Die Nachricht lässt hoffen: Die Löhne in Deutschland sind Anfang des Jahres so stark gestiegen wie seit Ende 2008 nicht mehr. Die realen Monatseinkommen waren im ersten Quartal 0,8 Prozent höher als ein Jahr zuvor, berichtet das Statistische Bundesamt. Die Behörde hat sich nur Vollzeit-Beschäftigte angeschaut. Begründung: Wenn man auch Teilzeitkräfte berücksichtigt, sinkt das Lohnniveau nur deshalb, weil es mehr Teilzeitkräfte gibt.
Das Durchschnittseinkommen für einen vollen Job beträgt demnach 3180 Euro brutto, inklusive Sonderzahlungen. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Wirtschaftszweigen: Spitzenreiter ist immer noch die gebeutelte Finanzbranche, wo Beschäftigte im Schnitt 4220 Euro erhalten. Am unteren Ende der Lohnskala steht das Gastgewerbe mit einem Monatseinkommen von 1910 Euro.
Der Lohnzuwachs von 0,8 Prozent ist für deutsche Verhältnisse beachtlich. 2008, als die Wirtschaft zunächst noch brummte, stiegen die Verdienste um magere 0,4 Prozent. Im vorigen Jahr schmolz dieses Plus dann wieder vollständig dahin.
Und wie ist die jüngste Entwicklung zu bewerten? Erhalten die einzelnen Beschäftigten jetzt wirklich mehr Geld? Manche schon, aber keineswegs alle. Ein Großteil des Lohnanstiegs ist mit einem "Struktureffekt" zu erklären, sagt der Verteilungsforscher Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): In der Krise hätten besonders viele unqualifizierte Beschäftigte mit niedrigen Einkünften ihren Job verloren. Fach- und Führungskräften wurde viel seltener gekündigt. Das statistische Ergebnis: Im Durchschnitt steigen die Einkommen.
In einigen Branchen gab es immerhin echte Lohnerhöhungen für die Beschäftigten: So setzten Erzieherinnen nach zwei Monaten Kita-Streiks ein Lohnplus von rund 120 Euro im Monat durch. Bei der Telekom gibt es 2,5 Prozent mehr Geld.
Zu guter Letzt gab es zum Jahresbeginn etwas weniger Kurzarbeiter, und die Betroffenen bekamen wieder ihr volles Gehalt. Auch das ließ das gesamte Lohnniveau etwas steigen.
Für die kommenden Monate sind die Aussichten nicht gerade rosig: So haben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute bereits im Frühjahr prophezeit, dass im gesamten Jahr 2010 die realen Stundenlöhne sinken werden. In einer aktuellen Analyse kommt das Forschungsinstitut IMK zum gleichen Ergebnis.
Industriefirmen werden im großen Stil schlecht bezahlte Leiharbeiter einstellen, erläutert Gerhard Bosch, Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Uni Duisburg-Essen. Neue Jobs entstehen auch in Dienstleistungssektoren wie Gesundheit und Soziales. Und in Branchen wie der Altenpflege sei es nun mal schwierig, größere Zuschläge durchzusetzen, so Oliver Holtemöller, Konjunkturchef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle.
Seit Jahren seien die Lohnzuwächse in Deutschland niedriger als in anderen europäischen Staaten, betont Bosch. Er sieht keine Anzeichen, dass sich daran etwas ändert. Denn die Politik lehnt einen Mindestlohn und die Anhebung der Leiharbeiter-Verdienste auf Stammkräfte-Niveau ab. Und Gewerkschaften werden geschwächt, weil in der Industrie weiter die Jobangst umgeht. Die Nachricht der Statistiker ist also kein Grund, auf ein Ende der Lohnzurückhaltung zu hoffen.
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.
Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"
Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.