Bevor es zu Schlecker geht, zieht Martin Weiss noch einmal richtig vom Leder. Dass Unternehmen nun im Aufschwung auf Leiharbeit, befristete Jobs oder Werkverträge setzten, statt reguläre Stellen zu schaffen, sei eine „bodenlose Sauerei“, wettert der Sekretär der Frankfurter IG Metall. Dasselbe Schimpfwort muß sich die Bundesregierung gefallen lassen, die sich weigere, Leiharbeitern den gleichen Lohn zuzugestehen, den Stammkräfte erhalten.
Klingt schwer nach der „Krawall-IG-Metall“, von der die hessischen Metall-Arbeitgeber zuvor gesprochen hatten. Doch im Frankfurter Stadtteil Kalbach bleibt es an diesem, vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ausgerufenen bundesweiten Aktionstag „gegen Leiharbeit und prekäre Beschäftigung“ bei einigen verbalen Kraftakten – und sonst äußerst friedlich.
Bundesweit nahmen nach Angaben der IG Metall am Donnnerstag 210.000 Beschäftigte aus 1360 Betrieben an Kundgebungen unter dem Motto „Arbeit - sicher und fair“ teil. Die Proteste richteten sich gegen die zunehmende Bedrohung regulärer Arbeitsverhältnisse durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse wie Leiharbeit, befristete Anstellungen und Werkverträge. Auch in Hessen beteiligten sich mehrere tausend Beschäftigte an dem Aktionstag. So versammelten sich in Kassel 2000 Menschen bei zwei Kundgebungen in den Industriegebieten Bettenhausen und Mittelfeld. Aktionen gab es auch am Volkswagenwerk in Baunatal.
Bei der zentralen Veranstaltung in Braunschweig kritisierte der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber Politik und Arbeitgeber, weil sie den Grundsatz „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ nicht umsetzten. Die Arbeitgeber nannten die Proteste unverständlich, weil die Gewerkschaften selbst kürzlich die Verträge zur Zeitarbeit unterschrieben hätten.
In Frankfurt-Kalbach demonstrierten etwas mehr als 100 Beschäftigte aus zwei Firmen. Dies sei überhaupt die „erste Demonstration“ in Kalbach, wie Weiss’ Kollegin Katinka Poensgen ironisch anmerkte. Gleichwohl findet die Premiere kaum Publikum, sieht man von den kleinen Zuschauern ab, die durch die Trillerpfeifen aus dem Kindergarten gelockt werden. Nach einem Zwischenstopp erreicht der Zug schließlich die Filiale von Schlecker. Das Ziel wurde deshalb angesteuert, weil die Drogerie-Kette besonders übel mit Leiharbeit verfährt.
DGB spricht von Ausbeutung
Warum Kalbach? Weil erstens eine der beiden Firmen, der Kohlebürstenhersteller AVO Carbone, neben gut 200 Stammkräften derzeit relativ viele Leiharbeiter beschäftigt: Rund 75 sind es Betriebsratschef Recep Akbas zufolge. Und weil sich zweitens die IG Metall bei AVO auf einen hohen Anteil von Mitgliedern stützen kann, die sich für eine Demo mobilisieren lassen. Im Unterschied zu den Beschäftigten mit regulären Jobs wagen es an diesem Tag allerdings nur wenige Leiharbeiter, das Werk zu verlassen.
Von „Ausbeutung“ spricht denn auch Harald Fiedler, Vorsitzender der DGB-Region Frankfurt, vor dem AVO-Werkstor. Knapp 19000 Leiharbeiter seien im Arbeitsamtsbezirk Frankfurt registriert. Einer Untersuchung zufolge verdienten sie rund die Hälfte weniger als die Kollegen von den Stammbelegschaften. Damit lasse sich keine Familie ernähren. (mit dpa/dapd)
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