Bochum. Applaudieren wollen die Bochumer Opelaner den selbst ernannten Rettern ihres Werkes lieber nicht. "Bei uns herrscht Angst und große Wut", sagt Vertrauensmann Steffen Reichelt. Schon vor dem Berliner Tauziehen um ihre Arbeitsplätze hätten die Beschäftigten auf zahlreichen Versammlungen heftig um ihre Zukunft gestritten, darüber, welcher Investor der beste sei und welche Forderungen sie an ihn stellen wollen.
Seit der Entscheidung am Wochenende für Magna wurde noch keine Schicht gefahren - seit Februar arbeiten die Opelaner in Kurzarbeit. Am Mittwoch laufen die Bänder wieder an und die Betriebsräte wollen Versammlungen einberufen. "Jetzt sind wir endlich am Zug", so Reichelt. Die politischen Verhandlungen hätten keine "Heldentaten" hervor gebracht.
Chrysler ist insolvent. GM wankt und droht Opel mit in die Tiefe zu reißen. Porsche und VW kämpfen gegeneinander. Die Zulieferer leiden. Jobs sind bedroht. Spezial: Krise der Autobauer
Wenn es einen großen Verlierer im nächtelangen Poker um die Rettung des Autoherstellers gibt, dann ist es die Stadt im Ruhrgebiet. Von den rund 5500 Menschen soll rund ein Drittel die Arbeit verlieren. Ohne betriebsbedingte Kündigungen, heißt es bislang. "Dazu gibt es aber keine schriftliche Vereinbarung. Wir wurden so oft belogen, warum sollten sich die Arbeitgeber diesmal daran halten?"
Kaum einer scheint den Rettungsaussagen von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers oder Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU) Glauben zu schenken. Seit der besten Zeit des zweitgrößten deutschen Werkes mit weit mehr als 21 000 Arbeitern müssen sie nahezu jedes Jahr um ihre Jobs bangen. Zuletzt 2004, als sie mit einem wilden Streik die Produktion in nahezu ganz Europa lahm legten. Nach einem permanenten Stellenabbau sind in dem Werk nahe der Innenstadt kaum noch Menschen beschäftigt, die sich zum Beispiel aufgrund ihres Alters mit ihrer Abfindung freiwillig zur Ruhe setzen wollen.
Aber mit Magna ist nun erstmalig der deutsche Staat am Verhandlungstisch. Die Bürgschaften von Bund und Ländern sollen nun an die Sicherung eines Arbeitsplatz-Kontingents geknüpft werden. Genaue Angaben über die Zielzahl könnten noch nicht gemacht werden, sagt Rüttgers. Noch vor zehn Tagen hatte Rüttgers das erste Magna-Konzept stritk abgelehnt, das die Streichung von 2200 Jobs vorsah. "Jetzt herrscht endlich Sicherheit für die Opel-Beschäftigten in Bochum," so der Christdemokrat.
"Es ist ein Aufatmen mit Schmerzen", sagt der IG-Metall Bezirksleiter Oliver Burkhard zur Frankfurter Rundschau. "Zu Freudentänzen sind wir ganz und gar nicht aufgelegt." Es sei zwar gut, dass die Politik endlich beschlossen hat einzugreifen. "Und jetzt haben wir endlich ein Gegenüber, mit dem wir verhandeln können. "Aber die Bochumer Beschäftigten scheinen deutschlandweit am härtesten betroffen zu sein", so Burkhard. Er weiß, dass die Verhandlungen auch um Zugeständnisse der Beschäftigte hart werden. Mehr als 80 Prozent der Opelaner in Bochum sind gewerkschaftlich organisiert, traditionell sind dort kommunistische und antikapitalistische Gruppierungen wie die MLPD sehr einflussreich. "Magna muss sich etwas einfallen lassen, um hier einvernehmliche Lösungen zu finden."
Vertrauensmann Reichelt bezweifelt indes, dass die Bochumer bereit wären, etwa auf das Weihnachtsgeld zu verzichten um Jobs zu erhalten. "Wir werden eh ausgenutzt. Die wollen aus immer weniger Leuten immer mehr rausholen."
Im Opel-Werk in Bochum führt die vorläufige Rettung des Autobauers zu zwiespältigen Reaktionen. Die Beschäftigten sind skeptisch, ob sie den neuen Arbeitgebern glauben können und bangen um ihre Arbeitsplätze.
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