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Rekordtief Krankmeldungen: Das Tabu Krankheit

Deutsche Arbeitnehmer melden sich immer seltener krank. Die Frankfurter Rundschau hat Gründe erkundet und nachgefragt, welche Gruppen heutzutage besonders häufig krankgeschrieben sind. Und sie hat Fachleute gefragt, wie sie diesen Trend bewerten und was zu tun ist.

Deutsche Arbeitnehmer melden sich immer seltener krank.
Deutsche Arbeitnehmer melden sich immer seltener krank.
Foto: ddp

Wie hat sich der Krankenstand in jüngster Zeit entwickelt?

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres fehlten nach Abschätzungen des Gesundheitsministeriums die Beschäftigten nur 3,24 Prozent ihrer Sollarbeitszeit. Die Ausfallzeiten entsprechen 3,5 Arbeitstagen, was im Vergleich zu Vorjahren wenig ist. Die Zahlen basieren auf Daten der Gesetzlichen Krankenversicherung, bei der gut 70 Millionen Bürger krankenversichert sind. Sie sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, weil zunächst nur einen Stichtag pro Monat berücksichtigt wurde. Was genau in diesem Jahr passiert, ist ungewiss: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Sozialforschung (IAB) vermutet, dass der Krankenstand etwas niedriger sein wird als im Vorjahr. Die Betriebskrankenkassen erwarten dagegen einen Anstieg. Langfristig ist die Entwicklung immerhin klar: Beschäftigte melden sich immer seltener krank.

Woran liegt das?

Das hat erfreuliche und unerfreuliche Gründe: Erstens gibt es heutzutage weniger Menschen, die sehr schwer körperlich arbeiten oder die mit gefährlichen Stoffen zu tun haben. Immer mehr Beschäftigte sind im Dienstleistungssektor tätig. Dort sind zwar psychische Belastungen verbreitet. Unterm Strich hat der Trend zur Dienstleistungs-Gesellschaft aber vermutlich zu einem Rückgang des Krankenstands geführt, sagt der Arbeitssoziologe Stephan Voswinkel vom Frankfurter Institut für Sozialforschung der Frankfurter Rundschau. Zweitens haben viele Betriebe ihre Gesundheitspolitik verbessert, heißt es beim IAB.

Die unerfreulichen Gründe: Aus Angst um ihren Arbeitsplatz trauen sich manche Beschäftigte nicht, sich zu Hause auszukurieren, sagen Fachleute. Dieses Phänomen ist natürlich vor allem in Krisenzeiten zu beobachten. Langfristig wird der Krankenstand zudem durch neue Arbeitsformen gedrückt, erläutert Voswinkel, der dazu vor einiger Zeit eine Studie verfasst hat: Wer für ein Projekt arbeitet, steht oft unter Termindruck, er identifiziert sich mit seinem Job und will das Projekt auch selbst zu Ende führen. Bei Teamarbeit scheuen viele davor zurück, sich krank zu melden, weil sie ihren Kollegen nicht noch mehr Arbeit aufbürden wollen. Mancherorts sei fast eine "Tabuisierung von Krankheit" entwickelt: Krankheit ist dann ein Zeichen dafür, dass jemand nicht leistungsfähig ist.

Wie wirkt sich die Kurzarbeit auf den Krankenstand aus?

Gute Frage, die genaue Antwort kennt aber noch niemand. Fachleute halten es für plausibel, dass Kurzarbeit zunächst zu weniger Fehlzeiten führt, weil die Leute eher in ihrer Freizeit zum Arzt gehen oder denken: Die drei Tage halte ich trotz starker Erkältung durch. Dauert die Kurzarbeit länger an, könne das jedoch auch eine Belastung für die Beschäftigten werden, meint eine Sprecherin der Techniker Krankenkasse. Niemand wisse, wie die Menschen damit umgehen.

Welche Gruppen sind besonders häufig krankgeschrieben?

Hier ist man auf langfristige Erhebungen angewiesen. Die Techniker Krankenkasse hat die Arbeitsunfähigkeitsdaten ihrer 7,2 Millionen Kunden für das vergangene Jahr analysiert und ist dabei zu folgendem Ranking gekommen: Mit Abstand an der Spitze der Krankmeldungen liegen arbeitslose Menschen, gefolgt von Hilfsarbeitern. Danach kommen Beschäftigte der Metall- und Chemiebranche sowie der Sozialberufe. Relativ wenig krankgemeldet sind Beschäftige in technisch-naturwissenschaftlichen Berufen, im Verwaltungssektor, Medienschaffende und Geisteswissenschaftler sowie Auszubildende.

Das jüngste Datenmaterial von Anfang dieses Jahres lässt vermuten, dass sich Frauen häufiger krank melden als Männer.

Welche Informationen gibt es über Krankheitsbilder?Generell gilt: psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Jüngsten Erhebungen der Betriebskrankenkassen zufolge entfielen im Jahr 2007 genau 9,3 Prozent aller Ausfalltage auf Depressionen, Angstzustände oder ähnliche Leiden. 20 Jahre zuvor lagen die Vergleichswerte bei nur rund zwei Prozent. An der Spitze liegen Atemwegserkrankungen, Rückenbeschwerden, Verletzungen und Herz-Kreislauf-Leiden.

Gibt es Krankenkassen mit besonders vielen Kranken?

Ja, und das hat mit der Mitgliederstruktur zu tun. Die kleineren Knappschaftskassen, die immer noch viele (oft ältere) Bergleute versichern, haben deutlich höhere Krankheitszahlen als der Schnitt. Auch die Allgemeinen Ortskrankenkassen, die besonders viele Ältere sowie Arbeiter versichern, liegen über dem Mittelwert. Auf der anderen Seite verzeichnen die Ersatzkassen wie Barmer oder Techniker, die relativ viele Gutverdiener versichern, weniger Krankentage.

Am wenigsten krank sind Angehörige der landwirtschaftlichen Kassen; der Grund liegt auf der Hand: Einem Bauern fällt es offenbar sehr schwer, sich nicht um Hof und Tiere zu kümmern.

Wird der Krankenstand denn immer weiter sinken?

Das ist sehr fraglich, betont Ulrich Walwei, Vize-Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Denn das Durchschnittsalter der Belegschaften wird steigen, und Ältere sind in der Regel öfter krank als Jüngere. Prävention werde deshalb noch wichtiger. Nötig sei etwa, für mehr Abwechslung im Arbeitsleben zu sorgen: Beschäftigte sollten auch mal andere, weniger anstrengende Tätigkeiten übernehmen können.

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Autor:  Michael Bergius und Eva Roth
Datum:  14 | 7 | 2009
Seiten:  1 2
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