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Flutkatastrophe: Pakistan bekommt erste Hilfe

Die Spendenbereitschaft für die Flutopfer in Pakistan steigt mittlerweile in Deutschland - zumindest in der Bevölkerung. Die deutsche Wirtschaft lässt die Mega-Katstrophe noch ziemlich kalt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Moderator Peter Frey bei der Spenden-Gala des ZDF am Donnerstag. Acht Millionen Euro kamen an einem Abend zusammen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Moderator Peter Frey bei der Spenden-Gala des ZDF am Donnerstag. Acht Millionen Euro kamen an einem Abend zusammen.
Foto: REUTERS
Frankfurt –  

Die Spenden-Gala des ZDF für das zur Hälfte überflutete Pakistan hat ein erfreuliches Ergebnis: Acht Millionen Euro wurden am Donnerstag von Spendern zugesagt. Das ist etwa die Hälfte dessen, was die zehn Hilfsorganisationen des Bündnisses "Deutschland hilft" in den vergangenen Wochen ohne große Medienunterstützung eingesammelt haben. Unter den Spendern waren auch zahlreiche Firmen, die den angenehmen Werbeeffekt mit der nützlichen Hilfe verbanden. Aber es waren überwiegend kleine Mittelständler, die Geld gaben. Von den großen DAX-Firmen waren nur wenige vertreten - zum Beispiel Siemens oder Daimler. Gemeinsam ist den meisten Spendern aus der Wirtschaft, dass es sich überwiegend um Sammlungen der Belegschaft handelt. Zum Teil wurden diese jedoch durch das Unternehmen aufgestockt. Bei Siemens steuerte das Unternehmen ungefähr dieselbe Summe bei, wie die Mitarbeiter sammelten.

Dabei hat die deutsche Wirtschaft in Pakistan stets gut verdient und auch kräftig investiert. Siemens allein beschäftigt rund 1500 Mitarbeiter in dem Land, von denen viele direkt oder indirekt über Familienangehörige ebenfalls betroffen sind.

Fast alle Unternehmen sind in dem Schwellenland vertreten, die Rang und Nahmen haben - rund 130 Mitgliedsfirmen zählt der gemeinsame deutsch-pakistanische Wirtschaftsausschuss.

Regional nicht zuständig

Könnte die deutsche Wirtschaft bei einer solchen Jahrhundert-Katastrophe also mehr tun? Stellvertretend folgt eine Anfrage beim Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft (APA). "Wir sind regional nicht zuständig", heißt es dort. Die pakistanische Botschaft in Berlin beklagt, dass weniger Spenden eingingen als erwartet. Die Botschaft kann auch diesbezüglich selbe nicht aktiv werden. "Wir müssen massenhaft Sondervisa für Flut-Helfer ausstellen", sagt ein Botschafts-Mitarbeiter. "Das raubt uns die Zeit." Auch beim Industrieverband BDI übt man eher Zurückhaltung. Das müsse jedes Unternehmen selber entscheiden, heißt es dort.

Engagement lässt dagegen die Handelskammer in Hamburg erkennen. Gero Winkler, Katastrophen-Koordinator der Kammer, hat alle rund 140.000 Mitgliedsfirmen der hanseatischen Wirtschaftsvereinigung in den vergangenen Wochen angeschrieben - der Rücklauf sei jedoch bislang sehr spärlich, sagt er.

Pakistan ist für Deutschland mit einem deutschen Liefervolumen von rund zwei Milliarden Euro eher ein Wirtschaftspartner aus der zweiten Reihe. Als Investitionsziel jedoch gewann das Land zuletzt an Bedeutung. Glaubt man den Vertretern der deutschen Wirtschaft und ihrem freiwilligen, selbstverpflichtenden Kodex, so ist man dort nicht nur besorgt um die Wirtschaftsentwicklung, sondern auch um die Menschenrechte und die Umwelt. Nothilfe allerdings fällt nicht unter den Kodex.

Zum Beispiel Puma. 2008 lieferte der Sportschuh-Verkäufer passend zur Fußball-Weltmeisterschaft Fußbälle aus pakistanischer Produktion. In ihrer sozial-ökologischen "Vision" geben sie zu Protokoll: "die deutsche Wirtschaft übernimmt Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung". Ein Satz, den die meisten dort tätigen deutschen Konzerne heute unterschreiben würden. Auf die Anfrage nach nachhaltiger Katastrophenhilfe in dem Land kommt die Puma Antwort. Puma arbeite in Pakistan mit sechs Zulieferfabriken zusammen, die in Lahore, Sialkot und Faisalabad sitzen. Diese Regionen - und damit die Zulieferer von Puma - seien nicht von der Flut betroffen, weshalb auch keine Unterstützung seitens Puma notwendig seien.

Trauriger Rekord

Allein die Mitarbeiter sind offenbar für Humanität zuständig: "Unsere von Puma-Mitarbeitern gegründete und geleitete Wohltätigkeitsorganisation Charity Cat hat Flutopfern in Pakistan eine Spende über einen vierstelligen Betrag zukommen lassen und sammelt auch weiter für die Opfer. Zudem unterstützt Charity Cat seit einige Jahren das SOS-Kinderdorf in Sialkot mit finanziellen Zuwendungen", heißt es bei Puma. Bei Siemens ist man schon einen Schritt weiter: Zu jedem gespendeten Euro der Belegschaft legt der Konzern einen Euro drauf - rechtzeitig zur Fernsehspenden Gala kann Siemens eine Million Euro werbewirksam melden. Inwieweit der Neuaufbau des Landes Geschäftschancen bietet? Von Krankenhaus-Ausstattung bis Trinkwasser Aufbereitung lautet das kommerzielle Sortiment des Konzerns.

Pakistan hält einen traurigen Rekord. Wohl noch nie ist die Entwicklung eines ganzen Landes durch ein Naturereignis so nachhaltig geschädigt worden. 20 Millionen Menschen auf der Flucht vor den Fluten. Schäden in astronomischer Höhe. Das beginnende Schwellenland wird um Jahrzehnte zurückgeworfen.

Die Deutschen sind durch zu viele Katastrophen Spendenmüde geworden und trauten dem islamischen Regime zudem nicht über den Weg, gilt als landläufige Begründung für den schleppenden Start der Hilfe. Die auf Globalisierung und damit auch auf globale Verantwortung setzenden deutschen Konzerne könnten hier sicher mehr tun - beispielsweise über eine gemeinsame Nothilfe-Organisation. Das Geld dafür ist da: Im ersten Quartal 2010 hatte Siemens einen operativen Gewinn von 2,1 Milliarden Euro und Daimler von 1,2 Milliarden erwirtschaftet. Im Durchschnitt der 30 Dax-Konzerne ist es knapp eine Milliarde in den drei Monaten.

Autor:  Roland Bunzenthal
Datum:  27 | 8 | 2010
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