Dresden. Die lila Firmenfahnen knattern im Wind. Ein leichter Sturm ist aufgezogen am Freitagmorgen über Sachsen. Vor den riesigen grauen Hallen von Qimonda im Dresdner Norden eilt ein Mann vom Parkplatz zum Haupteingang. Er zieht sich die dicke Jacke zu: "War doch absehbar, das Ganze", sagt er. Wie es weitergeht? "Ob", sagt er. "Die Frage ist, ob etwas weitergeht", und verschwindet durchs Glastor im Gebäude.
Es ist ein Tag wie jeder andere, und es ist ein Tag wie kein anderer in Dresden. Am Morgen hat der Chiphersteller Qimonda beim Amtsgericht München Insolvenz angemeldet. Dennoch fabriziert das Unternehmen vorerst weiter. Niemand demonstriert, keine IG Metaller vorm Werkseingang, keine Transparente oder Eisenfässer, aus denen an diesem lausigen Tag Feuer lodern. In der Chipindustrie wird leise gestorben.
Staatliche Hilfen für Speicherchip- Hersteller sind nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Die Regierungen von Südkorea und Taiwan haben entschieden, die dortigen Firmen im Land zu halten - koste es, was es wolle. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich sprach kürzlich davon, dass man es "zwischen den fünf global wichtigsten Chipherstellern mit einem ruinösen und unfairen Wettkampf" zu tun habe, in den Staaten außerhalb der EU sehr viel Staatsgeld stecken.
Hynix, der südkoreanische Qimonda-Konkurrent, war schon mehrmals so gut wie pleite, wurde aber jeweils durch Staatsknete wieder aufgepäppelt. Auch die USA subventionieren ihre Chipkonzerne mit Milliarden.
Für Deutschland gilt allerdings Gleiches. Allein in das "Silicon Saxony" rund um Dresden mit einer europaweit einzigartigen Ansammlung von rund 1200 Halbleiterfirmen und mehr als 40 000 Beschäftigten wurden in den vergangenen Jahren geschätzte zwölf Milliarden Euro Staatsgeld gesteckt.
Das Ende war absehbar. Schon mehr als zwei Monate war Qimonda Dauerpatient des sächsischen Wirtschaftsministeriums. Anfang Dezember hatte das Unternehmen, das weltweit 12 300 Mitarbeiter zählt, darunter in Dresden 3200, Alarm geschlagen. Über 1,5 Milliarden Euro hatte die Tochter des Münchner Infineon-Konzerns 2008 verloren. Kurz vor Weihnachten schien die Sache gerettet: Sachsen, der Bund, Infineon und Portugal hatten sich auf ein Rettungspaket geeinigt und wollten 325 Millionen Euro springen lassen. Vor wenigen Tagen ließ Qimonda dann durchblicken, dass da noch ein 300 Millionen Euro-Loch aufgetaucht sei. Sachsen und der Bund wollten nicht weiter mitmachen. Noch mehr Geld für eine Firma ohne Konzept, ohne Aussichten, auf dem hibbeligen und kurzatmigen Chipweltmarkt zu bestehen - nein danke.
Die Qimonda-Pleite ist eine hässliche Beule in der schönen Geschichte vom Aufbau Ost, vom "Auferstanden aus Ruinen" in Sachsen. Die frühere CDU-Regierung unter Kurt Biedenkopf hatte jahrelang geklotzt: Siemens wurde mit Fördermilliarden an die Elbe gelockt, ebenso der kalifornische Halbleiterhersteller AMD. Drumherum erblühte Europas größter Mikroelektronikstandort: Über 1200 Betriebe, über 40 000 Arbeitsplätze. "Dresden - ein Wendemärchen", schwärmte ein Magazin einst über das chinesische Tempo, mit dem Sachsen seine Wirtschaft anschob. Leuchttürme bauen, nannte die Biedenkopf-Regierung das. Große Unternehmen schaffen, die ins Land strahlen und weitere Arbeit schaffen. Die Stärken stärken.
Die Ruinen, auf denen alles entstand, waren die übriggebliebenen Robotron-Betriebe aus DDR-Zeiten, in denen sich hochqualifizierte Datenfacharbeiter unter den Bedingungen einer Mangelwirtschaft vergeblich gemüht hatten, Erich Honecker ordentliche und konkurrenzfähige Chips zu fabrizieren. Auf ihren Schultern baute die Landesregierung nach 1990 Dresden zum Hochtechnologie-Zentrum aus. Die Wirtschaft erblühte in den neuen hypermodernen Firmen am Nordrand der Elbestadt, gedüngt jahrelang mit rund zwölf Milliarden Euro öffentlichen Geldes. Forschungsinstitute siedelten sich an. Wissenschaftler aus aller Welt zogen nach Dresden. Anderswo war Abbau Ost, in Dresden ging es nur bergauf. Und jetzt? SPD-Wirtschaftsminister Thomas Jurk kündigte am Freitag Unterstützung des Landes an. "Wir stehen auch wie bisher mit unseren Fördermöglichkeiten zur Seite, wenn ein Investor ein überzeugendes Konzept vorlegt." Tröstlich klingt anders, denn einen Investor hatte schon Infineon seit Monaten vergeblich für sein defizitäres Töchterlein gesucht.
In Dresden fürchten sie - sagen es aber nicht laut -, dass der Freitag der "Domino-Tag" gewesen sein könnte. Der Tag, an dem das Biedenkopf'sche Traumschloss vom sich selbst tragenden Chipstandort Sachsen schweren Schaden nehmen könnte. In Regierungskreisen geht schon seit Tagen die Angst um, es könnte alles noch schlimmer kommen: 4500 indirekte Arbeitsplätze hängen an Qimonda.
Im Dresdner Landtag zeigt die CDU mit dem Finger nach Brüssel. "Ich hätte mir mehr Hilfe von der Europäischen Union gewünscht", meint CDU-Fraktionschef Steffen Flath. Dort habe man wohl nicht die Bedeutung des Dresdner Chipstandortes erkannt. Und die Linkspartei stänkert, Sachsen hätte sich ja an Qimonda beteiligen können.
Das Qimonda-Werk und andere Chipfirmen liegen an der Königsbrücker Straße im Dresdner Norden. Am Nachmittag ist aus dem leichten ein mittlerer Sturm geworden. "Vielleicht", spottet einer im Landtag, "sollten wir die Königsbrücker umbenennen in Straße zum alten Leuchtturm."
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