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28. Juli 2012

Primark: Kaufen, anziehen, wegwerfen

 Von Daniel Baumann
Preise und Klamotten: Bei dem irischen Textildiscounter Primark muss alles toll sein. Foto: Getty Images

Der irische Textildiscounter Primark wirbt mit niedrigsten Preisen für Trend-Klamotten - verführt zum hemmungslosen Shoppen und sorgt für Müllberge. Einige Kundinnen jubeln bereits darüber, sich nun „totshoppen“ zu können.

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Der irische Textildiscounter Primark wirbt mit niedrigsten Preisen für Trend-Klamotten - verführt zum hemmungslosen Shoppen und sorgt für Müllberge. Einige Kundinnen jubeln bereits darüber, sich nun „totshoppen“ zu können.

Die Szenen erinnern an die Konzerte von Teenie-Idol Justin Bieber und ein bisschen an eine Straßenschlacht: Wenn die irische Modekette Primark irgendwo auf dem europäischen Kontinent eine neue Filiale eröffnet, stürzen sich kreischende Kundinnen auf Schuh- und Kleiderregale und packen zusammen, was sie in die Hände bekommen können. In Großbritannien verletzte die ungeduldige Meute sogar zwei Sicherheitsleute, weil sie eine neue Filiale vor deren Eröffnung einfach stürmte.

Nun kommt das Phänomen Primark nach Deutschland. Ein Laden um den anderen eröffnet und bringt die Kundinnen um den Verstand: Mit spottbilligen Strickcardigans, Lederjacken, Chiffonblusen, Jeans und Pumps. Kein Kleidungsstück wird für mehr als 35 Euro verkauft, für manches reichen schon ein paar Euro. Anders als andere Billigheimer will Primark dabei immer die neusten Modetrends bieten können. High Fashion zum Spottpreis.

Jungen Kundinnen verdreht das den Kopf. „Jetzt kann ich mich dann endlich im Primark von Berlin totshoppen“, kündigte eine junge Frau kurz vor der Eröffnung der neuesten Filiale in Steglitz vor wenigen Wochen an. Eine andere schreibt in dem Modeblog „Lebe Berlin“: „Ich will auch endlich ins Primark aber ich hab Angst totgetreten zu werden!:) Haha.“

Hemmungslos Shoppen, weil es im Geldbeutel nicht wehtut, ist eine wahre Verheißung für viele Kundinnen. Die Kunden scheinen in ihrem Kaufrausch völlig die Kontrolle zu verlieren. „Ich habe oft bei Primark Sachen gekauft, weil sie günstig sind und im Endeffekt habe ich sie nie getragen, ich hoffe, das ist diesmal nicht der Fall“, berichtet eine. Und eine andere pflichtet bei: „Die Gefahr Dinge, zu kaufen, die man nicht unbedingt gebrauchen kann, ist gerade bei Primark riesengroß! Kenne das nur zu gut! :-)“

Mäßige Qualität zum niedrigen Preis

Vor allem an Kunden unter 35 Jahren richtet sich der irische Textildiscounter. Mit seinem Konzept hat er auf der Insel den Markt aufgerollt. Nun will er auf dem europäischen Festland wachsen. Die Eröffnung weiterer Filialen in Deutschland ist angekündigt. Primark ist nicht der erste Billigklamottenanbieter auf deutschem Boden. Kik, Takko, die alten Größen H&M und C&A, sowie die Discounter Aldi und Lidl verkaufen seit Jahren billige Bekleidung. Doch Primark treibt es ins Extreme: Noch modischer und noch billiger zu sein als die Konkurrenz ist der Anspruch.

Unglaublich günstig

Primark: Das irische Unternehmen ist mit seinem Konzept „Tolle Mode, tolle Preise“ sehr erfolgreich. Dass die Klamotten zu unglaublich günstigen Preisen verkauft werden können, begründet der Händler damit, dass er bei den Herstellern günstig einkaufe, große Mengen bestelle und viel Umsatz mache, eine günstige Organisation habe und auf Werbung verzichte. Gegen Kritik wehrt sich Primark mit dem Hinweis auf das Engagement für faire Arbeitsbedingungen in den Fabriken und für den Umweltschutz.

Verbreitung: Primark betreibt mit rund 40.000 Mitarbeitern mehrere Hundert Filialen in Irland, in den Niederlanden, Spanien, Portugal, Deutschland, Belgien und in Großbritannien.

Umwelt: Für die Umwelt ist die Kleiderherstellung eine Belastung. Kunstfasern werden aus Öl hergestellt, der Baumwollanbau benötigt viel Wasser. Die Preise für beide Produkte sind aufgrund der hohen Nachfrage gestiegen. Das verteuert Billigkleidung tendenziell.

Bei den Konsumenten schlagen Billigangebote ein wie eine Bombe. Auch Jonas Müller konnte nicht widerstehen, bei Primark zuzugreifen: Er hat graue Stoffschläppchen für fünf Euro gekauft, zwei V-Ausschnitt-T-Shirts für je 2,50 Euro und sechs Paar Socken für drei Euro. Mit seinem Einkauf ist er zufrieden. Die Qualität sei in Ordnung. Seine Mutter findet, die Ware nicht schlechter als die von H&M. Eine Prognose wagt Jonas trotzdem: „Das Zeug hält nur ein dreiviertel Jahr.“

Auch im Internet berichten Käuferinnen: „Primark ist meiner Meinung nach echt ein super Laden, auch wenn manchmal die Qualität flöten geht :)“ Oder: „Bei Primark bin ich irgendwie im Zwiespalt – einerseits ist es billig und die Sachen sind immer super stylisch, aber andererseits ist die Qualität nicht so die Bombe.“

Kaufen, anziehen, wegwerfen. Kleidung ist in den vergangenen Jahren immer billiger geworden und das hat die Art und Weise verändert, wie mit ihr umgegangen wird. In Deutschland ist das Phänomen noch kaum untersucht. Doch die Briten haben es sich längst in Studien vorgenommen. Die Ergebnisse belegen, was ohnehin zu vermuten war.

Weniger Ausgaben für Kleidung

„Billige Kleidung wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nach kurzer Zeit weggeworfen, denn sie wird als wenig haltbar wahrgenommen“, hält eine Studie im Auftrag der britischen Regierung fest. Und das House of Lords stellte fest: „Schnelle Mode animiert Menschen dazu, Kleidung wegzuwerfen, die nur wenige Male getragen wurde, um neue billige Mode zu kaufen, die nach wenigen Monaten ebenfalls weggeworfen wird.“

In Deutschland ist zu beobachten, dass die Zahl der auf dem Markt angebotenen Kleidungsstücke in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen ist. Vor acht Jahren wurden in deutschen Läden noch insgesamt 4,08 Milliarden Kleidungsstücke zum Kauf ausgelegt. Im vergangenen Jahr waren es bereits 4,8 Milliarden Stück. Das entspricht einem Zuwachs von fast 15 Prozent. Gleichzeitig sind die Ausgaben der Haushalte für Bekleidung zurückgegangen. Im Jahr 1998 haben sie 118 Euro pro Monat für Bekleidung und Schuhe ausgegeben, 2003 waren es 112 Euro und 2008 schließlich noch 106 Euro. Das bedeutet, immer mehr Bekleidung für immer weniger Geld. Die Indizien häufen sich, dass dies nicht ohne Folgen für die Umwelt bleibt.

Eine vor fünf Jahren veröffentlichte Studie hat binnen 15 Jahren einen Anstieg der aussortierten Klamotten um einen Fünftel auf 750.000 Tonnen gemessen. Und das Statistische Bundesamt verzeichnet aktuell einen Anstieg der Textilmenge in den Haushaltsabfällen. Wurden im Jahr 2004 noch 82.400 Tonnen Textilmüll von den öffentlich-rechtlichen Entsorgern verwertet, waren es 2010 bereits 100.300 Tonnen. Doch erfasst die Statistik nur ein Siebtel bis ein Achtel aller Textilabfälle. Entsorgt werden die Klamotten auf zwei Wegen: über den Hausmüll und über Kleidersammlungen. Die eingesammelten Textilien werden sortiert. Was noch getragen werden kann, wird in Osteuropa und Afrika verkauft. Was nicht mehr brauchbar ist, wird als Brennmaterial verwendet.

Der Fachverband Textilrecycling stellt fest, dass sich die Qualität der Altkleider seit mehreren Jahren kontinuierlich verschlechtert, wie eine Sprecherin erklärt. Sie führt das auf die in Asien hergestellte Billigware zurück, die überwiegend aus Kunstfasern bestünde. Das ist schlecht für die Umwelt. Denn dadurch wird mehr weggeworfen, und der Rohstoffverbrauch steigt: Für die Herstellung eines Baumwoll-T-Shirts werden 7000 Liter Wasser und 1,2 Kilogramm Chemikalien verbraucht sowie sieben Kilogramm CO2 ausgestoßen. Und Kunstfasern werden aus Öl hergestellt.

Nur höhere Preise helfen

Kleidung sollte deshalb von hoher Qualität und zeitloser Eleganz sein, damit sie möglichst lange getragen wird. Genau das aber wird durch Billigkleidung konterkariert. Ein weiterer Effekt: Wenn neue Jeans und Pullis schon für ein paar Euro zu haben sind, gibt es keinen Grund mehr, Second-Hand-Kleidung zu kaufen.

Primark wird in Großbritannien seit Jahren vorgeworfen, diesen Trend zu verschärfen. Als Parlamentarier vor einiger Zeit eine Müllkippe im Süden Londons besuchten, sprachen die dortigen Arbeiter mit Verweis auf wachsenden Textil-Müll vom Primark-Effekt. Der Begriff steht längst für einen verschwenderischen Umgang mit Bekleidung. Primark versucht, diesen Ruf wieder loszuwerden. Die Firma erklärt, dass die Qualität ihrer Bekleidung genauso gut sei wie die der Konkurrenz und dass man die Kundschaft nicht zu einem Wegwerfverhalten animiere. Primark hat in Großbritannien ein Recycling-Programm gestartet und will das auch in Deutschland tun. Man betont den Einsatz für den Umweltschutz.

Verhindern wird das kaum, dass die Kunden mehr kaufen als sie brauchen. Gegen Hamsterkäufe helfen nur höhere Preise – aber das passt nicht ins Geschäftsmodell der Billigheimer.

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