Brüssel. Pfingsten, spätestens, soll alles so sein, "dass ich mich rundum wohlfühlen kann". Das sagt Günther Oettinger und stöhnt leicht. Denn derzeit sieht es bei ihm im neunten Stock des EU-Berlaymont-Gebäudes noch aus wie im Büro eine Neuankömmlings: kahle Wände, zusammengestoppeltes Mobiliar, ein leeres Regal. Lediglich eine Holzkiste des "Weinguts Graf Adelmann, Württemberg" und Oettingers Hund Lucky geben dem trostlosen Raum eine persönliche Note.
Oettinger, der Deutsche in der EU-Kommission, kommt erst langsam in Brüssel an. Noch hat er keine Schlüssel fürs Kommissionsgebäude, noch muss er Termine abarbeiten, die sein Sekretariat in Stuttgart für ihn vereinbart hat, und noch ist der 56-Jährige auf Wohnungssuche.
Ein Stuttgarter geht nach Brüssel. Für seine Reden braucht der neue EU-Kommissar Günther Oettinger Ghostwriter. Wir haben Sie. Well done, Günther!
In einem "Quartier mit vitalem Leben" soll das Domizil stehen, also einem Viertel mit Restaurants sowie Geschäften und - nicht zu vergessen: einem Friseur. Acht interessante Stadtwohnungen hat er bereits ausgemacht, und am Wochenende will er mit der Lebensgefährtin eine Entscheidung treffen.
"Wir kämpfen uns voran", sagt der Schwabe und er bezieht das auf die private wie auf die offizielle Seite seines Wechsels von der Landes- in die Europa-Hauptstadt.
Kommissar für Energie
Gerade ist die erste Sitzung der neuen EU-Kommission zu Ende gegangen. Dabei hat deren Präsident José Manuel Barroso die Kompetenzen im Gremium so abgegrenzt, dass der deutsche Energiekommissar durchaus Kompetenzen bekommt. Befürchtungen sind jedenfalls nicht mehr zu halten, der Deutsche sei ein Mann mit allenfalls begrenztem Einfluss am Entscheider-Tisch in Brüssel.
Von "Außenministerin" Catherine Ashton erhält er Personal und Zuständigkeit für die Energie-Außenbeziehungen. Kein unbedeutendes Feld, denn nun ist der Schwabe gefordert, wenn Konflikte zwischen Russland und der Ukraine die Versorgung Europas mit Gas gefährden.
Darüber hinaus ist er für die Energiesicherheit, -effizienz und -forschung zuständig. Auch soweit Atomkraft ein Brüsseler Thema ist, liegt es in der Verantwortung des Neuen: Er wird sich um die Sicherheit von nuklearen Anlagen und die Endlagerung von Atommüll kümmern müssen.
In der Klimadebatte entscheidet er, "was technisch machbar und was ökonomisch leistbar" ist. Kurzum: Oettinger darf sich im umfassenden Sinn des Wortes als Energiekommissar fühlen.
Seinen Job geht er "neugierig, aber nicht nervös" an. Und selbstbewusst: "Ein Energiemix ist für mich nichts Unbekanntes. Schließlich komme ich nicht aus der Kinderkrippe hierher nach Brüssel." Dass er, der erste Mann im Ländle, am Kommissionstisch einer unter 25 ist, ficht ihn nicht an.
Schon fast wagemutig für einen machtbewussten Politiker, sagt er: "Ich bin relativ wenig eitel, ich muss nicht die Glocke in der Hand haben." Dabei streicht er mit der rechten Hand über seine akkurat sitzende Frisur.
Am frühen Nachmittag trifft Oettinger erstmals seine Leute, die Beamten der neu zugeschnittenen Generaldirektion Energie. Bislang waren die Themen Energie und Verkehr in einer Generaldirektion, man könnte sagen: einem Ministerium, organisiert. Durch die Trennung der Ressorts ist der Deutsche nun alleiniger Herrscher in seinem Haus.
Dann kommt das, was er an seinem ersten Arbeitstag in Brüssel am meisten gefürchtet haben dürfte: Oettinger muss vor seinen Leuten reden. Auf Englisch, natürlich. Doch er absolviert die Aufgabe ohne größere Unfälle, wenn auch längst nicht perfekt. Nicht wenige der Beamten werfen sich vielsagende Blicke zu, und manche lächeln verstohlen, als sie die Ansprache mit freundlichem Beifall quittieren.
Sie haben eine sympathische Antrittsrede ihres obersten Chefs gehört - aber sie müssen das Kriterium "English good" in seinem Lebenslauf für eine Übertreibung halten.
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