Reisebüros trifft die Wirtschaftskrise besonders hart. Vor allem das Internet macht den Vermittlern zu schaffen. Die Schließungswelle rollt. Von Thomas Wüpper
Viele Reisebüros sind wegen der Wirtschaftskrise insolvent.
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Viele Reisebüros sind wegen der Wirtschaftskrise insolvent.
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Die Reisebüros trifft die Wirtschaftskrise besonders hart. Die Umsätze sind allein im vorigen Jahr um mehr als ein Achtel gesunken. Experten erwarten eine weitere Schließungswelle. Doch es gibt Wege aus der Krise.
Wenn Peter Voigt die Bilanzen mancher Reisebüros sieht, kann der Tourismus-Professor der Hochschule München nur den Kopf schütteln. "Es gibt Anbieter, die müssten eigentlich schleunigst zumachen", sagt Voigt. "Vor allem kleinere Büros machen Verluste und sind manchmal schon so überschuldet, dass die Insolvenz unvermeidlich ist." Seit Jahren nimmt der Wissenschaftler mit seinen Studenten die Zahlenwerke der Reisevermittler unter die Lupe, unter anderem auch im Auftrag des Deutschen Reiseverbands. Die repräsentativen Analysen zeigen wenig Erfreuliches.
Jede dritte Agentur ist in den vergangenen Jahren bereits verschwunden. Die Schließungswelle rollt, mehr als 600 Vermittler machten voriges Jahr dicht. Von einst mehr als 17000 Vertriebsstellen sind weniger als 11000 übrig. Darunter sind nur noch rund 8000 Vollerwerbsbüros. Besonders viele nebenberufliche Vermittler haben aufgegeben. Aber auch für den Rest wird das Überleben immer schwerer: "In fünf Jahren wird es kaum noch mehr als 5000 Vollerwerbsbüros geben", erwartet Voigt.
Alarmierende Zahlen, die von der Branche zur Internationalen Tourismus-Börse in Berlin vorgestellt wurden, bestätigen diese Einschätzung. Demnach sank im Tourismusjahr 2009, das am 30. November endete, der Umsatz der Reisebüros um 13 Prozent auf 19 Milliarden Euro. Am heftigsten erwischte es die Vermittler von Geschäftsreisen, deren Umsatz sogar um ein Viertel schrumpfte.
Skurrile und handfeste Urlaubsmängel
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Skurrile und handfeste Urlaubsmängel
Bier, nachgerechnet: Peinlich und kleinlich ist die Geschichte eines Hotelgasts, der sich jeden Abend während seines Urlaubs das ein oder andere Bier genehmigt. Allerdings, so bemängelt der Gast, sind die Gläser nicht ordentlich gefüllt - der Gerstensaft ende stets ein Zentimeter unter dem Eichstrich. Wieder zuhause, rechnet er die vorenthaltene Menge genau aus und versucht, das finanzielle Äquivalent erstattet zu bekommen - vergeblich. (Quelle: TUI)
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Fehlendes Frühstück: Ein Urlauber bucht eine Reise mit drei Übernachtungen und Frühstück. Doch der Flieger zurück hebt früher ab als gedacht, ein Essen am Morgen fällt aus. Der Kunde beschwert er sich bei TUI - und will das Frühstück finanziell erstattet bekommen. Der Haken: Er hat den Flug bei einem anderen Anbieter gebucht. (Quelle: TUI)
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Schnarcher-Einzelzimmer: Die Ehefrau verweist einen Reisenden aus dem Doppelzimmer - angeblich, weil er des Nachts zu laut schnarcht. Der Mann nimmt sich ein Einzelzimmer - und versucht, die Extrakosten auf den Reiseveranstalter abzuwälzen. (Quelle: L'Tur)
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Cognac gefällig? Als ihr Flug von Fuerteventura zurück in die Heimat umgebucht wird, es aber angeblich bis zur letzten Minute unklar bliebt, ob in der Ausweich-Maschine noch Platz ist, bringt das einer Reisenden einen derartigen seelischen Stress, dass sie zum Cognac greifen muss. Klar, dass sie die Flasche gerne bezahlt haben will. Es bleibt beim Wollen. (Quelle: L'Tur)
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Stundenhotel: Das Fünf-Sterne-Hotel eines Brasilienurlaubers will die neue lokale Bekanntschaft nicht aufs Zimmer lassen. Er weicht mit ihr in ein Stundenhotel aus - und fordert die Erstattung der Kosten. Begründung: Brasilien sei für Sex-Tourismus bekannt; das Hotel müsse das akzeptieren. (Quelle: L'Tur)
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Hochzeit mit Folgen: In Las Vegas will ein Urlauber seine Freundin heiraten. Das klappt auch. In Deutschland erklärt das Sozialamt die Ehe als rechtskräftig - und streicht staatliche Hilfen. Da dämmert es dem Reisenden, dass er doch keine ganz so echte Heirat habe wollte. Den Schaden, den ihm die Las-Vegas-Aktion bringt, will er erstattet wissen. Doch das klappt nicht. (Quelle: Neckermann)
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Ärger mit dem Gulli: Ein Gast auf Teneriffa beschwert sich über angeblich laut klappernde Gullideckel auf der Straße vor dem Hotel. Der Veranstalter habe ihm angeboten, das Zimmer zu wechseln oder in ein anderes Hotel umziehen. Das habe er abgelehnt und darauf bestanden, der Veranstalter müsse sich mit dem städtischen Straßenbauamt in Verbindung zu setzen, um das Klappern zu beseitigen - was dieser nicht tat. (Quelle: Neckermann)
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Nicht jede Beanstandung ist Unsinn. Wir nennen fünf berechtigte Fälle.
Fall 1: Herr N. bucht für die Familie eine Pauschalreise nach Griechenland. Der Kinderspielplatz ist nicht zu benutzen, der Miniclub fehlt und Handtücher bleiben ungewechselt. Die Dusche spuckt nur Chlor oder Salzwasser aus. Der Gast reklamiert die Mängel vor Ort. Der Reiseveranstalter räumt eine Preisminderung von weniger als zehn Prozent ein. Viel zu wenig, sagt das Europäische Verbraucherzentrum (EVZ).
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Fall 2: Ein Urlauber will China entdecken - und bestellt eine teure Rundreise. Während der werden ihm aufgewärmte Essensreste serviert, Straßenlärm raubt den Schlaf und gebuchte Besichtigungen fallen aus. Außerdem findet er Schimmel an den Wänden. Die Mängel werden ordnungsgemäß berichtet. Der Veranstalter weigert sich, Geld zu erstatten. (Quelle: EVZ)
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Fall 3: Einem Türkeiurlauber wird das Silvesterfest richtig verdorben. Das Essen ist ungenießbar. Der Hotelbesitzer füllt sein Haus mit Familie und Freunden und feiert mit ihnen. Er läuft den Abend über mit einer Pistole am Gürtel umher. Der Reisende bekommt eine Wiedergutmachung. (Quelle: L'Tur)
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Fall 4: Ein Pauschalreisender bucht online den Urlaub nach Gran Canaria. Dort erwarten ihn schmutzige Bungalows und Gestank. Zum Essen gibt es verschimmeltes Brot. All-inclusive sind nur die Kakerlaken. Der Reisende beschwert sich umgehend, die Entschädigung von 207 Euro liegt aber weit unter dem Mindestanspruch, sagt die Europäische Verbraucherzentrale.
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Fall 5: Ein Urlauber bestellt einen Kurzurlaub mit Flug und Hotel für zwei Personen. In London angekommen erfährt er, dass für die letzte Nacht ein Schlafplatz fehlt. Den Straßen des regnerischen Londons abgeneigt, fliegt das Paar einen Tag früher zurück. Die Flugkosten werden nicht erstattet - obwohl eigentlich ein Anspruch darauf besteht. (Quelle: EVZ)
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Der Urlaub läuft nicht immer so glücklich wie erhofft. Dann hagelt es Beschwerden bei den Reiseveranstaltern. Wir nennen kuriose und einige berechtigte Fälle.
Liebesdrama: Eine Urlauberin leidet unter starkem Liebeskummer. Sie verknallt sich in einen Animateur. Um die Affäre fortzusetzen, bucht sie einen weiteren Urlaub. Als sie vor Ort feststellt, dass der Animateur sich anderweitig vergnügt, will die Frau ihr Geld zurück. Und: Der Animateur möge gefeuert werden. Der Veranstalter lehnt das ab. (Quelle: TUI)
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Fotostrecken Wirtschaft
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Das trifft die Vermittler hart. Denn ihre Gewinne kommen meist allein aus Provisionen, die umso geringer ausfallen, je mehr der Umsatz fällt. Hinzu kommt: Die Provisionssätze sinken ebenfalls seit Jahren, die Fluggesellschaften zahlen den Reisebüros überhaupt keine Umsatzvergütung mehr. Die Vermittler müssen versuchen, über Extragebühren auf ihre Kosten zu kommen - doch manche Kunden buchen dann lieber direkt im Internet. "Die Umsatzrenditen der Reisebüros sind im Schnitt deutlich unter ein Prozent gesunken", sagt Professor Voigt. "Agenturen mit weniger als vier Millionen Euro Umsatz schreiben häufig rote Zahlen."
Vor allem auf das wachsende Onlinegeschäft haben viele Agenturen bis heute keine Antwort gefunden. Immer mehr Reisen werden direkt beim Veranstalter, Flug-, Hotel- und Mietwagenanbieter gebucht. Zwar nicht unbedingt billiger, wie Vergleiche zeigen. Aber dafür bequem von Zuhause. Experten wie Voigt sind daher sicher: Wer als Reiseverkäufer Zukunft haben will, muss auf die gewandelten Bedürfnisse seiner Kunden reagieren. "Der Vermittler muss vor allem durch seine Beratungskompetenz überzeugen", so der Professor. Allerdings reicht es im Internet-Zeitalter nicht mehr, den Kunden Kataloge für ihre Wunschziele in die Hand zu drücken oder ihnen Hotelbeschreibungen vorzulesen. "Wer wegfahren will, kommt heutzutage oft gut vorbereitet ins Reisebüro, weil er sich zuvor im Web schlaugemacht hat."
Gerade an der Aus- und Weiterbildung jedoch spart die Branche seit Jahren - ein gefährlicher Teufelskreis. "Wenn die Renditen so gering sind, wird natürlich gerade beim großen Kostenblock der Personalausgaben gestrichen", sagt Voigt. Weniger Lehrlinge, weniger Berater, keine Zeit und kein Geld mehr für Fortbildungsseminare - so schaufeln sich manche Agenturen ihr eigenes Grab. Denn der Schlüssel zum Erfolg heißt gute Kundenberatung. Voigt rät zur Spezialisierung: "Tauch-, Sport-, Golfreisen, Kreuzfahrten, Vereins- und Handelskammerreisen - wer sich auf einem Gebiet gut auskennt, wer beste Kontakte hat, kann überleben."
Die Gründung eines herkömmlichen Reisebüros empfiehlt Voigt nur noch in Ausnahmefällen. "Besonders in Großstädten machen sich die Anbieter gegenseitig das Leben schwer und sich im Rabattkampf das Geschäft kaputt." Aber manch einer findet noch eine Marktlücke. Kundenfreundliche Öffnungszeiten, Beratung übers Internet, Besuche beim Kunden daheim, selbstveranstaltete Reisen, Spezialisierung - das sind für Voigt Erfolgsfaktoren. Einer seiner Studenten verkauft inzwischen mit Riesenerfolg online Hochzeitsreisen. Eine andere vermarktet vom heimischen PC aus eine indische Urlaubsinsel.