Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

01. August 2014

Paypal: „Nur Freaks werden an Bargeld festhalten“

 Von 
Paypal-Technologievorstand James Barrese.  Foto: Paypal

Paypal-Technologievorstand James Barrese spricht im FR-Interview über Hygiene, das Risiko bei Internet-Zahlungen und die Konkurrenz Facebook.

Drucken per Mail

Fast jeder, der im Internet einkauft, hat schon mal den Online-Bezahldienst Paypal genutzt. Doch Paypal wird auch in der realen Welt immer präsenter. Zahlen mit Paypal soll künftig auch am Fahrkartenautomaten oder in der Bäckerei eine Selbstverständlichkeit werden. Ein Gespräch mit Paypal-Technologievorstand James Barrese über eine Zukunft (fast) ohne Bargeld.

Zur Person

James Barrese ist im Vorstand des Bezahldienstes Paypal für die Produktentwicklung zuständig. Er studierte an der renommierten Stanford-Universität. Seine berufliche Karriere startete er als Technologieexperte bei der US-Armee. Im Jahr 2001 stieß er zum Online-Auktionshaus Ebay, wo er zuletzt als Vizepräsident für die Entwicklung der technologischen Infrastruktur zuständig war. Im Jahr 2011 wechselte er zur Ebay-Tochter Paypal. Der Bezahldienst Paypal wurde 1998 in den USA gegründet. 2002 wurde das Unternehmen mit Sitz im kalifornischen San Jose für geschätzte 1,5 Milliarden Dollar von Ebay gekauft. Paypal hat nach eigenen Angaben rund 150 Millionen Kunden, die im vergangenen Jahr Zahlungen von 180 Milliarden Dollar über den Dienst abwickelten. 2013 erwirtschaftete Paypal 6,6 Milliarden Dollar Umsatz. (sw)

Herr Barrese, haben Sie überhaupt Bargeld bei sich?
Notgedrungen ja, denn leider kann man ja noch nicht überall mit Paypal oder per Kreditkarte zahlen. Glücklicherweise befindet sich Bargeld aber weltweit auf dem Rückzug. Und das ist auch sinnvoll, denn Bargeld ist total unhygienisch. Jede Münze und jeder Schein ist durch Tausende Hände gegangen. Und dann nimmt sie die Verkäuferin in der Bäckerei in die Hand und fasst dann wieder das Brot an. Das ist doch ekelhaft. Paypal will dazu beitragen, dass dies in Zukunft nicht mehr nötig sein wird.

Wie soll bargeldloses Bezahlen für Mini-Beträge in Bäckereien oder am Automaten funktionieren? Dauert das nicht viel zu lange?
Smartphones werden immer leistungsfähiger. Ergänzt durch unsere Technologie werden Sie bald bargeldlos viel schneller bezahlen als mit Scheinen und Münzen. Sie werden künftig Ihre Brötchen schon per Smartphone bestellen und bezahlen können und werden sie dann nur noch in der Bäckerei abholen müssen. Wenn Sie jeden Tag das gleiche wollen, zum Beispiel eine Butterbrezel und ein Schokocroissant, dann werden sie das auch abonnieren können. Eine unglaubliche Erleichterung nicht nur für Sie als Kunden, sondern auch für die arme Verkäuferin.

Das sind aber noch Zukunftsträume. Bislang ist Paypal nur als Zahlungsmethode für Internet-Einkäufe bekannt.
Das ändert sich gerade. In den USA kann man schon bei einigen Einzelhändlern wie zum Beispiel bei Home Depot, der größten Baumarktkette des Landes, mit Paypal bezahlen. Und auch in Restaurants verbreitet sich Paypal immer stärker – auch in Deutschland. Erst gestern habe ich hier in Berlin meine Sushi-Bestellung über Lieferheld mit Paypal bezahlt. Sie können mit Paypal auch ein Taxi über Mytaxi bestellen oder ihren Parkplatz über Easy-park bezahlen. Und in Österreich testet McDonald’s gerade eine App, bei der vorab bestellt und mit Paypal bezahlt werden kann. Unser Ziel ist es, dass man irgendwann mit Paypal überall auf der Welt alles bezahlen kann, wenn man das möchte.

Werden dann auch Kreditkarten und EC-Karten überflüssig?
Im Prinzip schon. Wir arbeiten gerade an einem neuartigen Bezahlverfahren, bei dem der Kunde am Gesicht erkannt wird und ohne Bankkarte oder Bargeld auskommt. Über die Funktion „Einchecken mit Paypal“ in unserer App kann schon jetzt bargeldlos in Cafés und Restaurants bezahlt werden.

Wie funktioniert das genau?
Der Kunde meldet sich mit seinem Smartphone über die Paypal-App und der Funktion „Einchecken mit Paypal“ an und begleicht damit seine Rechnungen in Cafés, Restaurants und Bars ganz einfach bargeldlos über sein bestehendes Paypal-Konto. Auf dem Kassensystem des Händlers erscheint daraufhin der Name des Kunden sowie das von ihm in der App hinterlegte Foto. Die Autorisierung des Kunden erfolgt dann über den Abgleich eines vom Kunden hinterlegten Profilbilds. Sobald sich der Kunde gegenüber dem Händler mit dem mitgeteilten Rechnungsbetrag einverstanden erklärt, löst der Händler den Zahlungsvorgang mit einem Klick aus. Der Griff zum Geldbeutel oder zur EC-Karte entfällt dadurch.

Dauert ein solcher Zahlungsvorgang nicht zu lange?
Nein, das geht innerhalb von Sekunden. Wir haben dieses System gemeinsam mit unserem Partner Orderbird zunächst in zehn Cafés, Restaurants und Bars in Berlin erfolgreich getestet und weiten dieses Angebot nun bundesweit aus. Derzeit sind bereits 75 Cafés, Restaurants und Bars in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Köln und München mit dabei – weitere Städte folgen in den kommenden Wochen.

Trotz solcher Innovationen ist Bargeld in Deutschland weiterhin sehr stark verbreitet. Wie wollen Sie die Bundesbürger dazu bringen, auf ihr geliebtes Bargeld zu verzichten?
Es ist richtig, die Deutschen sind da etwas stur (lacht). Doch ich bin mir sicher, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird. Und da haben wir ganz gute Karten: Immerhin genießt Paypal in Deutschland einen sehr guten Ruf. Studien zufolge werden 25 Prozent aller Online-Zahlungen in Deutschland bereits über Paypal abgewickelt. Tendenz steigend.

Wenn man Sie so reden hört, dann könnte man glauben, dass es in zehn oder 20 Jahren überhaupt kein Bargeld mehr gibt.
Nein, Bargeld wird immer bleiben, aber seine Bedeutung wird dramatisch abnehmen. Nur noch Freaks werden am Bargeld festhalten. Die Mehrheit wird feststellen, wie überlegen, praktisch, sicher, bequem und schnell das bargeldlose Bezahlen funktioniert.

Auch beim Bäcker soll man künftig per Paypal zahlen.  Foto: Alex Kraus

Die Bequemlichkeit hat aber ihren Preis. Absolute Sicherheit gibt es bei Internet-Zahlungen nicht.
Das ist richtig. Wir investieren aber kontinuierlich sehr viel Geld in unsere Sicherheitssysteme. Und kommt es trotzdem irgendwo einmal zu einem Missbrauch, dann regulieren wir den Schaden sofort auf unsere Kosten. Für Händler und Verbraucher sind Zahlungen über Paypal deshalb völlig risikolos. Verlieren Sie dagegen Bargeld, oder wird es Ihnen gestohlen, bekommen Sie es in der Regel nicht wieder.

Im Markt für Online-Bezahldienste wird die Konkurrenz immer härter. Macht Ihnen das keine Sorgen?
Tatsächlich tauchen jede Woche neue Wettbewerber und neue Produkte auf. Doch fast alle konzentrieren sich nur auf eine Nische. Wir sind die einzigen, die das gesamte Segment des bargeldlosen Zahlens und Geldtransfers abdecken. Paypal ist in fast allen Ländern der Erde und in 26 Währungen einsetzbar. Das macht uns so schnell keiner nach. Ich reagiere deshalb sehr gelassen, wenn ich mal wieder von einem Konkurrenten lese, der uns angeblich herausfordern will.

Die deutschen Banken haben angekündigt, dass sie an einer Alternative zu Paypal arbeiten, die sogar besser werden soll.
Die sollen ruhig mal machen. Was ich zu bedenken gebe, ist dass wir hier einen Vorsprung von 15 Jahren haben.

Seit Kurzem können deutsche Kunden innerhalb der EU über Paypal auch gebührenfrei Geld rund um den Globus überweisen. Wie funktioniert das?
Sie brauchen dazu nur die neueste Version der Paypal-App für die Betriebssysteme Android und iOS. Ein Klick auf „Senden“ im Menü der App, E-Mail-Adresse und Betrag eingeben reicht und nach Sekunden landet das Geld beim Empfänger. Der Service ist kostenlos für Paypal-Nutzer in Deutschland, die ihr Bankkonto als Zahlungsquelle für Paypal-Zahlungen in Euro nutzen. Bei Banken sind Auslandsüberweisungen dagegen sehr teuer.

Die meisten Menschen überweisen nur selten Geld ins Ausland. Inlandsüberweisungen sind bei den meisten Banken dagegen kostenlos. Was ist also der entscheidende Vorteil dieses Angebots?
Zum einen kommt das Geld sofort beim Empfänger an, egal ob er gerade in Berlin, London, Rom oder Mallorca ist. Er muss also nicht tagelang darauf warten. Doch unzählige andere, alltägliche Anwendungen sind denkbar. Sie müssen es einfach mal ausprobieren.

Zum Beispiel?
Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie gehen mit Freunden ins Restaurant und wollen am Ende die Rechnung teilen. Statt einem langwierigen Zahlungsprozedere, bei dem jeder einzeln mit dem Kellner abrechnet, zahlt einer die Rechnung. Die anderen schicken ihm ihren Anteil an der Zeche sofort auf sein Paypal-Konto. Fertig. Das gleiche können Sie unter Arbeitskollegen tun, wenn sie sich die Kosten für ein Geburtstagsgeschenk teilen wollen oder wenn Sie jemandem kurz unkompliziert etwas Geld leihen wollen. Der Empfänger des Geldes wird per Push-Benachrichtigung informiert und kann den erhaltenen Betrag direkt nutzen.

Paypal sieht die Zukunft des Bezahlens in Smartphone-Apps.  Foto: dpa/Symbolbild

Was, wenn der Empfänger kein Paypal-Konto hat?
Auch dann funktioniert das Senden von Geld. Der Empfänger erhält in diesem Fall eine E-Mail von Paypal, die ihn über den erhaltenen Geldbetrag informiert und ihm auch erklärt, wie er in wenigen Schritten kostenlos ein Paypal-Konto eröffnen kann.

Es scheint so, als wolle Paypal Banken überflüssig machen.
Wir wollen sie nicht überflüssig machen, sondern mit ihnen stärker kooperieren. Voraussetzung ist aber, dass sie sich gewaltig ändern und an die neuen Bedürfnisse anpassen. Überweisungen werden zwangsläufig auch bei den Banken viel schneller gehen müssen. Im Internetzeitalter ist es in der Tat nicht mehr akzeptabel, dass es einen Tag oder sogar länger dauert, um Geld von A nach B zu schicken.

Vor Kurzem gab es Meldungen, Facebook werde ebenfalls ins Zahlungsgeschäft einsteigen. Erzählen Sie jetzt nicht, dass Sie das auch kalt lässt.
Dass Facebook in unser Geschäft einsteigen will, ist bislang nur eine Spekulation. Aber selbst wenn das passieren sollte, lasse ich mir deshalb keine grauen Haare wachsen. Wir sind schließlich schon eine Weile länger im Geschäft.

Immerhin hat Facebook kürzlich auch Ihren früheren Chef, David Marcus, von Paypal abgeworben. Der dürfte sich mit dem Geschäft auskennen.
David ist unbestritten ein ausgezeichneter, kreativer Kopf. Sein Weggang war ein großer Verlust für uns. Er arbeitet bei Facebook aber in einem Bereich, der unser Geschäftsfeld nicht betrifft. Ich glaube eher, dass wir dahin kommen werden, dass wir mit Facebook kooperieren: Sie führen uns neue Kunden und ihre Plattform zu, wir erledigen den Rest.

Interview: Sebastian Wolff

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Freihandel

Nochmals verhandeln

Von  |

Verbesserungen bei Ceta reichen noch nicht aus Mehr...

Zankapfel

Sozialstaat als Jobmaschine

Die Klage über die sozialen Lasten ist falsch Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen