Das deutsche Autoherz steht kurz vor dem Infarkt, als Dirk Kleine ein stechender Schmerz in die Brust fährt. Das war vor zwei Wochen.
Kleine war lange Abteilungsleiter einer Firma für Auto- und Motorradzubehör, dann kam die Krise und Kleine war eines ihrer ersten Opfer. Jetzt sitzt er im Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa), einem Eschborner Bürohaus, im neunten Stock. Einhundert zusätzliche Sachbearbeiter hat das Amt eingestellt, seit Abwracken der neue Volkssport ist.
Die Abwrackprämie kann seit dem 30. März nur noch über das Online-Portal des Bafa beantragt und reserviert werden.
Interaktive Grafik: Fakten zur Abwrackprämie
Selbst im Eltern-Kind-Zimmer stehen Schreibtische, zuletzt wurden vier weitere Etagen in einem Nebengebäude renoviert. Kleine gehörte zu den ersten, die hier Arbeit fanden. "Ich war ein Verlierer der Krise, jetzt bin ich ein Gewinner. Ist schon komisch, oder?"
Dass ausgerechnet in diesem Land, in dem 80 Millionen Bürger im Jahr zwei Millarden Euro allein für die Autopflege ausgeben, plötzlich zigtausend Pkw verschrottet werden, hat Kleine bis heute nicht verschmerzt. An jenem Morgen, als der Abwrackboom mit 25.000 Eingängen am Tag ihren Höhepunkt erreichte, war es besonders hart.
Kleine, der ab und zu auch die Telefonhotline betreut, sprach mit einer älteren Dame, die ihren Mercedes, einen aus der legendären Serie "Strich Achter" in die Presse stellen wollte. Ein Liebhaberstück mit Sammlerwert. Bestimmt mehr als 5000 Euro. Da ist ihm "fast der Hörer aus der Hand gefallen". Er hat seine Vorgesetze gefragt, "ob ich der Frau den Wagen abkaufen darf". Er durfte nicht.
Autoland Deutschland verändert sich
2500 Euro zahlt die Bundesregierung jedem Pkw-Besitzer, der sein mindestens neun Jahre altes Fahrzeug für immer von der Straße verschwinden lässt und sich einen Neu- oder Jahreswagen zulegt. 1,5 Milliarden Euro stehen insgesamt zur Verfügung, um den Automarkt bis Ende des Jahres zu beleben. Doch der Topf ist so gut wie aufgebraucht. Neun Monate früher als geplant. Jetzt wird aufgestockt.
Was ist nur im "einig Autoland" passiert, dass Dirk Kleine an seinem Computer Formulare im Akkord bearbeiten muss, im Schnitt statt 30 noch zehn Minuten benötigt und angehalten ist, alle 50 Minuten doch bitte eine Bildschirmpause einzulegen?
Im Autohaus Best in Offenbach sitzt Verkaufsleiter Rene Diller an seinem Schreibtisch und genießt die Ruhe vor dem Sturm. Er ist "seit 20 Jahren im Showgeschäft", er kann sich gut erinnern, wie das war, als die Mauer fiel, und alles, was vier Räder hatte, in den Osten rollte. "Doch das hier ist krasser", sagt Diller. "Das hat keinen Spaß gemacht."
Mitten in der Saure-Gurken-Zeit drängten die Kunden Schulter an Schulter in den Showroom, "als ob die Autos aussterben würden". Wie an der Supermarktkasse hat Diller Neuwagen verkauft, ein Beratungsgespräch interessierte wenige, seine "große Stärke blieb auf der Strecke".
Keine Extras, kein Schnickschnack, Hauptsache billig - viele "08/15-Kassengestelle" hat der Skoda-Fachmann seit Ende Januar verkauft, "seit die Regierung ein Spiel gestartet hat, ohne die Regeln festzulegen". Anfangs, erzählt Diller, waren die Händler bei dem Ansturm völlig überfordert. "Dass sich Kunden nicht gegenseitig die Augen ausgekratzt haben, war noch alles." 170 Autos haben sie im ersten Quartal verkauft, normal sind 70. "Aber was heißt normal?" Die Bestände sind aufgebraucht, Lieferzeiten werden immer länger.
Schrotthändler leiden unter fallenden Preisen
Die Prämie wird dieses Land verändern. Eine ganze Generation bricht weg, Polo, Corsa, Baujahr 1995 bis 1999, früher Autos fürs Leben - alle in Würfel gepresst. Der Skoda-Fabia ist nun das zweitliebste Kind der Nation. Hinter dem Golf; im Vorjahr stand er noch auf Platz 18.
Seine Frau und die Kinder hat Rene Diller zuletzt nicht oft gesehen, "ich weiß, dass klingt nach Jammern auf hohem Niveau". Er sagt, es wäre klüger gewesen, die Prämie mit gedrosseltem Tempo über das Jahr zu verteilen; nicht linke Spur, Vollgas, bis der Tank leer ist. Er fürchtet die große Leere 2010, die Premiumhersteller, Gebrauchtwagenhändler und freie KfZ-Werkstätten längst spüren.
Dennoch. Dass die Prämie bis Jahresende verlängert werden soll, ist für Autohändler Diller eine gute Nachricht. Für Autoverwerter Ralf Köhler klingt sie wie ein schlechter Witz. Am Anfang dachten bei der Frankfurter Recyclingfirma Manke alle, "auf uns warten fette Zeiten, doch die sind längst vorbei".
Von der Goldgräberstimmung kein Spur. Statt in Cash zu schwimmen, sagt Köhler, "sehen wir kein Land mehr". Im Sommer 2008 gab es für eine Tonne Autoschrott - ohne Flüssigkeiten, ohne Elektronik, ohne Verkleidung - 250 Euro, im Winter noch 70, mittlerweile ist der Preis auf 20 Euro gefallen. "Das", sagt Köhler, "ist doch Wahnsinn."
Donnerstags ist bei Manke "Schnellschlachtung", "da wird nichts ausgebaut, da geht es nur darum, den Hof leer zu machen". Doch selbst an so einem Tag fragen verzweifelte Händler vergeblich nach freien Abwrackkapazitäten. Wenn Ralf Köhler nicht neuerdings 150 Euro pro Verschrottung von Privatkunden nehmen würden, könnten sie bei Manke gleich dicht machen.
Zuletzt haben sie den Abschlepper "notreparieren lassen, "damit er die Woche durchhält" - während gleichzeitig ein Peugeot 206 durch das Tor rollte, 48.000 Kilometer standen auf dem Tacho, "der hatte keine Schramme".
365 Tonnen Papier landen bei der Post
Früher, sagt Köhler, "waren die Wagen zwölf bis 18 Jahre alt. Die hatten ausgedient. Warum schon jetzt ein neun Jahre altes Auto verschrotten? Das will mir nicht in den Kopf." Im Schnitt werden bei Manke seit zwei Monaten täglich zehn Autos verschrottet. Der Nachweis landet, zusammen mit allen weiteren Unterlagen, in einem Umschlag und dann bei Werner Hrdliczka.
Der ist Teamleiter der Digitalisierungsstation der Post, 20 Menschen arbeiten hier, im Dezember waren es noch sechs. An Weihnachten kamen ja auch noch keine 10.000 Umschläge pro Tag, insgesamt sind es inzwischen gut 400.000, zwölf Blätter pro Umschlag, macht rund 385 Tonnen Papier.
"Hier", sagt Hrdliczka, "arbeiten Profis". Die Post wird geöffnet, die Papiere aus Schnellheftern gelöst oder von Tackerklammern befreit. Mal sind die Zettel lieblos in den Umschlag gestopft, mal akkurat sortiert, mal liegen handgeschriebene Notizen bei.
Bei der Post werden sie geordnet und gescannt, ein gelber Behälter mit 80 Umschlägen ist nach anderthalb Stunden durch. Die elektronischen Fassung landet bei der Bafa, das Papier wird gelagert und nach zehn Wochen vernichtet. "Das bringt uns Arbeit und erspart dem Kunden Zeit.", sagt Hrdliczka. Übrig bleiben Klarsichthüllenstapel und kiloweise Büroklammern.
Auf dem Bafa-Parkplatz steht der alte Opel Astra von Volker Anders - gelernter Exportkontrolleur, seit fünf Jahren im Haus, seit einem Jahr Pressesprecher, seit zwei Monaten besitzt er eine der begehrtesten Rufnummern der Republik. Ex-Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hatte die "staatlich Umweltprämie" gerade via Bild-Zeitung aus der Taufe gehoben, "da haben bereits 270.000 Menschen versucht beim Bafa anzurufen".
Am nächsten Morgen, sagt Anders, "standen die ersten mit ihren Nummerschildern vor der Tür. Da haben wir verstanden, welche Dimension dieses Thema hat." Beim Pförtner klingelt es alle drei Sekunden, jede Sekretärin in jeder Abteilung besitzt längst Basiswissen. Anders sagt, "alle im Haus", dann hält er kurz inne, "haben das Gefühl, an etwas Großem mitzumachen".
Für das neue Online-Portal der Bafa, über das sich die Prämie seit Montag reservieren lässt, wurde eigens ein leistungsstarker Server angemietet. Doch der Abwrackwahn ist stärker. Punkt acht Uhr bricht der Server zusammen. Nichts geht mehr.
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