kalaydo.de Anzeigen

Öl-Förderung: Brasilien ohne Notfallplan

Brasiliens Ölkonzern Petrobras ist führend bei der Tiefsee-Förderung. Vor der Küste stehen fast 200 Ölplattformen. Die Vorräte sind riesig, aber liegen extrem tief - und was geschieht, wenn es dort mal zu einem Unfall kommt wie jetzt im Golf von Mexiko? Von Wolfgang Kunath

Eine Ölplattform P-7 der brasilianischen Gesellschaft Petrobras (Archiv).
Eine Ölplattform P-7 der brasilianischen Gesellschaft Petrobras (Archiv).
Foto: dpa

Rio de Janeiro. Im Frühjahr war der Abgeordnete Ibsen Pinheiro der am meisten gehasste brasilianische Politiker, jedenfalls im Bundesstaat Rio de Janeiro. Denn Pinheiro fand es ganz und gar nicht gerecht, dass Rio, einer der kleineren unter den 26 Bundesstaaten Brasiliens, 80 Prozent der Öl-Einnahmen einstreicht, die den betroffenen Ländern und Gemeinden zustehen. Rio wären Milliarden entgangen, hätte sich Pinheiro durchgesetzt. Die Politiker und die Bevölkerung liefen Sturm - und dabei wird im Bundesstaat Rio de Janeiro gar kein Öl gefördert.

Denn die Ölquellen liegen durchschnittlich 90 Kilometer von der Küste entfernt im Atlantik. Damit wird die Rechtfertigung der Royalties praktisch hinfällig: Die Anrainer der Fördergebiete haben durch die Öl-Produktion eigentlich keine Nachteile, die durch Einnahmen ausgeglichen werden müssten. Júlio Bueno, der oberste Wirtschaftsförderer von Rio de Janeiro, zog jetzt sogar die Umwelt-Katastrophe im Golf von Mexiko heran, um noch mal auf Pinheiro einzuhauen: Royalties seien nötig, weil sie ja bei einem Unfall die Umweltkompensation finanzieren müssten. Als ob die Milliarden-Kosten einer Ölpest von den längst ausgegebenen Royalties bestritten werden könnten!

Auf so banalem Niveau wird in Brasilien die Frage debattiert, was passieren würde, wenn eine der knapp 200 brasilianischen Bohr-Plattformen so außer Rand und Band geriete wie jetzt die "Deepwater Horizon". Die Bohrinseln der halbstaatlichen Petrobras sind nicht nur Quellen schier unerschöpflicher Energiemengen, sondern auch vaterländischen Stolzes - dass da auch mal etwas schiefgehen könnte, scheint Brasilien einfach zu verdrängen.

Und das schon seit zehn Jahren. So alt ist das Gesetz, das die Ausarbeitung eines nationalen Einsatzplans für den Fall einer Ölpest anordnete - den Plan gibt es bis heute nicht, musste Umweltministerin Izabella Teixeira kürzlich einräumen. Es fehle noch eine Verhandlungsrunde zwischen der Marine und ihrem Ministerium - mit anderen Worten, dem Staat kann sich mit sich selber nicht einigen.

Der 1953 gegründete Staatskonzern Petrobras wird wie ein Privatunternehmen geführt und ist längst ein Global Player geworden. 2000 brach Petrobras den Weltrekord bei der Ölprospektion in tiefen Gewässern - damals 1877 Meter unter dem Meeresspiegel. Heute fördert Petrobras weltweit rund 25 Prozent allen Öls, das aus submarinen, tiefer als 500 Metern liegenden Quellen sprudelt.

Kein anderer Ölkonzern bohrt so oft so tief wie Petrobras, und das bei sinkenden Produktionskosten. Die Nachricht, vor der Küste Brasiliens lägen weitere 60 Milliarden Barrel, löste vor drei Jahren eine beispielslose Euphorie aus, die bis heute anhält. Das Öl soll am Ende den Aufstieg des Schwellenlandes zur Wirtschaftsgroßmacht finanzieren.

Dass das Meer über den Feldern Tausende von Metern tief ist, dass vom Meeresgrund aus noch eine kilometerdicke Salzschicht durchbohrt werden muss, diese Schwierigkeiten scheinen Brasiliens Fortschrittsoptimismus noch zu befeuern. Allein dies Jahr will Petrobras über 40 Milliarden Euro investieren. Bis 2020 soll die brasilianische Produktion von 2,3 Millionen Barrel täglich - 90 Prozent davon kommt aus dem Meer - verdoppelt werden.

Und wenn es zu einem richtig großen Unfall kommt? Dann ist Brasilien noch weniger gerüstet als jetzt die USA. Die Consultingfirma ProOceano hat Hunderte von Szenarien durchgespielt, um zu ermessen, was ein Ölfleck wie der im Golf von Mexiko anrichten könnte. Je nachdem, wie Wind, Wetter, Meeresströmung und Temperatur gerade sind, könnte die Ölpest in wenigen Tagen die touristischen Küstengebiete erreichen, etwa das einst durch Brigitte Bardots Besuche berühmt gewordene Búzios. Copacabana und Ipanema, die Postkarten-Strände von Rio, wären ein paar Tage später dran. Korallenriffe, Meeresschildkröten, Fische, Seevögel, die im Herbst nach Norden vorbeischwimmenden Wale - die Natur könnte flächendeckend geschädigt werden.

Wenn freilich der Wind anders bläst, ginge die Ölpest glimpflicher aus. So wie im März 2001, als die Petrobras-Ölplattform - die P-36 war damals die größte ihrer Art und als Spitzentechnologie gerühmt - nach zwei Explosionen umkippte und im Meer versank. Den riesigen Ölteppich trieb der Wind damals aufs offene Meer hinaus.

Autor:  Wolfgang Kunath
Datum:  31 | 5 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.


Faktencheck
Zurück zur Drachme um den Euro zu retten?

Griechenland steht im Ruf, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Mythen über die Ursachen der Krise.

Fotostrecke
Forum Entwicklung
Das Forum Entwicklung ist eine Veranstaltungsreihe von FR, Giz und HR-Info.

Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"

Faktencheck
Steigende Beiträge zur Sozialversicherung - die Zukunft?

Was würde passieren, wenn Deutschland ein Sparpaket bewältigen müsste wie Griechenland? Ein erschreckendes Szenario.

Ressort

Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.


Anzeige

Tops und Flops in der Wirtschaft

Anzeige

 

Video

  • 6.339,94 Pkt. +24,05 (+0,38%)
  • 10.196,44 Pkt. -35,08 (-0,34%)
  • 752,47 Pkt. +0,62 (+0,08%)
  • 8.580,39 Pkt. +17,01 (+0,20%)
  • 1,2512 USD -0,0003 (-0,02%)
in Zusammenarbeit mit Finanzen100.de
Weblog

Ob mit Bahn oder Auto, Fahrrad oder zu Fuß - Pendler leiden morgen für morgen geduldig. Bisher. Nun reden sie. Im FR-Pendlerblog.

Brutto / Netto Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Anzeige

Finden Sie jetzt gezielt den richtigen Partner für eine glückliche Beziehung. So wird Ihre Partnersuche ganz einfach.

ANZEIGE
- Business
- sonstiges
- Kauftipps!