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Öl-Krise: Libyen-Konflikt drückt auf Weltwirtschaft

Die Reaktion der importierenden Länder auf die hohen Erdöl-Preise ist geteilt. Während Deutschland und Südkorea ihre Notreserven nicht anzapfen wollen, schließen die USA diesen Schritt nicht aus. Vor allem für Schwellenländer wie Indien oder China könnte das teure Öl zur Gefahr werden.

Am Ölmarkt gibt es nach wie vor Sorgen vor Versorgungsengpässen. Die Preise haben weiter zugelegt.
Am Ölmarkt gibt es nach wie vor Sorgen vor Versorgungsengpässen. Die Preise haben weiter zugelegt.
Berlin/Washington/Seoul –  

Nach Ansicht der Bundesregierung droht in Deutschland durch die Unruhen in Libyen kein Engpass bei den Öllieferungen. Aus anderen Ländern würden weiterhin ausreichend große Mengen des Rohstoffs geliefert, sagte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums am Montag in Berlin. „Deswegen müssen unsere Reserven nicht aktiviert werden“, antwortete sie auf eine Frage nach der möglichen Öffnung der deutschen Ölreserven. Auch Südkorea, das zu den fünf größten Erdölimporteuren der Welt gehört, reagiert gelassen auf den Anstieg der Ölpreise, seit die Freiheitsbewegung in Nordafrika auf einen der wichtigsten Öllieferanten der Region übergegriffen hat. Die Regierung in Seoul habe keine Pläne, die für Krisenzeiten angelegten Reserven anzugreifen, erklärte ein Vertreter des staatlichen Ölkonzerns Korea National Oil (KNOC).

Dagegen hielten die USA vor Wirtschaftsgesprächen ihres Finanzministers Timothy Geithner in Berlin ihren Vorschlag am köcheln: „Wir schauen uns die verschiedenen Möglichkeiten an“, sagte der Stabschef des US-Präsidialamtes, Bill Daley, am Sonntag dem TV-Sender NBC. „Die Frage der Reserven ist eine davon.“ Geithner wird am Dienstag in Berlin und Frankfurt zu Beratungen erwartet.

In den USA mehren sich seit vergangener Woche die Stimmen für einen solchen Schritt, da der Benzinpreis für heimische Verhältnisse hoch ist und für Öl fast täglich mehr an den Märkten bezahlt werden muss. Die USA haben in den vergangenen zwei Wochen den zweitstärksten Preisanstieg für Benzin in ihrer Geschichte erlebt. Für eine Gallone - 3,78 Liter - der normalen Sorte mussten im Schnitt am Freitag 3,50 Dollar gezahlt werden, 32,7 Cent mehr als am 18. Februar. Umgerechnet auf einen Liter Normalbenzin waren dies 0,66 Euro.

Opec wartet ab


Die Ölpreise verteuerten sich am Montag auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren. Die Nordsee-Sorte Brent kostete mit 117,32 Dollar pro Barrel (1 Barrel = 159 Liter) über ein Prozent mehr als am Freitag. US-Öl sprang sogar um 2,02 Dollar auf 106,44 Dollar. Die Industriestaaten haben nach der Ölkrise in den 1970er Jahren Vorräte angelegt, um in Fällen wie diesem ihre Volkswirtschaften 90 Tage lang auch ohne Nachschub versorgen zu können. Jede Regierung entscheidet für sich, ob sie auf ihre Reserven zurückgreift und damit Einfluss auf den Preis nimmt.

Das Kartell der Erdöl exportierenden Länder prüft inzwischen eine Sondersitzung, um über eine Reaktion auf die Libyen-Krise zu beraten. Die Opec verfolge die Lage genau, sagte der Energieminister aus Katar, Mohammed Saleh al-Sada. „Es gibt keinen Grund für Nervosität“, fügte er hinzu. Eine ganze Reihe von Ländern sei in der Lage, den Ausfall der libyschen Ölproduktion zu ersetzen. Saudi-Arabien hat zuletzt seine Produktion hochgefahren und damit die Ausfälle aus Libyen weitgehend ausgeglichen. An den Märkten herrschen jedoch Sorgen, dass der Bürgerkrieg in dem nordafrikanischen Land länger anhalten und die Öllieferungen gefährden könnte.

Libyen belegt unter den Öl-Exporteuren Rang zwölf, ist aber für europäische Industriestaaten wie Deutschland der fünftgrößte Lieferant. Die dortige Ölproduktion fiel durch die Unruhen nach Angaben der staatlichen Gesellschaft NOC von vergangener Woche etwa auf die Hälfte. Der Ölpreis steigt schon seit längerem aufgrund des politischen Umbruchs in mehreren nordafrikanischen Staaten, aber auch der weltweit anziehenden Konjunktur an. Am Montag kostete Öl so viel wie seit rund zweieinhalb Jahren nicht mehr. Am Nachmittag kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent in London 117,88 Dollar, während die Sorte Light Sweet Crude in New York auf 106,82 Dollar stieg.

Ölpreis verursacht Bremseffekt

Sollte der Ölpreis noch lange hoch bleiben, müssen sich die Industriestaaten auf einen Bremseffekt auf ihren asiatischen Absatzmärkten einstellen. Schwellenländer wie China und Indien können Experten zufolge dann nicht mehr das hohe Wachstumstempo beibehalten, mit dem sie die Weltwirtschaft aus der Krise gezogen haben. Unter ungünstigsten Bedingungen drohen die hohen Kosten für den Schmierstoff der energiehungrigen Industrien die Inflation in Teilen Asiens zu verdoppeln und die Wachstumsraten zu halbieren.

„Ohne Zweifel: In einem solchen Fall steht Asien ein Rückschlag bevor“, sagt Sanjay Mathur, Volkswirt der RBS in Singapur. „Dann steht Asien vor einem großen Problem - und das wird ein Problem für alle werden.“

Ein Preis von 120 Dollar pro Barrel (159 Liter) Öl würde das Wachstum in Asien ohne Japan um 1,5 Prozentpunkte bremsen, haben Mathur und sein Kollege Erik Lueth berechnet. Dabei gehen sie davon aus, dass die Volkswirtschaften mit einem Ölpreis von 80 Dollar um 8,2 Prozent zulegen. Der Rohstoff kostet inzwischen aber schon wieder so viel wie seit September 2008 nicht mehr. Der Preis für US-Leichtöl lag am Montag bei 106,44 Dollar auf den Tisch gelegt werden. Die Nordsee-Sorte Brent kostete sogar 117,32 Dollar pro Barrel.

Am stärksten getroffen würde diesen Berechnungen zufolge Indien: Sein Jahreswachstum droht dann auf 6,0 Prozent zurückzugehen von 8,1 Prozent unter den günstigeren Bedingungen. Die Inflation könnte sich damit bereits in diesem Jahr auf 14 Prozent verdoppeln. Auch der steile Aufstieg Chinas fände keine ungebrochene Fortsetzung mehr. Die beiden Volkswirte gehen davon aus, dass die Volksrepublik ihre Wirtschaftsleistung dann noch um 8,8 Prozent steigert statt um zehn Prozent. Südkoreas Wachstum würde auf 1,6 Prozent zurückfallen.

Der hohe Ölpreis wird je nach Land andere Folgen haben. Auch haben Staaten wie Malaysia und Indonesien genug Geld auf der Seite, um die Folgen von Inflation und teurer Energie beispielsweise für die Nahrungsmittelkosten der Bevölkerung abzufangen. Wie die Philippinen hat aber auch Indien diesen finanziellen Spielraum nicht. Die Regierung in Neu-Delhi wird dennoch unter Druck kommen, ihr Milliardenvolk nicht mit den steigenden Preisen alleinzulassen - und im Zweifelsfall das Risiko eines höheren Staatsdefizits mit allen belastenden Folgen für ihre Wirtschaft in Kauf zu nehmen. (afp/reuters)

Datum:  7 | 3 | 2011
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