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24. Januar 2012

OECD-Bericht: Kluft bei Einkommen wächst rasant

 Von Eva Roth
Drei Generationen bei Ford: Mustafa, Ahmet und Süleyman Cözmez (von links) haben in Köln einen Job gefunden.  Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Die Schere zwischen arm und reich geht weiter auseinander. Das muss nicht so sein: Die OECD legt Vorschläge vor, wie die Politik soziale Ungleichheit bekämpfen und die Wirtschaft stärken kann.

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Befristete Jobs und niedrige Löhne

Doppelter Nachteil: Beschäftigte mit einem befristeten Arbeitsvertrag müssen nicht nur mehr um ihren Arbeitsplatz bangen als ihre Kollegen mit einem unbefristeten Vertrag. Sie haben auch geringe Einkommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Forscher haben dabei Beschäftigte miteinander verglichen, die eine ähnliche Qualifikation haben.

Deutschland: Hierzulande ist die Lohnkluft dabei besonders groß. Befristet Beschäftigte verdienen demnach etwa 35 Prozent weniger als vergleichbare Beschäftigte mit einem unbefristeten Job. Im OECD-Durchschnitt beträgt der Unterschied „nur“ etwa 25 Prozent. Dies gilt für Arbeitnehmer mit einem mittleren Einkommen. Bei Geringverdienern ist der Unterschied noch größer.

Die Kluft zwischen Geringverdienern und Besserverdienenden hat sich in den Industrieländern rasant vergrößert. Die Einkommens-Unterschiede sind inzwischen so gewaltig, dass selbst die konservative Industrieländer-Organisation OECD beunruhigt ist. In einer Studie hat sie nun Vorschläge vorgelegt, wie die Politik für mehr Gerechtigkeit sorgen und gleichzeitig das Wachstum ankurbeln kann.

In Deutschland seien die unteren Einkommen besonders stark gesunken, berichtet Isabell Koske von der Wirtschaftsabteilung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Der Lohn eines Geringverdieners ist demnach heute nur noch halb so hoch wie der Lohn eines Beschäftigten mit mittlerem Einkommen. Eine größere Lohnkluft haben die Forscher nur noch in Südkorea und den USA entdeckt. In allen anderen der 25 untersuchten Industrieländer waren Geringverdiener nicht so weit abgehängt. Etwas günstiger schneidet Deutschland ab, wenn man hohe und mittlere Einkommen vergleicht. Hier ist der Unterschied hierzulande etwas kleiner als im OECD-Durchschnitt.

Bei diesem Befund erscheint es naheliegend, einen Mindestlohn einzuführen. Hier empfehlen die OECD-Ökonomen ein behutsames Vorgehen. Ein zu hoher Mindestlohn könne die Jugendarbeitslosigkeit nach oben treiben, warnen sie. Dennoch lehnen sie Lohn-Untergrenzen nicht rundweg ab: „Gruppenspezifische Mindestlöhne für Arbeitsmarkteinsteiger könnten hilfreich sein“, meint die Organisation. In Deutschland, meint Koske, seien zwei Maßnahmen besonders wichtig: Erstens müsse der Bildungssektor besser werden. Insbesondere müssten Migranten bessere Chancen bekommen. In Deutschland haben es vor allem junge Menschen schwer, deren Familien aus der Türkei oder einem arabischen Land stammen.

Gleichbehandlung von Männern und Frauen fördern

In dieser Gruppe finden nur 20 Prozent der Realschüler einen Ausbildungsplatz, berichtete kürzlich die IG Metall. Bei Bewerbern mit südeuropäischem Hintergrund sind es dagegen 40 Prozent. Mehr Chancengleichheit erhöhe den Wohlstand in dieser Republik und dämme gleichzeitig die soziale Ungleichheit ein. „Eine schlechte Ausbildung bremst dagegen das Wachstum“, betont OECD-Ökonom Rüdiger Ahrend.

Zweitens empfehlen die Forscher, die Gleichbehandlung von Männern und Frauen zu fördern. In Deutschland hätten besonders viele Frauen nur eine Teilzeit-Stelle, obwohl sie gern länger arbeiten würden. Das drückt ihre Einkommen. Die Lösung ist bekannt: mehr Kita-Plätze und mehr Ganztags-Schulen.

Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen wäre – ebenso wie die Gleichbehandlung von Migranten – eine „Win-Win-Strategie: Das Einkommensgefälle würde geringer und die gesamte Wirtschaft würde profitieren, weil das Potenzial der Frauen nicht länger brach liegen würde.

In der Steuerpolitik schlagen die OECD-Experten vor, die Schlupflöcher für Reiche zu stopfen. Wenn das gelinge, könnten die Steuersätze für alle gesenkt werden.

Globale Arbeitslosenquote bei sechs Prozent

Dass Wachstum nicht automatisch mehr Wohlstand für alle bedeutet, zeigen auch neue Daten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Demnach waren 2011 weltweit mehr als 197 Millionen Menschen arbeitslos, und damit genauso viele wie im Vorjahr und und 27 Millionen mehr als vor der Krise im Jahr 2007. Die globale Arbeitslosenquote stagnierte damit bei sechs Prozent, obwohl die Weltwirtschaft 2010 um gut fünf Prozent und 2011 noch einmal um vier Prozent wuchs.

Zudem lebten vor allem in Entwicklungsländern 900 Millionen Menschen trotz Arbeit unter der Armutsschwelle von zwei Dollar pro Tag, klagt die ILO. Eine konsequente Finanzmarktregulierung könne nicht nur die Wirtschaft stabilisieren, sondern auch die Jobkrise entschärfen. Denn dadurch würde die Unternehmensfinanzierung stabiler. Insbesondere kleine und mittlere Betriebe, die besonders viele Jobs bieten, hätten einen besseren Zugang zu Krediten.

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