London. Eigentlich sollte es die lukrativste Eisenbahnstrecke Großbritanniens sein. Die Ostküsten-Linie von London über York hinauf nach Edinburgh und weiter nach Inverness und Aberdeen hat die meisten Langstrecken-Passagiere und die höchsten Einnahmen auf der Insel. Als die private Firma National Express 2007 einen Siebenjahresvertrag für die Übernahme der Strecke unterschrieb, rechnete sie mit einem starkem Kundenzuwachs und fetten Profiten.
So zuversichtlich waren die Express-Bosse damals, dass sie dem Verlangen des Staates nach 1,4 Milliarden Pfund für die sieben Jahre ohne weiteres zustimmten: Obwohl im Jahr zuvor schon eine andere Zuggesellschaft, GNER, an einem ähnlichen Vertrag gescheitert war, der sich als "unerfüllbar" erwies. Das war noch zu Boom-Zeiten. In der Rezession sieht sich nun auch National Express am jähen Ende aller Ambitionen.
Die Wirtschaftskrise hat die East Coast Line voll erwischt. Statt um zehn Prozent sind die Einnahmen im vorigen halben Jahr nicht mal um ein Prozent geklettert. Die Zahl der Passagiere sank sogar. Geschäftsleute verzichten oft ganz aufs Reisen oder steigen in die billigere zweite Klasse um.
Keine Reserven mehr
Noch vor dem Winter gehen National Express die Reserven aus. An Zahlung der vertraglich vereinbarten Gelder ist nicht zu denken. Auf eine Minderung der Summen aber will sich die Regierung nicht einlassen, weil sie befürchtet, dass dann auch andere Bahngesellschaften Zugeständnisse verlangen würden. In diesem Punkt müsse er hart bleiben, meint Verkehrsminister Lord Adonis: "Es geht einfach nicht an, dass man Gewinne einsackt, wenn die Zeiten gut sind, und dann davonläuft, wenn die Lage schwieriger wird."
Statt die Verträge neu zu verhandeln, will der Minister die Ostküsten-Linie lieber vorübergehend wieder in staatlichen Besitz nehmen, um einen reibungslosen Zugverkehr zu garantieren. Nach einem Jahr soll dann ein anderer kapitalkräftiger Interessent gefunden werden. So will die Regierung an der Idee festhalten, die der Zerschlagung und Privatisierung des britischen Bahnwesens in den neunziger Jahren zugrunde lag.
Damals wurde das einheitliche (staatliche) Bahnsystem in diverse Linien aufgespalten, die an konkurrierende Unternehmen für eine Dauer bis zu zehn Jahren "verpachtet" wurden. Die Bahnfirmen sollten den Staat entlasten und ihm reguläre Einnahmen verschaffen. Als Gegenleistung winkten den Vertragspartnern Profite, die auf durchschnittlich 3,5 Prozent der Einnahmen angelegt waren.
Das Risiko sollten für die Vertragsdauer die einzelnen Firmen tragen. Doch hier setzt Kritik ein. Bahnexperten sagen, dass London es National Express schlicht zu einfach machte, sich wieder aus der Verantwortung zu stehlen. Rundum versichert, droht den Express-Leuten über ihrem Vertragskollaps nämlich nur ein Verlust von höchstens 72 Millionen Pfund.
Das mag eine stattliche Summe sein für eine im Grunde kapitalschwache Firma wie National Express, der Adonis zur Strafe noch zwei kleinere, profitablere Linien in Ost-England wegnehmen will. Gemessen an den potenziellen Gesamtkosten für den Steuerzahler sind 72 Millionen aber ein Klacks. "Hier wird wieder einmal deutlich, dass die Regierung dem privaten Sektor kein echtes Risiko auflädt", meint Verkehrsprofessor Stephen Glaister vom Imperial College London. "Der Steuerzahler zahlt dafür, dass der private Sektor kommerzielle Risiken eingeht - und am Ende trägt der Steuerzahler das Risiko doch selber."
Der Regierung stellt sich nun die große Frage, ob weitere von der Rezession getroffene Transportunternehmen vorzeitig aufgeben wollen. In diesem Fall, rät die Eisenbahner-Gewerkschaft RMT, müsse man baldmöglichst eine neue Form staatlichen Bahnbetriebs finden, die dem "Privatisierungschaos der jüngsten Vergangenheit ein Ende bereiten" könne.
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