Essen. Mit dem Bundesverkehrsminister ist er schon per Du. Und schnell muss sich Rüdiger Grube jetzt auch in seinen künftigen Job anfreunden - als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn.
"Ich freue mich auf die neue Aufgabe", sagt der 57-Jährige am Samstag in Essen, kurz nachdem ihn der Aufsichtsrat des bundeseigenen Konzerns offiziell zum Nachfolger des langjährigen Bahnchefs Hartmut Mehdorn bestellt hat.
Sein Managervertrag läuft für fünf Jahre, formeller Dienstbeginn ist der 1. Mai. Und gleich mit seiner ersten Ansage macht der bisherige Daimler-Vorstand klar, welches Thema er binnen vier Wochen gelöst wissen will: die Datenaffäre, die das Unternehmen mit seinen 240.000 Beschäftigten über Monate schwer geschüttelt hat.
Zusammen mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Müller kommt Grube nach seiner Kür durch die Drehtür des gläsernen Bürobaus der Bahn-Frachttochter DB Schenker in die Essener Mittagssonne. Und während Müller schweigt, hat der künftige Vorstandschef eine knappe Botschaft zu verkünden: Er habe sich verpflichtet, die Datenaffäre bis zum 1. Juni aufzuklären. Und zwar "unverzüglich, schnell und bedingungslos".
Damit kommt der gebürtige Hamburger der wichtigsten Erwartung nach, die ihn ziemlich unverhofft ins neue Amt getragen hat. Nach immer neuen Vorwürfen über Massenkontrollen der Daten von bis zu 170.000 Mitarbeitern hatten die einflussreichen Gewerkschaften Mehdorn Ende März das Vertrauen entzogen. Und auch der Bund als Bahn- Eigentümer wollte einen Neuanfang.
Neue Spitzel-Vorwürfe von Günter Wallraff
Keine vier Wochen später ist der Führungswechsel perfekt, der für den Konzern nach der fast zehnjährigen Ära Mehdorn eine echte Zäsur bedeutet. Dabei werde Grube unternehmerisch "einen Erfolgskurs" fortsetzen, gab ihm Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) zum Start noch einmal mit auf den Weg. Nach der Datenaffäre soll der Neue zudem vorrangig das Vertrauen der Beschäftigten zurückgewinnen. "Herr Grube ist jemand, der sehr gut führen kann, der gut mit der Mitarbeiterschaft umgeht", sagt Tiefensee.
Die Liste der Vorwürfe in der Affäre wurde gerade noch länger, nachdem der Autor und Journalist Günter Wallraff Hinweise auf Manipulationen an Mitarbeitercomputern bekommen haben will. Die Bahn weist die Beschuldigungen zurück. Die Abschlussberichte diverser Sonderermittler werden im Mai erwartet.
Krise belastet Güterverkehr
Neben der Affäre ist Grube aber auch im Tagesgeschäft vom ersten Tag an gefordert. Vor allem im Güterverkehr auf der Schiene schlägt die globale Konjunkturkrise spürbar durch, so dass der Konzern für das Geschäftsjahr 2009 vorerst keine Prognose wagte. Dass die Zeiten jährlicher Rekordergebnisse vorbei sind, gilt als sicher. Bereits für 2008 stand unter dem Strich mit 1,3 Milliarden Euro ein kleinerer Gewinn in den Büchern als im Jahr zuvor.
Wappnen muss sich der größte Transportkonzern des Kontinents auch für die Öffnung der europäischen Personenverkehrsmärkte Anfang nächsten Jahres. Nicht mitkämpfen wird der erfahrene Sanierer Mehdorn, der in Essen auch nicht mehr mit durch die Drehtür kam - dabei war er am Vorabend noch im Stadion gesichtet worden, als der von der Bahn gesponserte Fußball-Bundesligist Hertha BSC mit 1:0 gegen Hoffenheim siegte.
Medienbericht: 5 Millionen für Mehdorn
Über die Modalitäten zur Beendigung seines eigentlich bis 2011 laufenden Vertrags wurde sich Mehdorn mit dem Aufsichtsrat einig, wie es nach der Sitzung am Samstag heißt. Laut "Süddeutscher Zeitung" bekommt Mehdorn von der Bahn noch 4,9 Millionen Euro - das entspräche etwa den Bezügen der vergangenen beiden Jahre. Einen festlichen Abschied soll der Ex-Chef am 25. Mai erhalten. Am Samstag äußert er sich nur kurz per Mitteilung: "Es war eine schöne und stets aufregende Zeit." (dpa)
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