Es geht wenig voran in der Gleichstellung. Führungspositionen in der deutschen Privatwirtschaft sind fest in Männerhand, die Frauen bleiben unterrepräsentiert. Jetzt fordern die Grünen eine gesetzlich festgelegte Frauenquote in Führungspositionen.
In den Chefetagen deutscher Unternehmen geben immer noch Männer den Ton an. (Bild: dpa)
In den Chefetagen deutscher Unternehmen geben immer noch Männer den Ton an. (Bild: dpa)
BERLIN –
In der Bestandsaufnahme sind sich die Fraktionen des Deutschen Bundestages weitgehend einig, wie die gestrige Debatte des Gesetzentwurfes von Bündnis 90/Die Grünen zur Einführung einer gesetzlichen Frauenquote bei der Besetzung von Aufsichtsräten in der Privatwirtschaft zeigte.
Nicht nur die Oppositionsparteien im Parlament beklagen den Stillstand, auch die Regierungskoalition gibt vor, dem Gleichstellungsauftrag des Grundgesetzes nachkommen zu wollen. Allein, die zuständige Familienministerin ist am Thema offenbar nicht interessiert. Der Debatte blieb Kristina Schröder (CDU) jedenfalls fern.
Der Gesetzentwurf der Grünen will den Defiziten bei der Gleichstellung von Männern und Frauen in der Privatwirtschaft nun mit einer Quotierung von Aufsichtsräten abhelfen. Für börsennotierte Unternehmen soll eine geschlechtergerechte Verteilung der Mandate vorgeschrieben werden.
Den Aufsichtsräten sollen künftig mindesten 40 Prozent Frauen angehören. Kommen die Unternehmen dieser gesetzlichen Vorgabe nicht nach, sieht der Gesetzentwurf Sanktionen vor. Nach einer entsprechenden Änderung des Aktiengesetzes würden bei einem Verstoß gegen die Quotenbestimmung künftig Hauptversammlungsbeschlüsse nichtig.
Frauen in deutschen Aufsichtsräten
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Frauen in deutschen Aufsichtsräten
Beatrice Weder di Mauro, eine der fünf Wirtschaftsweisen, sitzt im Aufsichtsrat von ThyssenKrupp. Die Schweizerin ist Professorin der Universität Mainz uns seit 2004 Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung.
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Susanne Klatten ist Großaktionärin bei BMW und Mitglied im Aufsichtsrat. Die Erbin der Familie Quandt gilt mit einem geschätzten Vermögen von 11,1 Milliarden US-Dollar als reichste Frau Deutschlands. Bereits 1993 wurde Klatten mit 31 Jahren Mitglied im Aufsichtsrat des Chemiekonzerns Altana.
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Die Finnin Sari Baldauf war mal Nokia-Chefin und ist heute Mitglied des Daimler-Aufsichtsrates.
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Die Vorsitzende des Institutes für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher, ist gleich in drei Aufsichtsräten vertreten: Bei der Allianz und dem Chiphersteller Infineon sowie bei dem Fahrzeugkonzern MAN.
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Sie gehört zu den prominenteren weiblichen Aufsichtsratsmitgliedern: Benita Ferrero-Waldner, jetzt bei Munich Re, saß in der EU-Kommission und war Außenministerin von Österreich.
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Martina Koederitz gilt als zäh, robust, hartnäckig. Sie ist die neue Deutschland-Chefin von IBM.
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Die promovierte Philologin Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende der Geschäftsführung des Werkzeugmaschinenherstellers Trumpf, wurde 2008 Mitglied im Aufsichtsrat von Siemens und Mitglied im Aufsichtsrat der Lufthansa.
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Auch Sibylle Wankel von der IG Metall Bayern sitzt im Siemens Aufsichtsrat. Mit Bettina Haller, Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, und Birgit Steinborn, stellvertretende Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, vertreten dort noch zwei weitere Frauen die Arbeitnehmer. Nicht nur bei Siemens kommen Frauen häufig über den Betriebsrat in die Aufsichtsgremien deutscher Firmen.
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Neben Leibinger-Kammüller sitzen im Aufsichtsrat der Lufthansa noch zwei weitere Frauen: Dominique Hiekel und Marlies Rose - sie vertreten die Arbeitnehmer.
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Spitzenreiter unter den Dax-Unternehmen, was weibliche Aufsichtsratsmitglieder betrifft, ist der Branchenprimus deutsche Bank. In dem Aufsichtsrat des Unternehmens sitzen sechs Frauen - und 14 Männer. Stellvertretende Vorsitzende ist die Gewerkschafterin Karin Ruck.
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Auch die Sozialwissenschaftlerin Marlehn Thieme, Mitglied im Rat der EKD, sitzt im Aufsichtsrat der Bank. Thieme machte 1986 eine Traineeausbildung bei der Deutschen Bank und arbeitete sich hoch. Weitere Frauen im Aufsichtsrat des Geldinstituts sind: Martina Klee, Suzanne Labarge, Henriette Mark und Gabriele Platscher.
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Den zweiten Platz im Dax-Ranking belegt die Commerzbank: Im Aufsichtsrat der Bank sind fünf Frauen vertreten.
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Jeweils vier weibliche Aufsichtsräte haben die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, Waschmittelhersteller Henkel und der Pharmakonzern Merck.
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Marie-Christine Lombard ist Vorstandsmitglied von TNT - und gleichzeitig eine von drei Frauen im Aufsichtsrat der Metro AG.
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Sabine Bauer ist Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsratsgremium von Adidas im fränkischen Herzogenaurach.
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Heidi Thaler-Veh vertritt ebenfalls die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat des Sportartikelherstellers.
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Keine einzige Frau findet sich beispielsweise in den Aufsichtsräten von Fresenius ...
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... dem Maschinenbaukonzern Linde...
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... und HeidelbergCement.
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Seit 1994 ist Gabriele Gratz Betriebsratsvorsitzende und stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrats des Energiekonzerns Eon. Mit der Juristin Karen de Segundo ist im Eon-Aufsichtsrat noch eine weitere Frau vertreten.
Dagmar Mühlenfeld ist Oberbürgermeisterin von Mühlheim an der Ruhr - und gleichzeitig Aufsichtsrätin bei RWE. Die Betriebsratsvorsitzende Dagmar Schmeer vertritt die Arbeitnehmer im RWE-Aufsichtsrat.
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Roswitha Süßelbeck ist eine von zwei Aufsichtsrätinnen bei Bayer.
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Auch Petra Kronen vertritt die Arbeitnehmerseite im Chemiekonzern.
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Die Belgierin Denise Schellemans vertritt die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsratsgremium von BASF.
Aufsichtsräte in Deutschland werden von Männern dominiert. Doch eine Frau hat es sogar ganz an die Spitze eines Dax-Konzerns geschafft: Die Henkel-Erbin Simone Bagel-Trah führt das Gremium des Düsseldorfer Klebstoff- und Waschmittelherstellers Henkel. Hier neben einer Büste des Firmengründers Fritz Henkel.
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dpa
Fotostrecken Wirtschaft
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Ihre Initiative begründen die Grünen mit dem nach wie vor verschwindend geringen Anteil von Frauen in den Kontrollgremien der Unternehmen. Tatsächlich liegt ihr Anteil in den 200 größten deutschen Unternehmen (ohne den Finanzsektor) bei weniger als zehn Prozent.
In der Debatte des Gesetzentwurfes zeigte sich allerdings einmal mehr, dass der weitgehende Konsens in der Bewertung dieses Umstands die Parteien nicht dazu bewegen kann, auch ähnliche Schlüsse aus ihrer Bestandsaufnahme zu ziehen.
Strittiges Beispiel Norwegen
Norwegen, das eine entsprechende Frauenquote in den Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen bereits 2008 eingeführt hatte, habe nicht nur positive Erfahrungen gemacht, führte Marco Buschmann für die FDP gegen den Gesetzentwurf der Grünen ins Feld. Norwegische Firmen hätten ihre Gesellschaftsform geändert, um der Quote zu entgehen. In der Konsequenz, so zitierte Buschmann einen Beitrag der Süddeutschen Zeitung, hätte das Gesetz statt Vielfalt zu schaffen dazu geführt, dass eine Elite von 70 Topmanagerinnen – Goldröcke genannt – 300 Aufsichtsratsmandate auf sich vereinigten.
Die Debattenbeiträge der Opposition widersprachen dieser Ansicht. SPD und Linke unterstützen den grünen Vorstoß, wollen ihn aber noch erweitern. Für die SPD kündigte Christel Humme an, den Gesetzentwurf um eine Quote auch für die Vorstände von Unternehmen erweitern zu wollen. Cornelia Möhring (Linke) forderte die Opposition zu einer gemeinsamen parlamentarischen Initiative auf.