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09. Mai 2014

Ökonomie: Geld schafft Geld

 Von 
Für ihre Luxusgüter brauchen die Superreichen gar nicht mehr zu arbeiten - laut Starökonom Piketty.  Foto: rtr

Kapital macht reicher als Arbeit: Mit dieser These stürmt Frankreichs plötzlicher Starökonom Thomas Piketty die US-Büchercharts. Doch auch wenn der Titel seines Buches nach Marx klingt: Der Buchautor ist kein Marxist.

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Europäische Bücher schaffen es selten in amerikanische Charts. Erst recht nicht, wenn es sich um einen fast 1000-seitigen Wälzer handelt, der sich nicht mit Sex oder Mord, sondern trockener Wirtschaftspolitik befasst und keine bahnbrechende These vertritt: Die Reichen werden noch reicher, während die große – die arbeitende – Masse nicht mehr mithält.

„Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty, im letzten Herbst auf Französisch erschienen, auf Deutsch erst im Frühjahr 2015 erhältlich, führt seit Tagen die Verkauflisten von Amazon.com an. Sogar die liberale Wirtschaftszeitung „Financial Times“ zieht den Hut vor dem „Rockstar der Ökonomen“, der in Paris eine Wirtschaftsschule gegründet hat und der Sozialistischen Partei nahesteht. Sein ungleich bekannterer Berufskollege und Nobelpreisträger Paul Krugmann nennt sein Werk „das wichtigste Wirtschaftsbuch des Jahres, vielleicht des Jahrzehntes“.

Wie ein Bewusstseinsöffner

Piketty ist erst gerade 43 geworden, aber er sammelt schon seit zwanzig Jahren Daten für seine Grundthese. Das beeindruckende empirische Zahlenmaterial belegt laut dem Autor „die Rückkehr des Kapitals“. Dieses dominiere heute wie im 19. Jahrhundert nach dem Gesetz: Rendite ist größer als Wachstum. So haben etwa in den letzten drei Jahrzehnten die zehn Prozent der reichsten Amerikaner nahezu die Hälfte des nationalen Einkommens eingeheimst. Und je größer das Vermögen, desto stärker seine Vermehrung.

Auf der anderen Seite des Spektrums hat die Armut zwar überall abgenommen, aber nur in absoluten Zahlen: Unterhalb des mittleren Einkommens steigt die Zahl der Betroffenen seit zwanzig Jahren. Der Abstand zwischen Reichen und Armen vergrößert sich also. Das ist nicht wirklich neu; der französische Volksmund kennt für das Phänomen das Bonmot „l’argent appelle l’argent“ – Geld zieht Geld nach sich. Piketty trifft damit derzeit aber eine Ader in den USA, wo sich die Schere trotz Barack Obama weiter geöffnet hat. Sein durchschlagender Erfolg wirkt wie ein Bewusstseinsöffner: Kein ökonomischer Meinungsführer kann es sich derzeit leisten, zu Piketty keine Meinung zu haben.

Den Europäern zeigt Piketty empirisch gestützt eine historische Entwicklung seit der Belle Epoque auf. Immer wieder zitiert der Franzose den Romancier der ersten Bourgeoisie, Honoré de Balzac. In dessen Buch „Vater Goriot“ etwa empfiehlt der Betrüger Vautrin dem Aufsteiger Rastignac, nicht zu studieren, sondern eine reiche Erbin zu heiraten: So werde er mehr Geld verdienen als in seinem ganzen Arbeitsleben.

Die Vermögenskonzentration seit dem 19. Jahrhundert wurde, vereinfacht gesagt, nur durch die Weltkriege unterbrochen. Krisenbedingt stieg der Wert der Arbeit, während sich große Vermögen verflüchtigten. Auch nach 1945 krempelte man sich noch die Ärmel hoch, die Weltwirtschaft wuchs durch Arbeitsleistung. Seit den siebziger Jahren bringt das Kapital aber wieder mehr ein; die Ungleichheit wächst. R ist erneut größer als G.

Trotz der Anspielung im Buchtitel: Piketty ist nicht Marxist; er hält dem Autor des „Kapitals“ etwas überheblich das Fehlen empirischer Feldforschung vor. Der Franzose hegt sogar Sympathien für das System der Meritokratie, wo Amtsträger aufgrund ihrer Leistung gewählt werden. Bloß rechnet er vor, dass die liberale Prämisse, wonach Einkommensunterschiede leistungsfördernd seien, durch den neuen Erbkapitalismus pervertiert werde: Bei Vermögensgewinnen um die sechs Prozent können Arbeitseinkommen nicht mehr mithalten.

Thomas Piketty gilt als einer der wichtigsten Ökonomen unserer Zeit.  Foto: Reuters

Viele Konservative in den USA und Frankreich finden Haare in Pikettys Zahlensuppe. Der Investor Louis Woodhill meint in der Zeitschrift Forbes, die von Piketty angeprangerten Riesenvermögen amerikanischer Topmanager könnten nicht als Thesenbeleg herhalten, da sie durch Arbeit zustande kämen. Erst gestern wurde bekannt, dass Hedgefonds-Manager bis zu 2,5 Milliarden Euro im Jahr verdienen. Forscher der Pariser Eliteschule Sciences Po rechnen vor, dass nicht so sehr die Mietzinseinnahmen auf Immobilien gestiegen sind, sondern die Immobilienpreise; insofern unterlege Piketty seiner Theorie der Vermögenskonzentration zum Teil falsche Ursachen.

Die Hauptkritik richtet sich allerdings gegen Pikettys Lösungsansatz einer starken progressiven Vermögenssteuer bis hin zu einer 80-prozentigen Abgabequote. Auch Supereinkommen will er massiv belasten, wie es Frankreichs Präsident Hollande – auf seine Inspiration hin – mit der 75-Prozent-Steuer für Millionäre vorgemacht hat. In den USA gilt das als abwegig bis abstrus.

Die liberale Industrieländerorganisation OECD gibt dem vergleichsweise gut lesbaren Sachbuch aus Paris in einem eigenen Bericht recht: Sie sieht die eklatanten Lohn- und Vermögensungleichheiten als gemeingefährlich an. Abhilfe verspricht sie aber nicht durch Topsteuern für Topvermögende, sondern eher durch Bildung und Chancengleichheit. Piketty entgegnete in einem Interview, Bildung müsse auch finanziert werden, und nichts führe an einer planetaren Steuer vorbei. Das klingt utopisch. Aber wenn man die Ungleichheit weiter wachsen lässt, sieht Piketty „schreckliche“ Konsequenzen voraus. Eine französische Revolution gegen den Geldadel?

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