem Großvater des Pianisten und Popsängers Billy Joel, übernommen. Er profitiert von der Arisierung, von Joels Flucht, ein Grund, weshalb die Geschichtsschreibung des Unternehmens auch heute noch, da sie an ihr Ende gekommen ist, erst 1950 beginnt, mit dem Bau des Firmensitzes in Frankfurt.

Keinem ist nach reden zumute an diesem Tag

An diesem Mittwoch, genau 62 Jahre später, steht Corinna Gräf vor diesem Firmensitz, der über die Jahrzehnte zu einer kleinen Stadt in der Stadt angewachsen ist, so groß war der Nachholbedarf der Deutschen beim Kauf von Konsumgütern. Gräf arbeitet im Markeneinkauf des Versandhauses, „noch“, sagt sie, aber die Insolvenz habe auch ihre gute Seite. „Ich bin froh, dass jetzt endlich mal wieder jemand mit Fachkompetenz auf das Unternehmen draufschaut, auch wenn das der Insolvenzverwalter ist“, sagt sie. In den vergangenen Jahren scheint das nicht mehr allzu oft der Fall gewesen zu sein: dass jemand mit Fachkompetenz auf das Unternehmen draufschaut.

Resthoffnung: Corinna Gräf (links) mit Kollegen nach der Mitarbeiterversammlung am Mittwoch.
Resthoffnung: Corinna Gräf (links) mit Kollegen nach der Mitarbeiterversammlung am Mittwoch.
Foto: Martin Weis

Hinter Corinna Gräf kommen die Kollegen aus der Kantine gelaufen, manche gehen wie ferngesteuert über die Straße ins Unternehmensparkhaus, gestandene Männer sind dabei, die in ihre Autos steigen und die Gesichter in den Händen vergraben. Es gibt nicht viele, die etwas sagen wollen an diesem Nachmittag.

Thema Neckermann

Der traditionsreiche Versandhändler Neckermann mit Sitz in Frankfurt ist nicht mehr zu retten. Gut 2000 Menschen werden nun arbeitslos. Zur Themenseite Neckermann.

Es muss irgendwann in den 70er-Jahren gewesen sein, als Neckermann selbst nicht mehr mit seinem Geld auskam, ohne auf Qualität zu verzichten, als der Erfindergeist in Ratlosigkeit umschlug und sich die eigene gnadenlose Preispolitik gegen das Unternehmen kehrte. Neckermann, eben noch ins Fernreisegeschäft eingestiegen, schrieb plötzlich rote Zahlen. Ein langer Abstieg voller Fusionen, Trennungen, Sanierungen begann. Der Patriarch war da schon nicht mehr an Bord. Der leidenschaftliche Dressurreiter verließ das Unternehmen 1978 und widmete sich dem Sport.

Manchmal ist die Insolvenz ein Neuanfang

Jetzt übernimmt der Insolvenzverwalter. Verdi-Mann Bernhard Schiederig gibt auf dem Bürgersteig einen Vorgeschmack, worum es nun geht; er benutzt Begriffe wie Nettoausgleich, Transfergesellschaft, Absicherung. Mit Wundern und Träumen hat das an der Hanauer Landstraße nichts mehr zu tun. Mit Resthoffnung vielleicht. „Es gibt andere Firmen“, sagt Corinna Gräf, „da war die Insolvenz ein Neuanfang“.

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