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20. September 2013

Reichtum und Armut: Vermögen bremsen Wirtschaft

 Von Gustav Horn
Vermögen wird auch gerne in Gold investiert.  Foto: Bloomberg via Getty Images

Nur die obere Einkommenshälfte kann zwischen 2000 und 2010 einen Einkommenszuwachs erzielen. Die unteren Klassen gehen im selben Zeitraum leer aus. Diese große Einkommensungleichheit hemmt sozialen und unternehmerischen Aufstieg, sagt Gustav Horn.

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Es hat sich mittlerweile herumgesprochen. Die Verteilung von Einkommen und Vermögen in Deutschland ist seit längerem in eine steile Schieflage geraten. Betrachtet man die Haushaltsnettoeinkommen – das sind die Einkommen, die sich nach Abzug von Steuern und Einrechnen von Transfers in der Haushaltskasse wiederfinden – ergibt sich ein klares Bild: Berücksichtigt man die Preissteigerungen und eine Gewichtung, die die Haushaltsgröße abbildet, hat nur die obere Einkommenshälfte zwischen 2000 und 2010 überhaupt einen Einkommenszuwachs erzielt. Diese fiel allerdings bei den oberen zehn Prozent mit gut zwölf Prozent deutlich höher aus als bei den mittleren Einkommen, die über zehn Jahre nur um weniger als zwei Prozent zugenommen haben. Die untere Einkommenshälfte ist dagegen völlig leer ausgegangen beziehungsweise hat bis zu 2,5 Prozent Einkommen verloren. Das heißt im Klartext, dass die gesamten Einkommenszuwächse des vergangenen Jahrzehnts bei den ohnehin besser Verdienenden gelandet sind. Diesem Argument wird gelegentlich entgegen gehalten, dass diese Ungleichheit vor allem in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts entstanden sei und sich seither nicht vergrößert habe. Das ist zwar richtig, aber trotzdem keine gute Nachricht.

Löhne hinter Produktivität

Denn sie heißt, dass trotz Finanzmarktkrise und Krise des Euroraums, die hohe Vermögenseinkommen stark belastet haben und trotz zweier Aufschwünge in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts, in deren späteren Verlauf üblicherweise die Arbeitseinkommen besonders profitieren, die unter diesen Umständen eigentlich zu erwartende Korrektur der Verteilung ausgeblieben ist. Die Ungleichheit verfestigt sich. Vielfach wird nun so getan, als ob dies unter den Bedingungen der Globalisierung ein nahezu unvermeidlicher Zustand wäre, gleichsam naturgegeben. Dem ist nicht so, denn die Wurzeln, aus denen sich diese Ungleichheit nährt, haben nur indirekt mit Globalisierung zu tun. Sie sind im wesentlichen hausgemacht. Das ergibt sich schon aus dem zeitlichen Verlauf der ungleicher werdenden Verteilung. Bis Ende der neunziger Jahre gab es keinen klaren Trend in die eine oder andere Richtung. Es gab lediglich Schwankungen im Konjunkturverlauf, die zum Beginn eines Aufschwungs eine verstärkte Ungleichheit wegen ausgeprägter Gewinnsteigerungen aufwiesen; dann aber ging sie in der Regel wieder zurück, weil in einer reiferen Phase des Aufschwungs die Löhne besonders stark stiegen.

Der Autor

Gustav Horn leitet das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung. Der Wirtschaftswissenschaftler ist dort auch für die Konjunkturprognose zuständig. Er war zuvor beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Der Aufsatz basiert auf einem Vortrag, den Horn auf der Fachtagung „Immer reicher, immer ärmer?“ der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft und des Nell-Breuning-Instituts der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen (Frankfurt) gehalten hat.

Die Frankfurter Rundschau dokumentiert in dieser Woche eine Auswahl der auf der Fachtagung gehaltenen Referate in gekürzter Fassung. FR

Diese Regelmäßigkeit wurde Ende der neunziger Jahre durchbrochen. Denn die hohen Lohnsteigerungen, die zuvor die Verteilung der Einkommen immer wieder stabilisiert hatten, blieben aus. Stattdessen blieben die Lohnzuwächse selbst in einem langen Aufschwung wie dem von 2006 bis 2008 relativ maßvoll. Das änderte sich nur zeitweilig im Krisenjahr 2009. Über den gesamten Zeitraum gesehen blieben die Lohnzuwächse hinter dem Produktivitätsanstieg und der Inflation zurück. So werden Einkommenszuwächse von Arbeitseinkommen Richtung Gewinneinkommen umverteilt. Da Gewinneinkommen fast ausschließlich von Haushalten oberer Einkommensschichten erzielt werden, ist damit eine gesamtwirtschaftliche Umverteilung programmiert. Will man den Trend zu mehr Ungleichheit durchbrechen, besteht ein erster Ansatz darin, höhere Lohnsteigerungen zu erzielen. Dies ist keine mechanische Aufgabe, da die Lohnentwicklung einerseits die wirtschaftliche Dynamik und andererseits die Kräfteverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt widerspiegelt. Höhere Lohnsteigerungen sind daher tendenziell nur bei guter Konjunkturlage durchsetzbar. Diese ist wirtschaftspolitisch durch Konjunkturpolitik insbesondere auf nationaler Ebene nur begrenzt gestaltbar. Einen größeren Einfluss kann die Arbeitsmarktpolitik ausüben. Sie kann schließlich die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer über die institutionelle Gestaltung des Arbeitsmarktes tangieren. Das hat sich in umgekehrter Richtung bei den Arbeitsmarktreformen im Zuge der Agenda 2010 in aller Deutlichkeit gezeigt. Ihnen wird ein wesentlicher Anteil an der schwächeren Lohnentwicklung zugeschrieben.

Mindestlohn einführen

Will man wieder höhere Lohnzuwächse, sollten arbeitsmarktpolitische Maßnahmen im Vordergrund stehen. Die sollten so gestaltet sein, dass sie die Löhne vor allem in jenen Bereichen stützen, in denen es keine Tarifverträge gibt und wo sie besonders niedrig sind. Vor diesem Hintergrund ist es besonders sinnvoll, einen flächendeckenden Mindestlohn einzuführen. Er nützt vor allem jenen Beschäftigten, die keinem Tarifvertrag unterliegen und jenen, die besonders niedrige Löhne beziehen. Darüber hinaus scheint es sinnvoll, Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen zu erleichtern. Auch dies würde in den derzeit tariffreien Bereichen zu höheren Löhnen führen. Schließlich sind die besonderen Beschäftigungsverhältnisse wie Leiharbeit, geringfügige Beschäftigungsverhältnisse und vor allem Werkverträge wieder strenger zu regulieren, jede Form von steuerlicher Subvention wäre abzubauen. Doch wird sich die Ungleichheit nicht allein über dynamischere Lohnzuwächse abbauen lassen. Ein weiterer Grund für den Anstieg der Ungleichheit im vergangenen Jahrzehnt sind die Steuerreformen, die vor allem Bezieher höherer Einkommen entlastet haben. Dazu gehörte in erster Linie, den Spitzensteuersatz deutlich abzusenken und die Unternehmenssteuern zu vermindern. Hinzu kommt seit längerem die Aussetzung der Vermögenssteuer. All dies sollte zumindest teilweise korrigiert werden.

Von daher ist unumgänglich, den Blick weg von der Einkommensbesteuerung hin zur Besteuerung großer Vermögen zu lenken. Es liegt auf der Hand, die Vermögenssteuer unter Berücksichtigung der sinnvollen Auflagen des Verfassungsgerichts wieder einzuführen. Die mit einer Vermögenssteuer verbundenen steuertechnischen Probleme der Bewertung sind im Ausland längst gelöst. Ferner sollte auch die Erbschaftsteuer erhöht werden. Erben ist leistungsloses Einkommen. Schließlich sollten die Aktivitäten auf den Finanzmärkten über eine Finanzmarkttransaktionssteuer belastet werden, um die Aktivität des Finanzsektors als eines potenziellen Krisenherdes zu begrenzen. All dies ist nicht nur aus Gerechtigkeits- und Verteilungsgründen zu empfehlen, sondern wäre auch einer dynamischen Wirtschaft dienlich. Denn Vermögens- und damit Machtzusammenballungen sind ein großes Hindernis für sozialen und für einen unternehmerischen Aufstieg. Ungleichheit ist somit nicht nur ein sozialer, sondern auch ein wirtschaftlicher Hemmschuh.

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