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25. Juni 2012

Notheis und die EnBW-Affäre: Der Mappus-Flüsterer

 Von Steffen Hebestreit
Kaum ein Banker ist politisch so gut vernetzt wie Dirk Notheis.  Foto: dapd

Investmentbanker Notheis fädelte den EnBW-Deal ein, aber jetzt wird ihm der Milliarden-Coup zum Verhängnis. Seit heute lässt Notheis seinen Job bei Morgan Stanley ruhen, und auch Ex-Ministerpräsident Mappus hat allen Grund zur Sorge.

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Investmentbanker Notheis fädelte den EnBW-Deal ein, aber jetzt wird ihm der Milliarden-Coup zum Verhängnis. Seit heute lässt Notheis seinen Job bei Morgan Stanley ruhen, und auch Ex-Ministerpräsident Mappus hat allen Grund zur Sorge.

Es geht um zwei Milliarden Euro für das Land Baden-Württemberg. Es geht um 13 Millionen Euro für die Investmentfirma Morgan Stanley. Es geht um den Ruf des Deutschlandchefs von Morgen-Stanley, Dirk Notheis. Und es geht, vielleicht in allererster Linie, um das Verhältnis von Wirtschaft und Politik in diesem Land. Ach ja, ein bisschen geht es auch um die politische Karriere von Stefan Mappus.

Doch der Reihe nach: Am 6. Dezember 2010 verkündet Mappus, damals Ministerpräsident von Baden-Württemberg, die Verstaatlichung des Energieversorgers EnBW. Genauer: Das Land kaufe für 4,7 Milliarden Euro jenen 45-Prozent-Anteil an EnBW zurück, den der französische Konzern EdF gehalten hat.

Das Geschäft überrascht nicht nur die politische Konkurrenz kurz vor dem spannenden Landtagswahlkampf 2011, auch die Märkte reagieren überrascht – und selbst die CDU-Abgeordneten im Stuttgarter Landtag sind über die Kaufabsichten der Landesregierung nicht informiert.

Heute ist klar: Es war Verfassungsbruch. So hat es der Landesverfassungsgerichtshof entschieden, weil der Landtag nicht in den Deal eingeweiht gewesen war. Am Dienstag will der Rechnungshof sein Gutachten vorlegen, ob der damals angesetzte Preis von 41,50 Euro pro Aktie adäquat gewesen ist.

Notheis hat beste Drähte zur Politik

Eingefädelt hatte Mappus das Geschäft allein mit Dirk Notheis, damals seit gut einem Jahr Deutschlandchef von Morgan Stanley. Kaum ein Investmentbanker im Land ist politisch so gut vernetzt wie der heute 44-Jährige. In der Nähe von Karlsruhe ist Notheis geboren in eine Familie, in der schon Vater und Großvater politisch für die CDU tätig waren.

Dirk Notheis macht Parteikarriere und führt die Junge Union in Zeiten, in denen dort auch Stefan Mappus aktiv ist. Notheis gilt damals schon als Strippenzieher, ein Mann fürs Hinterzimmer, der sich durchzusetzen weiß.

Trotz seiner Leidenschaft geht er nicht in die Politik, sondern wird Investmentbanker, zunächst für die DZ-Bank, dann für Morgan-Stanley in Frankfurt. Dank seiner Drähte in die Politik ist er an wichtigen Finanzprojekten beteiligt wie am Börsengang der Postbank, dem Verkauf der österreichischen Genossenschaftsholding Bawag. Notheis berät die Bundesregierung bei der Verstaatlichung der angeschlagenen Hypo Real Estate und gehörte zu den Investmentleuten, die die Bahn an die Börse bringen sollten.

Notheis, ein Mann mit spitzer Nase, leiser Stimme und riesigem Selbstbewusstsein, gilt als Cleverle, in der Republik ist er ein Star der Branche, kaum ein Investmentmann ist politisch so fein vernetzt wie er. Morgan Stanley feiert die Entscheidung, ihn als Deutschlandchef zu gewinnen.

Sein größter Coup soll der Kauf von EnBW werden, der in nur acht Tagen über die Bühne gebracht werden und Morgan Stanley 13 Millionen Euro in die Kassen spülen soll. Die Investmentbänker rotieren, wie Notheis Kollege Kai Tschöke am Freitag im Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags erzählt. Acht Tage für einen Mega-Deal, von dem niemand Wind bekommen soll: 4,7 Milliarden Euro will Stuttgart zahlen – das entspricht der Hälfte des gesamten Jahresetats von Sachsen-Anhalt.

Damit alles heimlich bleibt, schreibt Notheis seinem Freund Mappus ein Skript für die Verhandlungen. Was er zu sagen hat, wen er ansprechen und wie er auf kritische Fragen reagieren soll. „So ein Deal ist nicht ganz einfach für Ordoliberale“, zitiert die FAZ am Sonntag aus E-Mails von Notheis an Mappus. „Du solltest idealerweise einen renommierten Volkswirt haben, der das Ganze gut findet. Es sollte jemand sein, der Dir einen Gefallen schuldet.“

Dreist und ungehobelt

An anderer Stelle rät Notheis, doch den Franzosen mit „Mutti“ zu drohen, als diese Vorbehalte vorbringen. Mutti ist Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mappus könne, so ist einem anderen Mail zu entnehmen, Merkel „killen“, weil er knapp ein Drittel der Delegierten des Bundesparteitags stelle. So drängt sich die Frage auf, wer Koch, wer Kellner bei dem Geschäft gewesen ist. Die Bank oder die Landesregierung? Mappus beharrt darauf, er habe sich nicht als Marionette benutzen lassen. Was soll er auch anderes machen?

„Dreist, ungehobelt, schamlos, in Diktion und Wortgebrauch“, so wettert der frühere Chef der WestLB, Ludwig Poullain, im Handelsblatt über Notheis, als dessen Mails publik werden. Selbst die FDP sieht „Ethik und Moral einer ganzen Branche“ mit Füßen getreten. Für Notheis steht aber nicht nur sein Ruf auf dem Spiel, seit sein Arbeitgeber Morgan Stanley an den Untersuchungsausschuss des Landtags die Mails an „sm@stm.bwl.de“ übergeben hat − der E-Mail-Adresse des Ministerpräsidenten Stefan Mappus.

Selbst die CDU distanziert sich nun von ihrem einstigen Hoffnungsträger im Ländle. „Man kann das niemandem mehr erklären", sagte der Vorsitzende der baden-württembergischen CDU, Thomas Strobl, der FAS über das Aktiengeschäft. Der E-Mail-Verkehr bestätige das Vorurteil, "dass die Banken der Politik sagen, wo es langgeht“.

Die Grünen haben die Bankenaufsicht Bafin angeschrieben. Die Kontrolleure sollen prüfen, ob der Investmentbanker überhaupt noch die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt, eine Bank zu führen. Und die grün-rote Landesregierung will von EdF zwei Milliarden Euro des Kaufpreises zurück − weil der Preis viel zu hoch veranschlagt worden sei.

Wegen der Affäre lässt Notheis nun sein Amt ruhen. Er habe den Aufsichtsrat der deutschen Tochter informiert, eine Auszeit zu nehmen, sagte eine Sprecherin von Morgan Stanley am Montag. Seine Aufgaben als Deutschland-Chef würden ab sofort von Aufsichtsratschef Lutz Raettig übernommen, der diese Rolle früher schon einmal innehatte. Die übrigen Vorstandsmitglieder übernähmen Notheis' operative Aufgaben des Tagesgeschäfts. (mit rtr)

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