Der Pharmakritiker Peter Sawicki muss möglicherweise seinen Hut nehmen: Der Leiter des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) steht unter der neuen schwarz-gelben Bundesregierung zur Disposition. In einem außerordentlich anberaumten Termin Mitte Januar soll der Vorstand des Instituts über die Zukunft des Mediziners entscheiden. Sawickis Vertrag läuft im August 2010 aus.
Der 52-Jährige ist der Schreck der Pharmaindustrie: Er untersucht, ob Medikamente wirken und die Preise angemessen sind. So stellte das IQWIG erst in diesem Monat fest, das Antidepressivum Rebotexin wirke nicht. Eine von vielen Aussagen, die die Pillenindustrie Milliarden kosten kann.
Er ist der Schreck der Pharmaindustrie: Peter Sawicki untersucht, ob Medikamente halten, was sie versprechen - und ob die Preise angemessen sind.
Zu Sawickis möglicher Ablösung haben die IQWIG-Vorstandsmitglieder Stillschweigen vereinbart. Zu sehr fürchten sie den Ruf, der Pharmaindustrie mit einem neuen Institutschef einen Gefallen tun zu wollen. "Wir beteiligen uns nicht an den Spekulationen", so eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums. Offiziell ist die Sondersitzung anberaumt worden, weil es möglicherweise Fehler bei Abrechnungen und Lieferungen gegeben haben soll.
Intern heißt es im Vorstand, dass Sawicki und sein Institut unter der neuen Regierung unter Beschuss stehen. Auch die Krankenhausgesellschaft, zuvor ein großer Verfechter des Instituts, gibt sich bedeckt. "Es gibt diesen Gesprächstermin", so ein Sprecher. Noch sei aber alles offen. Nur Sawicki selbst redet Klartext: "Ich würde meinen Job auch gerne nach 2010 weiterführen", sagt er zur FR.
Schon die Gründung des Instituts im Jahr 2004 durch die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) war ein Politikum. Es analysiert internationale Studien und wertet diese zusammenhängend aus. Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen (GBA) entscheidet auf dieser Grundlage, ob bestimmte Medikamente oder Therapien erstattet werden. Bekannt ist vor allem der Beschluss, mit den Insulin-Analoga für Diabetiker zum ersten Mal eine ganze Gruppe von Medikamenten aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen zu streichen.
Doch nicht nur seine Studien machen Sawicki zum Feind der Pharmaindustrie. Er macht die Machenschaften der Milliardenindustrie publik: "Manche Hersteller verdrehen Tatsachen, bestechen Wissenschaftler, kaufen Zeitungsartikel und verschweigen unliebsame Ergebnisse von Experimenten", so Sawicki zur FR. "Ich kämpfe für das Vertrauen der Menschen in die Pharmaindustrie, das sie in den vergangenen Jahrzehnten verspielt hat." Inzwischen sei die Skepsis der Patienten gegenüber der Pharmaindustrie so groß, dass sie sogar manchmal wichtige Medikamente nicht einnehmen würden.
Dieter Lehmkuhl, Vorstandsmitglied der Vereinigung Ärzte in Verantwortung (IPPNW), sagt: "Das IQWIG ist eine der wenigen Institutionen in Deutschland, die unabhängige Therapiebewertungen vornimmt. Die Unabhängigkeit des Instituts darf auf keinen Fall für Lobbyinteressen aufgeweicht werden."
Auch die großen Verbände im Gesundheitswesen, die im Vorstand des Instituts sitzen, stellen sich vor das IQWIG. "Dort, wo die wissenschaftliche Analyse vermeintliche Sicherheiten in Frage stellt, wird zunächst laute Kritik an der Methodik geäußert - oft jedoch nur, weil das Ergebnis nicht gefällt", sagt Ann Marini, Sprecherin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) zur FR. Auch GBA-Chef Rainer Hess stellt sich hinter den Internisten. "Meine Befürchtung ist, dass bei einer Abberufung der Eindruck entsteht, Sawicki werde auf Druck der Industrie von der Politik abgelöst."
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