Kopenhagen. Seit das Eis im Nordmeer schmilzt und neue Schiffsrouten und enorme Rohstofflager freilegt, wirft China begehrliche Blicke auf die arktischen Regionen. Noch übt die Regierung in Peking Zurückhaltung, um die Polarstaaten nicht aufzuschrecken. Doch chinesische Offizielle und Wissenschaftler fordern die Entwicklung einer "arktischen Strategie", um an den vom Klimawandel geschaffenen Möglichkeiten teilzuhaben. Dies geht aus einer Studie des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri hervor, die gestern in Oslo vorgestellt wurde. Das norwegische Außenministerium hat die Arbeit finanziert.
"China beginnt, das kommerzielle und strategische Potenzial einer eisfreien Arktis zu erkennen", sagt die in Peking stationierte Sipri-Forscherin Linda Jakobson. Fast die Hälfte des chinesischen Sozialprodukts sei vom Schiffstransport abhängig. Eine während der Sommermonate eisfreie Nordostpassage schaffe daher für das Exportland China eine "neue Pforte nach Europa und Nordamerika".
Die Route von Shanghai nach Hamburg ist an Russlands Nordküste vorbei um 6400 Kilometer kürzer als der traditionelle Weg durch die südostasiatische Malacca-Straße und den Suezkanal. Zudem haben sich die Versicherungsprämien bei der Fahrt durch den Golf von Aden wegen der Piratenüberfälle verzehnfacht.
Im Eismeer werden Rohstoffvorkommen vermutet
"Wer die arktische Route kontrolliert, kontrolliert die Weltwirtschaft und die internationalen Strategien", prophezeit Li Zhenfu von der Dalian Maritime University. Neben den Transportwegen locken die vermuteten Rohstoffvorkommen im Eismeer. Nach Schätzungen des US Geological Survey ruhen dort 30 Prozent der weltweit noch nicht entdeckten Gas- und 13 Prozent der Öllager, dazu Mineralien wie Gold, Silber, Nickel, Chrom, Titanium, Wolfram, Kohle und Diamanten.
Die meisten dieser Bodenschätze liegen in den Wirtschaftszonen der Anrainerstaaten, vor allem Russlands. Doch verfügt Russland weder über die Tiefwassertechnologie noch über das notwendige Kapital, sie zu heben, so dass Joint Ventures mit chinesischem Geld und westlicher Technik zu erwarten seien, schreibt Sipri.
Angesichts russischer Ansprüche, große Teile des Nordpolgebiets als eigenes Territorium zu beanspruchen, sieht Jakobson das Potenzial für "neue internationale Spannungen". China fürchtet eine gegen sich gerichtete Allianz der Küstenstaaten. So würden etwa exorbitante Servicegebühren für die durch die russische Zone passierenden Schiffe den Vorteil einer eisfreien Nordostpassage entscheidend vermindern.
"Arktische Angelegenheiten sind nicht nur regionale Themen"
Der chinesische Vizeaußenminister Hu Zhengyue forderte die Polaranrainer bereits auf, die "Interessen der Küstenstaaten" gegenüber den "gemeinsamen Interessen der gesamten Menschheit" abzuwägen. Auch der Ozeanologe Guo Peiqing unterstreicht: "Die Polarstaaten müssen erkennen, dass arktische Angelegenheiten nicht nur regionale Themen sind."
"China bereitet sich auf eisfreie Arktis vor", heißt es in der Sipri-Studie und dies gebe den skandinavischen Ländern wegen ihrer geografischen Lage eine Schlüsselrolle. Jakobson rät, chinesische Vertreter stets zuzuziehen, wenn es um arktische Aspekte gehe - ob dies den Klimawandel und Rettungsaktionen betreffe oder Schiffsrouten und Rohstoffverwaltung. Das Interesse ist gegenseitig. Chinesische Politiker sind in der Region häufige Gäste, und von allen diplomatischen Vertretungen in Reykjavik ist die chinesische die größte.
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