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Neuzugang Estland: Die Biene im Euro-Korb

Der EU-Gipfel gibt offiziell grünes Licht: Estland wird den Euro bekommen. Der Zeitpunkt könnte kaum besser sein. Von Hannes Gamillscheg

Estland wird den Euro bekommen.
Estland wird den Euro bekommen.
Foto: dpa

Tallin. Seit nach der EU-Kommission auch die Finanzminister der Eurozone die Aufnahme Estlands befürwortet haben, steht fest, dass Estland, der kleinste der Baltenstaaten, am 1. Januar 2011 als 17. Land die Gemeinschaftswährung einführen wird, als dritter "Reformstaat" nach Slowenien und der Slowakei und als erster aus dem Nachlass der Sowjetunion. Der EU-Gipfel gab dafür am Donnerstag offiziell grünes Licht.

Mitten in ihrer bisher schwersten Krise der Eurozone gab es vielerorts Bedenken, ob jetzt die richtige Zeit für eine Erweiterung sei. Die Antwort aus Brüssel wie aus Tallinn lautet: just jetzt. Denn mit Estland erhält Euro-Land ein Mitglied, das all jenen als Vorbild gilt, die Haushaltsdisziplin für das Gebot der Stunde halten, wichtiger als Arbeitslosigkeit und die Vermeidung sozialer Härten.

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Das offizielle Willkommen ist dem EU-Gipfel vorbehalten, die Entscheidung aber ist gefallen: Estland wird den Euro bekommen. Der Zeitpunkt könnte kaum besser sein. Im Bild: Tallin, Estlands Hauptstadt.
Das offizielle Willkommen ist dem EU-Gipfel vorbehalten, die Entscheidung aber ist gefallen: Estland wird den Euro bekommen. Der Zeitpunkt könnte kaum besser sein. Im Bild: Tallin, Estlands Hauptstadt.
Foto: ddp

Estland, dessen Wirtschaft nach einer Periode mit zweistelligen Wachstumsraten 2009 um 14 Prozent einbrach, verlor das Ziel des Euro-Beitritts nie aus den Augen. Mit Einschnitten, die an Brutalität die Sparpakete weit übertreffen, die jetzt von Athen bis Berlin geschnürt werden, hielt die Regierung den Kurs, und trotz Lohnsenkungen bis zu 30 Prozent und radikalen Kürzungen der öffentlichen Ausgaben blieben Massenproteste aus.

Zeit zum Protzen

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So konnte Estland 2009 mit einem Haushaltsdefizit von nur 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) protzen, in diesem werden es 2,2 Prozent sein, weniger als die erlaubten drei Prozent. Der Preis: Die Arbeitslosigkeit dürfte in diesem Jahr auf 17 Prozent steigen.

Die Europäische Zentralbank, die den Eurobeitritt der Esten skeptischer beurteilte als die Politiker, bezweifelt, dass es Tallinn auf Dauer gelingen werde, die Inflation zu zügeln. In den Boomjahren betrug die Teuerung zehn Prozent und mehr und hinderte damals die Erfüllung der Euro-Kriterien. In der Krise sanken die Verbrauchpreise. Jetzt geht es wieder aufwärts, mit der Wirtschaft und mit den Preisen.

Die Bank Nordea erwartet für 2010 ein Wachstum von 1,2 und 2011 von 3,3 Prozent. Die Inflationsrate wird offiziell 1,3 Prozent und zwei Prozent erreichen, doch viele fürchten einen rascheren Anstieg. Das Wachstum wird durch die Exportindustrie genährt, die von fallenden Löhnen profitiert.

Binnenmarkt schrumpft

Diese verhindern aber die Erholung des Binnenmarkts, der zunächst weiter schrumpft. Erst 2016 wird Estland das Rekord-BIP von 2008 wieder erreichen. Zu einem "baltischen Tiger" wird man so rasch nicht wieder, aber als "fleißige Biene", wie Vize-Zentralbankchef Rein Minka sein Land charakterisiert, kommt man auch vorwärts.

Die Landeswährung Kroon gegen den "Krisen-Euro" einzutauschen, ist in Estland nicht unumstritten. Finanzminister Jürgen Ligi erwidert: "Die Probleme der Eurozone beeinflussen und so oder so, da ist es besser, Mitglied zu sein."

Für die übrigen Eurostaaten ist die Aufnahme Estlands praktisch risikofrei. Mit einem BIP von 13,7 Milliarden Euro macht das 1,4 Millionen-Volk gerade mal 0,0015 Prozent der Wirtschaftsleistung der Eurozone aus. Und die Banken? Sie sind nicht Estlands Problem. Der estnische Finanzsektor ist zu 85 Prozent in schwedischer Hand, und für den Rest stehen Finnen und Dänen.

Autor:  Hannes Gamillscheg
Datum:  16 | 6 | 2010
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