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05. Februar 2014

Pflege : Vom Meeting ans Krankenbett

 Von Nina Luttmer und Daniel Baumann
Für viele ist die Pflege von Angehörigen ein Vollzeitjob.  Foto: imago stock&people

Immer mehr Menschen werden pflegebedürftig. Oft wollen Angehörige helfen, doch die Arbeitgeber machen es ihnen schwer.

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Otto Kristls Tag beginnt morgens früh um vier. Dann kümmert der 57-jährige sich als erstes um seinen Lebensgefährten. Kristl steigt anschließend in den Zug von Mainz nach Frankfurt, um Viertel vor sieben sitzt er an seinem Schreibtisch in der DZ Bank – bis zwölf Uhr, dann macht er sich wieder auf den Nachhauseweg, um der polnischen Pflegekraft, die er eingestellt hat, zu helfen. Nebenbei arbeitet er nachmittags und manchmal auch noch abends in Telearbeit von zu Hause aus weiter.

Seit viereinhalb Jahren pflegt Kristl seinen an Parkinson erkrankten Lebensgefährten. Dennoch arbeitet er auch Vollzeit – weil sein Arbeitgeber es ihm durch ein flexibles Arbeitsmodell ermöglicht. „Die DZ Bank war derart unbürokratisch und hilfreich. Ich habe früher bei amerikanischen und britischen Arbeitgebern gearbeitet, da wäre das nicht möglich gewesen“, so Kristl.

Die DZ Bank hat sich das Thema Pflege auf die Fahnen geschrieben und ist damit ein Vorreiter unter deutschen Unternehmen. Die Bank führte 2009 eine interne Umfrage durch. Ergebnis: 12,2 Prozent der Mitarbeiter pflegten Angehörige, knapp zehn Prozent betreuten neben der Pflege auch noch Kinder, viele gaben an, wegen der Belastung schon Fehlzeiten im Büro gehabt zu haben. Mehr als 21 Prozent der Befragten erklärten, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege für sie ein Zukunftsthema ist.

Kostenlose Pflegeseminare

Die Bank sah sich durch diese Umfrage bestätigt, in dem was sie bereits im Programm hatte: Neben zahlreichen verschiedenen Teilzeitmodellen und mobilen Arbeitsplätzen bietet sie ihren Mitarbeitern die kostenlose Teilnahme an Pflegeseminaren an. „Mitarbeiter in Pflegesituationen haben den Kopf nicht so frei für die Arbeit. Wenn wir sie als Unternehmen unterstützen können und es ihnen dadurch besser geht, ist das eine Win-Win-Situation“, erklärt Christiane Erbacher, Expertin Personal in der DZ Bank, das Engagement des genossenschaftlichen Geldinstituts.

Doch das sehen noch nicht viele Unternehmen so. Eine Umfrage des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) unter 200 Personalentscheidern in mittelständischen Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern, die Anfang 2013 veröffentlicht wurde, ergab: Zwei Drittel der Befragten sehen weder akuten noch zukünftigen Handlungsbedarf, pflegenden Angestellten die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu erleichtern.

Während es den Unternehmen durchaus wichtig geworden ist, dass ihre Mitarbeiter Beruf und Familie miteinander vereinbaren können, scheint die Pflege Angehöriger noch außen vor zu sein: „Die größeren Unternehmen machen mit der Vereinbarkeit von Job und Kindern Werbung. Aber Pflege ist noch immer ein Tabuthema. Das blenden die Leute und die Firmen bis zum letzten Moment aus“, meint auch der Betroffene Kristl.

Dabei ist das Thema für immer mehr Menschen von Bedeutung. Schon heute pflegen oder unterstützen 13 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 40 und 65 Jahren in Vollzeit- oder Teilzeit eine pflegebedürftige Person – sehr oft den eigenen Vater oder die Mutter. Die durchschnittliche Pflegedauer beträgt acht Jahre und bestimmt damit einen langen Lebensabschnitt. Und die Zahl der Betroffenen wächst. In den kommenden Jahren wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland stark steigen. Bis zum Jahr 2050 könnten es laut Statistischem Bundesamt bis zu 4,5 Millionen Menschen werden.

Nur ein Fünftel kann nebenher arbeiten

Bleibt alles, wie es ist, werden diese Menschen ganz überwiegend zu Hause gepflegt werden und nicht in stationären Einrichtungen. Momentan bleiben mehr als zwei von drei Pflegebedürftigen in den eigenen vier Wänden. Schaffen die Firmen keine Möglichkeiten, dass pflegende Angehörige einer Erwerbsarbeit nachgehen können, werden sie ein Personalproblem bekommen. Denn derzeit sind zwar zwei Drittel der pflegenden Angehörigen im erwerbsfähigen Alter, aber nur ein Fünftel davon geht neben der Pflege noch arbeiten. Verblüffen kann das keineswegs, ist doch die Pflege eines Angehörigen bereits anstrengend genug. Pflegende Angehörige geben den Zeitaufwand für die Pflege mit 42 Stunden pro Woche an. Das alleine ist schon ein Vollzeitjob.

Dabei kostet es ein Unternehmen nur wenig, sich in dem Bereich zu engagieren – die Vorteile dagegen, ausgeglichenere und engagiertere Mitarbeiter, sind offensichtlich. „Man kann sehr viel leisten, ohne viel Geld in die Hand nehmen zu müssen“, sagt DZ-Bank-Personalerin Erbacher. So kosten die Seminare, die die Mitarbeiter belegen können, die Bank nur 4000 Euro im Jahr.

Die meisten werden von einem externen Spezialisten, der ElderCare-Steinfeld, durchgeführt. Jedes Modul hat einen eigenen Themenschwerpunkt, etwa Depressionen im Alter, Demenz oder finanzielle und rechtliche Aspekte der Pflege. Zudem können Betroffene hier an einem Nachmittag praktische Pflegehandgriffe erlernen.

Mitarbeiter sind erschöpft

Als das Programm 2007 startete gaben fünf Unternehmen in Frankfurt ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Das waren neben der DZ Bank die AOK Hessen, die IG Metall, Merz Pharma und eine Sparte der Telekom. Inzwischen ist die Zahl der Firmen auf 13 gewachsen – so sind etwa die Commerzbank, die ING Diba, die BHF Bank und Union Investment hinzugekommen. Das Bewusstsein für die Relevanz des Themas ist also gestiegen.

Anders als es die Zahlen zeigen, ist Pflege kein reines Frauenthema mehr. „Es melden sich mehr Männer als Frauen zu unseren Seminaren an. Es ist ein starkes Männerthema“, sagt DZ-Bank-Expertin Erbacher.
Das Geldhaus organisiert zusätzlich auch noch eigene, interne Seminare zu finanziellen und rechtlichen Aspekten der Pflege. Dieses Angebot sei besonders nachgefragt, so Erbacher. Dort wird beispielsweise über Patientenverfügungen, Vorsorgevollmachten und Pflegestufen aufgeklärt. Ein weiterer externer Dienstleister berät DZ-Bank-Mitarbeiter einmal kostenlos zu Pflegeheimen oder Pflegepersonal. In einem internen Pflegenetzwerk können sich betroffene Mitarbeiter austauschen. Und eine Sozialberaterin steht hilfesuchenden Angestellten bei Bedarf zur Seite.

Das wird auch durchaus in Anspruch genommen. Denn die körperliche wie seelische Beanspruchung der Pflege ist erheblich. Zwar gibt es vielen Menschen ein gutes Gefühl, wenn sie Verwandten helfen können. Doch das alleine kompensiert die Anstrengungen nicht.
Von allen pflegenden Angehörigen erkrankt ein Drittel selbst. Muskelverspannungen, Schlafstörungen und depressive Symptome sind übliche Verschleißerscheinungen. Von den erwerbstätigen Pflegenden fühlen sich 80 Prozent erschöpft, so eine Studie des ZQP.

Dennoch: Die Mehrheit der vom ZQP befragten Unternehmen sieht die Pflicht für die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege bei den Mitarbeitern oder beim Staat. Die meisten Personaler haben kaum Kenntnisse des Pflegezeitgesetzes und der Familienpflegezeit. „Diese Ergebnisse lassen aufhorchen“, so Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP. „Denn die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege lässt sich nicht auslagern. Auch Unternehmen müssen sich künftig den Herausforderungen der demografischen Entwicklung stellen und bei ihrer Personalplanung die Bedürfnisse pflegender Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbeziehen.“

Suhr ist sich sicher: Viele Betroffene würden gerne Familienangehörige pflegen – wenn der Arbeitgeber ihnen dabei helfen würde. Otto Kristl sieht das als Betroffener etwas anders und fordert ein gesellschaftliches Umdenken: „In Deutschland wird Pflege noch immer nicht als Arbeit angesehen. Es gibt dafür zu wenig Wertschätzung.“

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