Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

23. Januar 2016

Ölpreis: Preissturz mit gewaltigen Folgen

 Von 
Am Ölpreis hängt viel - sogar das Schicksal ganzer Regierungen.  Foto: REUTERS

Rohstoffe verlieren derzeit gravierend an Wert. Das destabilisiert viele Länder in Lateinamerika, Afrika und im Nahen Osten.

Drucken per Mail

Es ist nur eine Zahl. Seit geraumer Zeit hat sie lediglich vier Ziffern, zwei vor dem Komma, zwei dahinter: der Ölpreis. Er bestimmt nicht nur das Einkommen von Millionen Menschen. An ihm hängen auch das Schicksal von Regierungen und die politische Stabilität in Lateinamerika, Asien und Afrika. Der Preisrutsch bei Öl und vielen anderen Rohstoffen lässt derzeit Politiker stürzen, heizt Proteste an und treibt Menschen zur Flucht ins Ausland. Folge der Rohstoff-Baisse sei „eine radikale Veränderung der politischen Ordnung des Globus“, so Michael Klare, Professor am britischen Hampton College.

In Abnehmerländern wie Deutschland wirkt das billige Öl als Segen: Tank- und Heizrechnungen sinken, Verbraucher und Unternehmen sparen Milliarden Euro. Doch ihre Ersparnis ist der Verlust der Lieferländer, die zumeist abhängig sind vom Export von Öl, Gas, Kupfer oder Soja.

Der Preisrutsch führt dort zur Krise: Selbst Giganten wie Russland und Brasilien sind in die Rezession gefallen, Venezuela meldet den ökonomischen Notstand. Auch die afrikanischen Schwergewichte Südafrika und Nigeria verzeichnen riesige Einbußen und ziehen den Rest des Kontinents mit sich. „Afrikas Boom ist vorbei“, bilanziert der Autor Rick Rowden in der Zeitschrift „Foreign Policy“.

Dem stimmt auch der Internationale Währungsfonds (IWF) zu. Der jahrzehntelange Rohstoffzyklus, der Afrikas Wachstum anfeuerte, „scheint zu einem Ende gekommen zu sein“, so der Fonds. „Das stellt einen beeindruckenden Schock dar.“ Betroffen seien nicht nur die großen Öl-Produzenten wie Nigeria, Ghana und Angola, die zusammen mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung Afrikas ausmachen, sondern auch Länder wie Sambia, dessen Ausfuhren zu 70 Prozent am Kupfer hängen.

Der Preisverfall bei Rohstoffen lässt die Exporteinnahmen einbrechen, was die Staaten zu Ausgabenkürzungen zwingt. Gleichzeitig steigen die Haushaltsdefizite, da die Regierungen mehr Schulden machen. Beides zusammen drückt den Wert der Landeswährung, was Importe teurer macht und die Inflation anheizt – in Russland fiel der Rubel diese Woche auf ein Rekordtief, die Inflationsrate betrug zuletzt 13 Prozent. Um den Rückgang ihrer Währungen aufzuhalten, setzen die Länder die Zinsen hoch, was den Rest der Wirtschaft zusätzlich belastet.

Das berühmteste Ölfeld
Vier riesige Förderplattformen

Das berühmteste Ölfeld der Nordsee steht vor dem Ende. Das Öl- und Gasfeld Brent, nach dem die wichtigste Rohölsorte Europas benannt ist, ist ausgefördert. Nach 40 Jahren und umgerechnet mehr als drei Milliarden Barrel Öl und Gas ist Schluss. Drei von vier Förderplattformen sind schon stillgelegt. „Brent“ ist der englische Name der Ringelgans. Das Feld liegt auf halbem Wege zwischen den Shetland-Inseln und Norwegen. Shell teilt sich Investitionen und Erträge aus dem Brent-Feld mit ExxonMobil; rund 70 Prozent gehen an den britischen Staat.

Vier riesige Förderplattformen mit den Namen Alpha, Bravo, Charlie und Delta stehen in der Nordsee. Jede von ihnen ist 300 Meter hoch, wie der Pariser Eiffelturm. Nur Brent Charlie fördert derzeit noch Gas. Nach der endgültigen Stilllegung muss die gesamte Anlage aufwendig abgebaut und möglichst an Land entsorgt werden. Die Kosten dafür werden auf rund 52 Milliarden Euro geschätzt. „Wir werden modernstes technisches Know-how brauchen und mehr als zehn Jahre Zeit“, sagt Thomas Müller von der deutschen Shell-Organisation, der mit dem Projekt vertraut ist. (dpa)

Das schürt Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Der Staat streicht seine Ausgaben zusammen, senkt Subventionen für Benzin, Wohnraum und Lebensmittel, das Leben wird teurer. Wirtschaft und Staat bieten nicht länger genügend Jobs für die jungen Leute. „Das Wachstum ist zu gering, um die Schaffung von ausreichend Stellen oder eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung zu gewährleisten“, so der IWF über die Länder des „arabischen Frühlings“. Die Jugendarbeitslosigkeit in dieser Region schätzt er auf über 30 Prozent für das Jahr 2013 – neuere Schätzungen wagt er nicht.

Die Wirtschaftskrise untergräbt vielerorts die politische Ökonomie, auf der die relative politische Stabilität der Rohstoffländer beruht: Einen Teil der Einnahmen aus dem Rohstoff-Verkauf geben die Regierungen an die Bevölkerung weiter, um sich darüber Gefolgschaft zu kaufen. Sie gewähren Subventionen, verteilen Schmiergelder, Staatsaufträge und –posten. So sind in Algerien eine Million Menschen in staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ruhiggestellt. Nun hat die Regierung angekündigt, wegen des Ölpreisverfalls die Staatsausgaben um neun Prozent zu kürzen. „Wir müssen mutige Entscheidungen für 2016 treffen“, sagte Ministerpräsident Abdelmalek Sellal. Die Algerier werden zornig, jeder dritte Jugendliche will das Land verlassen, möglichst Richtung Europa.

Die enge Verbindung von Staat und Wirtschaft gebiert Vetternwirtschaft und Korruption, die in wirtschaftlich guten Zeiten von der Bevölkerung akzeptiert werden. In schlechten Zeiten geht sie auf die Straße. In Brasilien wird gegen Präsidentin Dilma Rousseff demonstriert, in Venezuela gegen Präsident Nicolas Maduro, auch in der Ukraine wackelt die Regierung. Im Öl-Land Nigeria verlor Präsident Goodluck Jonathan sein Amt wegen Korruptionsvorwürfen, beim Soja-Exporteur Argentinien war es Cristina Kirchner. Die Regierung Saudi-Arabiens steht noch, „aber wie lange kann sich die Königsfamilie noch von der wachsenden Unzufriedenheit freikaufen?“, fragt Professor Klare. Gegen Südafrikas Präsidenten Jacob Zuma richtet sich der Volkszorn, ebenso wie gegen Ecuadors Staatschef Rafael Correa, dessen Land unter sinkenden Öl- und Bananenpreisen leidet.

„Die Menschen sind frustriert wegen der wachsenden ökonomischen Herausforderungen, über deren Ursache die Regierenden aber kaum Kontrolle haben: das Ende des Rohstoff-Booms“, schreibt Professor Jorge Castaneda, ehemals Mexikos Außenminister, in „Foreign Policy“. Lateinamerikas Linke erlebe derzeit wieder ihr jahrhundertealtes Drama: „Rohstoffpreise steigen und fallen und sie tragen die Regierungen mit sich.“

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Freihandel

Nochmals verhandeln

Von  |

Verbesserungen bei Ceta reichen noch nicht aus Mehr...

Zankapfel

Sozialstaat als Jobmaschine

Die Klage über die sozialen Lasten ist falsch Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen