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11. Dezember 2015

Ökonomik: Ideologie statt Wissenschaft

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Akademische Monokultur: „Die alte Generation von Ökonomen habe ich abgeschrieben“, sagt ein Forscher.  Foto: imago/Sven Ellger

Die Art und Weise, wie an deutschen Universitäten Wirtschaft gelehrt wird, steht immer mehr in die Kritik. Einige Studenten organisieren inzwischen ihre eigenen Seminare.

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Organische Stoffe werden leichter, wenn man sie verbrennt. Im späten 17. Jahrhundert fand man für dieses Rätsel eine Erklärung: das Phlogiston, eine Substanz, die allen Stoffen innewohnt und die beim Verbrennen entweicht. Heute weiß man allerdings: Das Phlogiston existiert nicht, die Verbrennung kann durch die Oxidation erklärt werden. Die Phlogiston-Theorie ist als Irrtum abgelegt worden. Damit ist die Chemie einer anderen Wissenschaft weit voraus: der Wirtschaftswissenschaft.

Irrtümer halten sich hier ewig, gesicherte Erkenntnisse sind rar, kaum ein Modell ist unumstritten. Dennoch hat sich eine bestimmte Sichtweise der Ökonomie an den Universitäten durchgesetzt, wo sie ihre Erkenntnisse als Wahrheiten präsentiert. Dagegen gibt es zunehmend Protest. Kritiker sprechen von Indoktrination. Studenten organisieren ihre eigenen Lehrpläne. „Wir haben heute eine sehr grundlegende Debatte über eine Reform der ökonomischen Lehre und des ökonomischen Denkens“, so Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

Irrtümer existieren weiter

Die Wirtschaftswissenschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten stark an Bedeutung gewonnen. Ihre Vertreter haben zu allem etwas zu sagen: Arbeit, Ungleichheit, Renten, Bevölkerungsrückgang, Terrorismus, Armut, Klimawandel – stets äußern Ökonomen ihre Meinung und ihre Stimme hat Gewicht. Denn ihre Wissenschaft strahlt eine Autorität aus, die von Laien kaum kritisiert werden kann. Doch diese Autorität ist brüchig, das wissenschaftliche Lehrgebäude steht unter Beschuss: Die Modelle der die Universitäten dominierenden neoklassischen Schule seien untauglich, heißt es, ihre Annahmen seien realitätsfern, ihre Konstrukte voller Widersprüche.

Ein Beispiel ist die sogenannte Konsumentenrente, zentraler Bestandteil der Wohlfahrtstheorie. Mit ihr können Professoren zum Beispiel den Studenten erklären, warum staatliche Eingriffe wie Steuern und Subventionen die Wohlfahrt mindern. „Die Konsumentenrente findet sich mit großer Selbstverständlichkeit in vielen Lehrbüchern, praktisch alle Studierenden werden damit traktiert“, sagt Gerd Grözinger, Ökonom an der Uni Flensburg. Dabei gehöre dieses Konstrukt in den Bereich der wissenschaftlichen Irrtümer. Dennoch existiert die Konsumentenrente weiter an den Universitäten, um der „prinzipiellen Staatsskepsis der Mehrheitsökonomie“ einen Anschein von Wissenschaftlichkeit zu geben, klagt Grözinger.

Grözinger gehört zur Gruppe der heterodoxen Ökonomen – also jenen, die von der herrschenden Lehre abweichen. Auf der anderen Seite stehen die „Orthodoxen“, die die neoklassische Mehrheitsmeinung vertreten und die Lehrpläne in Deutschland dominieren. Ihr Credo lautet vereinfacht: So viel Markt wie möglich, so wenig Staat wie nötig. „Mehr Vertrauen in Marktprozesse“, so lautet der Titel eines der jüngeren Gutachten des Sachverständigenrates, der die Bundesregierung in ökonomischen Fragen berät.

Was die ökonomische Orthodoxie empfiehlt und fordert, findet seinen Weg in Praxis und Politik und hat damit Auswirkungen auf alle Menschen. Das ist gefährlich, meinen Kritiker. „Es dürfte kaum einen Wissenschaftszweig geben, in dem das Missverhältnis zwischen der objektiven Bedeutung des Gegenstands und der fehlenden Kompetenzen etlicher Professoren dermaßen ausgeprägt ist wie in der Ökonomik“, rügt der Wirtschaftswissenschaftler Fritz Helmendag von der TU Chemnitz.

Laut Helmendag haben die gängigen ökonomischen Lehrbücher schon einen falschen Ausgangspunkt. Stets gehe es da um die „Bewältigung von Knappheit“ angesichts unendlicher menschlicher Bedürfnisse. Das mag früher so gewesen sein, so der Ökonom. Doch „spätestens mit der industriellen Revolution hat sich ein einschneidender Wandel vollzogen.“ In entwickelten Nationen präge heute nicht länger Mangel, sondern chronische Überkapazität und Arbeitslosigkeit das Bild. „Statt Bedarfsdeckung ist Bedarfsweckung angesagt.“ Angesichts des Warenreichtums müsste daher eigentlich das Thema Verteilung Priorität haben – was nicht der Fall ist.

Im Fokus der Kritik stehen auch die Annahmen neoklassischer Modelle der Ökonomie. Bevölkert werden diese Modelle zum Beispiel nicht von Menschen, sondern vom homo oeconomicus, einem nutzenmaximierenden, zweckrationalen Wesen, das über vollständige Information verfügt und diese Information unendlich schnell verarbeiten kann. Der homo oeconomicus agiert auf vollständigen Märkten. In diesem Modell sorgt ein perfekter Wettbewerb dafür, dass die Unternehmen keine Marktmacht haben und ihre Preise permanent senken müssen. Auf lange Sicht verschwindet damit der Unternehmensgewinn ganz und die Konsumenten werden optimal versorgt. Ein Bild der Realität? „Die ökonomische Disziplin ist offenkundig ideologieanfällig“, so Helmendag.

Schon die Annahme, dass das große Güterangebot zu dauerhafter Preissenkung führt, hält Helmendag für Unsinn. „Wenn ein Mainstream-Ökonom angesichts des Überangebots im Supermarkt die Kassiererin um einen Preisnachlass bittet, wird er nur verständnisloses Kopfschütteln ernten“, witzelt der Wissenschaftler.

Kartell der Etablierten

Das Vertrauen vieler Studenten haben die klassischen Ökonomen inzwischen verloren. Die globale Finanzkrise hat das Misstrauen in die herrschende Theorie befeuert. Spekulationsblasen, Herdentrieb, irrationales Verhalten – all das sind keine Themen für die gängige Lehre. In einer Untersuchung der Studiengänge in Deutschland fand der Kasseler Ökonom Frank Beckenbach eine „standardisierte Form der Ausbildung“, gemäß der Märkte effizient sind und zum Gleichgewicht tendieren.

An verschiedenen Universitäten veranstalten Studenten daher eigene Seminare, um die Vielfalt der Lehre selbst zu organisieren. Vor einem Jahr veröffentlichten Studierendengruppen aus 19 Ländern einen „internationalen Aufruf für eine Plurale Ökonomik“. In München existiert ein „Arbeitskreis Plurale Ökonomik“, in Berlin und Göttingen die Hochschulgruppen „Kritische WirtschaftswissenschaftlerInnen“.

Im Netzwerk „Plurale Ökonomik“ beteiligen sich mittlerweile deutschlandweit mehr als 20 Initiativen im Kampf gegen die akademische Monokultur. Die Antworten der Lehre auf Probleme wie Hunger, Umweltzerstörung oder Ungleichheit seien meist eindimensional, kritisiert das Netzwerk. „Ein wichtiger Grund hierfür ist, dass die dahinter liegenden theoretischen Konzepte meist ein und derselben Denkschule entspringen, weshalb ihre Modelle einseitig und ihre Perspektive eingeschränkt bleiben. Genau hier liegt das Problem.“

In diesen Initiativen sieht IMK-Direktor Horn die Hoffnung auf die Zukunft. Denn die Vertreter der etablierten Lehre stützten sich gegenseitig und seien reformunfähig: „Die alte Generation von Ökonomen habe ich abgeschrieben, von denen erwarte ich keine Veränderungen.“

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