Seit Mai dürfen Fleisch, Milch, Käse oder Eier mit dem Label "Ohne Gentechnik" gekennzeichnet werden. Im Supermarkt aber gibt es nur wenige Artikel mit dem Aufdruck. Die Lebensmittelketten zögern, ihre Lieferanten zur Erzeugung ohne Gentechnik zu bewegen, oder sie befinden sich, wie Rewe, noch "im Meinungsbildungsprozess". Lidl reagiert gar nicht, und Aldi-Süd lehnt das Label komplett ab. Es könne Kunden verunsichern, weil es "suggeriert, in allen übrigen Lebensmitteln seien gentechnisch modifizierte Inhaltsstoffe enthalten", sagt Aldi-Sprecherin Kirsten Windhorn.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz BUND macht Druck: In einer Kampagne mit E-Mails und Unterschriftenlisten soll Edeka als Deutschlands größter Lebensmittelhändler bewegt werden, "Ohne-Gentechnik-Produkte" ins Regal zu stellen. Die Idee, so die BUND-Gentechnikexpertin Heike Moldenhauer: "Wenn Edeka einsteigt, dann folgt die ganze Branche." Die ersten Mails, bestätigt Edeka, sind eingegangen.
Doch auch Edeka tut sich schwer, die von Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer gepriesene Etikettierung zu nutzen, was verwundert: Denn schon seit 2003 hat die Edeka-Regionalgesellschaft Nord Fleisch Produkte von Schweinen im Angebot, die gentechnikfreies Sojaschrot aus Brasilien fressen. Was kaum einer merkt: Von der Werbetrommel zum Start des Programms abgesehen, erfährt der Kunde nur auf Nachfrage von dem Qualitätsmerkmal. Roland Ferber, Vizechef der Edeka-Fleischzentrale Nord, sagt zwar, dass man über Möglichkeiten einer Kommunizierung nachdenke. Doch das wird schwierig: "Wir wollen die anderen Edeka-Gesellschaften nicht in Verlegenheit bringen." Denn die Zentrale, so Lüders, "hat keinen konkreten Pläne" für das Label. Die Verpackungen seien mit Infos überladen, es gebe kein bundesweit einheitliches Zeichen wie bei Bio, und es sei unklar, ob dauerhaft genug gentechnikfreies Soja zu beschaffen sei. So argumentiert auch Rewe-Sprecher Andreas Krämer: Komme das Label bei Rewe, dann "darf das kein Marketing-Gag werden", sondern ein verlässliches, auf Dauer angelegtes Segment.
Ulrich Steinruck, Chef des Raiffeisen-Kraftfutterwerks Süd in Würzburg, beruhigt die Branche: "Es gibt ein extrem hohes Angebot aus Brasilien", weiß der Experte. Sechs Millionen Tonnen Sojaschrot pro Jahr seien beschaffbar, zwei Millionen Tonnen mehr, als das deutsche Vieh heute an Gen-Soja frisst. Zwar habe sich die Nachfrage seit Mai "belebt", doch das führe er auf Vorreiter Tegut zurück, der restliche Lebensmittelhandel sei "sehr wenig engagiert".
Die Supermarktkette Tegut hatte gentechnikfreie Milchprodukte bereits ins Regal gestellt und mit dem Aufdruck "Ohne Gentechnik" versehen, als die Hürden dafür noch extrem hoch waren. Jetzt kommen weitere Produkte. "Kurzfristig", so Geschäftsleitungsmitglied Andreas Swoboda werde es gentechnikfreies Schweinefleisch mit Label geben, später auch Eier und Hähnchen. Swoboda animiert die Konkurrenz zum Gleichziehen: Je mehr mitmachten, desto mehr brasilianische Bauern würden beim traditionellen Soja-Anbau bleiben.
Probleme mit dem Label hat hingegen Hähnchen-Marktführer Wiesenhof: Die Firma füttert die Hendl zwar seit 2000 mit gentechnikfreiem Soja und macht dafür Werbung in Brigitte und Stern, versteckt die Angabe aber auf dem Produkt. Zunächst solle es bei einem nur schwer zu entdeckenden Hinweis inmitten eines langen Textes auf der Unterseite der Packung bleiben, sagt Sprecherin Britta Fey. Denn Wiesenhof beklagt eine Rechtsunsicherheit beim Umgang mit gentechnischen Verunreinigungen mit Gen-Soja. Die müssten "aus dem Weg geräumt werden, ehe wir an Labelling denken".
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