Diesmal ist es Dioxin. Und wieder geht es um die Wurst. Wir fragen uns, ob wir zu viel Schwein essen. Machen wir. Und ob wir die richtigen Schweine essen. Machen wir nicht. Aber Deutschland ist nun mal Schweineland. Vor 9000 Jahren hat der Mensch begonnen, das Wildschwein ins Hausschwein zu verwandeln, vor knapp 200 Jahren das Hausschwein ins Mastschwein; dabei hat er den natürlichen 12-Ripper zum getunten 16-Ripper verlängert.
In Niedersachsen und NRW stehen knapp 55 Prozent aller deutschen Schweine.
Zwei Drittel der rund 27 Millionen Schweine in Deutschland stehen in Betrieben, die mehr als 1000 Tiere haben.
Im größten Schlachtbetrieb im westfälischen Rheda-Wiedenbrück werden täglich 20000 Tiere getötet und zerteilt.
Schon im Jahr 1925 wurden etwa 16 Millionen Schweine in Deutschland gezählt, so viele wie in Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien zusammen. FR
In der Industrialisierung des rosa Vierbeiners haben wir es zu großer Effizienz gebracht. Beim Schweinesystem macht uns keiner was vor. Deutschland ist Mastland. Wir importieren zehn Millionen Ferkel pro Jahr – fast zwei Drittel davon aus Dänemark – , päppeln sie und den heimischen Nachwuchs zu laufenden Doppelzentnern auf und verfüttern dabei Eiweiß, für dessen Erzeugung man eine Fläche so groß wie das Bundesland Schleswig-Holstein mit Soja bebauen muss. Das machen für uns die Brasilianer und andere auf ihrem Grund und Boden, auf dem vielleicht Regenwald stand, der dann dem Schweinefraß weichen musste.
Wir exportieren nicht nur Schweinefleisch schiffsweise, wir verkaufen es sogar den Chinesen. Die produzieren eigentlich alles, was man billig herstellen kann, billiger als wir. Nicht nur, aber auch beim Schwein macht sich die deutsche Regierung für die Ausfuhr ins größte Land der Welt stark. Das sorgt für Konkurrenzfähigkeit.
Niedriger Schlachtpreis
Saubillig war unser Schweinefleisch schon immer. Der Schlachtpreis für ein Kilo der Sorte Deutsche Landrasse schwankt seit 20 Jahren um die Marke von 1,30 Euro. Auf dem Weltmarkt wohlgemerkt, auf dem Wochenmarkt dagegen hat sich der Preis für die Bratwurst im gleichen Zeitraum fast vervierfacht. Die Angebotsschwankungen, die den Schlachtpreis bewegen, heißen übrigens sinnigerweise Schweinezyklus.
Bratwurst, Frikadelle, Schnitzel. Das ist unser traditioneller lukullischer Dreiklang vom Schwein. Nicht zu vergessen die Kaltvariante, 1500 Sorten im Darm, von Aufschnitt bis Zwiebelwurst.
Wir finden Schweine erst niedlich (doch selbst süße Kleine landen als Spanferkel auf dem Grill), später stinken sie, und zum Schluss sind sie lecker.
Fleisch macht stark, Mann isst Fleisch. Das ist das eine. Aber gleichzeitig verzärteln wir die Borstenviecher auch. Aus Marzipan geformt, lächeln sie uns in Süßwarenläden an. So weit haben es Rind und Pute nie gebracht.
Eigentlich wissen wir, was Wissenschaftler herausgefunden haben: Schweine sind intelligente, soziale Tiere und weit mehr als ein Fleischlieferant. In Schweinchen Dick, Schweinchen Schlau, Schweinchen Babe und Miss Piggy lebt das Schwein als vermenscheltes Tier fort.
Nicht überall isst man Schwein
Zwei Milliarden Menschen verstehen uns nicht. Sie essen aus religiösen Gründen kein Fleisch vom Schwein wie Muslime und Juden – oder sie sind Vegetarier. Zwei Milliarden können sich natürlich irren.
Wir aber könnten den Schweinen immerhin mehr Platz einräumen. Heute darf ein Mastschwein auf der Fläche zweier Bügelbretter gehalten werden.
Wir könnten sie länger leben lassen. Auf bis zu zwölf Jahre würden sie es bringen, wenn wir sie nicht nach sechs Monaten in den Schlachthof schicken würden.
Dafür müssten wir natürlich unseren Konsum reduzieren. Das sollten wir dem dringenden medizinischen Rat von Onkologen zufolge ohnehin tun. Der Zusammenhang von übermäßigem Genuss roten Fleisches und Darmkrebs ist ähnlich gut dokumentiert wie der zwischen Rauchen und Lungenkrebs.
Das Schwein ist auch ein Symbol des Glücks. Davon hat es selber aber nichts.
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