Innerhalb von acht Monaten hat sich der Ölpreis verdoppelt. Gestern kostete ein Fass der US-Sorte WTI knapp 69 Dollar. Im Januar waren es kurzzeitig um die 36 Dollar. Hat sich in den acht Monaten die Nachfrage verdoppelt? Mitnichten.
Für die Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (Unctad) sind die enormen Sprünge bei den Notierungen ein klarer Beleg, dass die Preise durch Spekulanten massiv verzerrt werden. Die Unctad fordert deshalb in ihrem Handels- und Entwicklungs-Report, der gestern in Genf vorgelegt wurde, ein strengeres Regiment. "Aufsicht und Regulierung der Rohstoff-Future-Märke müssen ausgebaut werden".
Futures sind eigentlich eine sinnvolle Einrichtung, Landwirte können damit Risiken minimieren. Das geht so: Ein Händler verpflichtet sich, den Doppelzentner Weizen zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem bestimmten Preis zu kaufen. Der Clou: Solche Verträge werden schon lange vor der Ernte geschlossen. Futures werden vor allem in den USA aber auch in London auf alle möglichen Rohstoffe gehandelt - auf Sojabohnen, Mais, Baumwolle, Orangensaftkonzentrat, Aluminium, Zink, Kupfer oder Öl. Die Future-Märkte sollen Bauern und den anderen Akteuren auch Informationen über Preisentwicklungen und die Lage bei Angebot und Nachfrage geben.
Die Zahl der Rohstoff-Kontrakte hat sich laut Unctad seit der Jahrtausendwende verfünffacht. Der Grund: Investoren haben Rohstoffe als Kapitalanlage entdeckt und damit das Future-Geschäft aufgebläht. Den "stärksten Beleg" für den massiven Einfluss der Spekulanten sieht die Unctad in der Entwicklung in der zweiten Hälfte 2008. Die Rohstoffpreise gingen rasant in den Keller ebenso wie die Aktienmärkte. An den Devisenmärkten ging des turbulent zu. Nach der Lehman-Pleite krachte es in der Finanzindustrie gewaltig. Es war für Investoren plötzlich fast unmöglich, an Kredite zu kommen, damit wurden auch Spekulationen mit geliehenem Geld erheblich erschwert. Die Unctad spricht von einem "Deleveraging Process".
Die Folgen der Zockerei sind aus Sicht der UN-Experten fatal - die Funktion der Börsen sei erschüttert. Akteure, die die realen Produkte benötigen - wie Nahrungsmittel-Produzenten - hätten sich zurückgezogen. Denn mit immer rasanteren Preisveränderungen werden es immer teurer, sich gegen diese Risiken abzusichern. Und besonders Entwicklungsländer, die auf Importe von Rohstoffen angewiesen seien, litten unter den Spekulationen - zumal der jüngste Preisverfall nur einen Teil der Aufschläge während des Booms ausgeglichen habe. "Rohstoffpreise sind weit über ihrem Niveau in der ersten Hälfte des Jahrzehnts geblieben", heißt es in dem Report.
Unctad-Chefökonom Heiner Flassbeck hat mehrfach davor gewarnt, in die Marktbewegungen "eine Rationalität hinein zu deuten", die es nicht gebe. Den Ölpreis-Anstieg in diesem Jahr hat er als "Bärenmarktrally" bezeichnet - als einen kurzen Aufschwung, der wieder in sich zusammenbricht.
Als Therapie schlägt die UN-Organisation für arme Länder eine denkbar einfach Lösung vor: Stärkere Lagerhaltung, "um zeitweise Verknappung und starke Preisschwankungen auszugleichen". Die Regulierung der Rohstoffbörsen ist erheblich schwieriger. Als zentralen Punkt fordert die Unctad die Zusammenarbeit zwischen den Behörden der Staaten zu verstärken, um Daten auszutauschen. Das sei eine Voraussetzung, um Preisblasen zu vermeiden. Bislang sei es für einen Händler möglich in London und New York die gleichen Kontrakte zu handeln. Handele es sich hierbei um große Volumina, ließen sich Preise an den Aufsehern vorbei massiv manipulieren.
Zudem fordert die Unctad, die Befugnisse der Aufsichtsbehörden auszuweiten. Die können zwar die Rohstoffbörsen kontrollieren, nicht aber die außerbörslichen Deals gelten, die Banken und Händler untereinander machen. Solche OTC-Geschäfte können indes erheblichen Einfluss auf die Notierungen haben.
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