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Rente ab 67: Hilfe für Malocher und Gestresste

Einzelne Unternehmen tun einiges, damit Beschäftigte länger arbeiten können. Doch in manchen Berufen ist es schier unmöglich, bis 67 durchzuhalten.

In Branchen wie der Stahlindustrie ist die Rente mit 67 schwer durchzusetzen.
In Branchen wie der Stahlindustrie ist die Rente mit 67 schwer durchzusetzen.
Foto: dpa

In der Stahlindustrie laufen die Hochöfen ununterbrochen. Gearbeitet wird 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr. Ein Großteil der Beschäftigten sind Schichtarbeiter, die mal tagsüber, mal nachts Dienst haben. Das hält niemand bis 67 aus. Die Rente mit 65 habe ebenso wie die Rente mit 67 einen „Konstruktionsfehler“, sagt der Personalvorstand des Stahlkonzerns Salzgitter, Peter-Jürgen Schneider: Sie berücksichtige zu wenig die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen.

Auch in Dienstleistungsbranchen gibt es Jobs, die man beim besten Willen nicht bis in hohe Alter machen kann. So könne man in der Pflegebranche zwar die körperlichen und psychischen Belastungen verringern, betont Franz Hackl, Leiter von fünf Altenpflegeheimen der Caritas in Bayern. Doch selbst wenn die Arbeitsbedingungen verbessert werden, „ist die Rente mit 67 in Pflegeberufen nicht möglich“.

Altenheim St. Josef
Fernsehgerätehersteller Loewe
Pharmahersteller Merck
Stadtreinigung BSR

Das Altenheim St. Josef in Hauzenberg bei Passau ist vielfach als bester Arbeitgeber im Gesundheitswesen ausgezeichnet. 106 Mitarbeiter kümmern sich hier um 120 Bewohner. Es ist ein Knochenjob. „Wir brauchen schon Präventionsarbeit, damit unsere Mitarbeiter wenigstens bis 60 oder 63 durchhalten“, sagt Geschäftsführer Franz Hackl. „Wenn unsere Mitarbeiter bis 67 arbeiten müssten, könnten sie danach direkt im Heim bleiben – als Pflegefall.“ Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat jede dritte Pflegekraft, die 2009 in den Ruhestand ging, eine Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit erhalten. Nur bei Krankenschwestern ist die Quote höher. Psychische und physische Belastungen zehren an den Mitarbeitern. Im St. Josef werden deshalb Walking und Wintersport angeboten – auf freiwilliger Basis. Ein Physiotherapeut kommt zweimal pro Woche, prüft den Gesundheitszustand der Mitarbeiter und trainiert mit ihnen. „Und wir setzen alle zur Verfügung stehenden Hilfsmittel ein, um das Heben zu erleichtern“, sagt Hackl.
Trotzdem bekommen viele Mitarbeiter mit 40 bis 45 Jahren Probleme mit ihrer Wirbelsäule. Um den Stress der zum
großen Teil alleinerziehenden Mütter zu reduzieren, gibt es einen Betriebskindergarten, eine Hausaufgabenstube und einen Mittagstisch. Und wer trotzdem nicht mehr durchhält, wird in die
Näherei oder Büglerei umgesetzt, wo
die Tätigkeiten leichter sind. „Aber wenn die Zahl alter Mitarbeiter steigt, dann funktioniert das nicht mehr“, sagt Hackl. „Ich kann die Mitarbeiter ja
nur dort einsetzen, wo auch Arbeit
anfällt.“ dba

Beim Fernsehgerätehersteller Loewe mit Sitz im bayerischen Kronach sind 1100 Mitarbeiter beschäftigt. Die Zahl der jungen Menschen wird auch dort in den kommenden Jahren deutlich abnehmen. Bis 2019 wird sich die Zahl der 50-Jährigen und Älteren bei Loewe verdoppeln. Probleme entstünden in dem Unternehmen vor allem bei den Mitarbeitern in der Fließbandfertigung, sagt Personalleiter Werner Kotschenreuther. Weniger problematisch sei die Büroarbeit. Um Muskel- und Skelettkrankheiten vorzubeugen wurden in den Fabriken rundum begehbare Arbeitsplätze geschaffen, Greifwege verkürzt, Werkzeuge optimiert und Sitzgelegenheiten für Pausen geschaffen. Seit drei Monaten treffen sich zudem täglich um 9.45 Uhr Mitarbeiter zur „arbeitsplatznahen Ausgleichsgymnastik“ – und zwar die Chefs genauso wie die Sekretärinnen, ob jung oder alt. Nach einem Probelauf in den Büros soll das Angebot auch auf die Fabriken ausgedehnt werden. „Die Beliebtheit dieses Angebots ist entgegen unserer Erwartungen sehr hoch“, sagt Kotschenreuther. Der bayerische Fernseherfabrikant fördert zudem ein großes Sportprogramm und Kochkurse für eine gesunde Ernährung. Für leistungsgeminderte Mitarbeiter versucht Loewe, neue Jobs zu finden. Allerdings sind die Möglichkeiten hier nicht unendlich. „Von der Montage ins Marketing zu wechseln ist schwierig“, sagt Kotschenreuther. Es müsse deshalb in erster Linie darum gehen, Beschäftigte gesund und auf dem aktuellen Wissensstand zu halten. „Ich glaube, dass wir es in unserem Unternehmen schaffen können, die Mitarbeiter bis 67 zu beschäftigen.“ dba

Beim Pharmahersteller Merck in Darmstadt scheiden die Mitarbeiter derzeit mit 62 bis 63 Jahren aus ihrem Berufsleben aus. „Ich kenne auch keinen, der bis 67 bleiben will“, sagt der Leiter Sozialfunktionen, Ralf Birkhan. Der Pharmahersteller entwickelt seit 2007 Konzepte, um die Mitarbeiter länger im Unternehmen zu halten. Im Fokus steht auch hier die Mitarbeitergesundheit. Ein erstes Pilotprojekt ist die Ernährungsberatung. Gemeinsam mit der Betriebskrankenkasse BKK Merck
wurden die Mitarbeiter zum Abspecken eingeladen. Reduzieren möchte das
Unternehmen zudem die körperliche Belastung in den Bereichen Produktion, Technik und Feuerwehr, erläutert
Birkhan. Dafür seien Projektgruppen eingesetzt worden, die Lösungsmöglichkeiten erarbeiten sollen. Als erstes werden im Bereich der Betriebsfeuerwehr älteren Mitarbeitern nun neue Aufgaben angeboten. So sollen sie zum Beispiel in der Materialkontrolle tätig werden. In der Chemieindustrie gibt
es zudem seit 2008 einen Demografie-Tarifvertrag mit einem ganzen
Instrumentenkasten, mit dem auf die längere Lebensarbeitszeit reagiert
werden soll. Insgesamt fünf Modelle gibt es, von der Unterbrechung des
Erwerbslebens für die Pflege Angehöriger, Reisen oder Weiterbildung, über
eine Aufstockung der tariflichen Rente, betriebliche Berufsunfähigkeitsversicherungen, Altersteilzeitregelungen oder Langzeitarbeitszeitkonten. Die
Chemie-Industrie sei in dieser Hinsicht sehr vorbildlich meint Birkhan. Und lobt auch die Gewerkschaften für dieses
Modell. dba

Die Berliner Stadtreinigung (BSR) konnte in den vergangenen Jahren kaum junge Leute einstellen. Folglich ist die Belegschaft gealtert. Heute beträgt das Durchschnittsalter 46 Jahre. „In den nächsten zehn Jahren könnte das unsere Leistungsfähigkeit auf eine ernste Probe stellen“, sagt eine Sprecherin. Die körperliche Belastung in der Stadtreinigung ist hoch. Knapp 20 Prozent der BSR-Beschäftigten arbeiten mit einer Behinderung oder gesundheitlichen Einschränkung. Trotz Gesundheitsprävention schlägt die Arbeit vor allem auf Gelenke und Wirbelsäule. „Viele Kolleginnen und Kollegen werden auch in Zukunft schlicht nicht bis zur Rente mit 67 arbeiten können“, sagt die Sprecherin. Dabei tut die BSR viel für eine lange Lebensarbeitszeit. Ein Integrationsteam versucht Lösungen für leistungsgeminderte Mitarbeiter zu finden. So werden Büros und Lastwagen auf die Mitarbeiter zugeschnitten und neue Arbeitsplätze geschaffen. Seit sechs Jahren kümmern sich 20 Beschäftigte, die in der Straßenreinigung nicht mehr eingesetzt werden können, um die Wartung und Reparatur der 21000 Berliner Straßenkörbe. 26 leistungsgeminderte Menschen werden für weniger belastende Reinigungsarbeiten eingesetzt. Auch können seit 2007 auf einem Konto Überstunden für einen früheren Renteneintritt gesammelt werden. Die Angestellten haben auch die Möglichkeit, Lohnteile in Überstunden umzuwandeln. Die BSR hat für ihre Arbeit mehrere Preise bekommen. Trotzdem: Illusionen will auch sie nicht verbreiten. In vielen Bereichen des Unternehmens werde es weiterhin die belastende Schichtarbeit geben. dba

Die Politik kann machen was sie will, ein Teil der Beschäftigten wird nicht bis 67 arbeiten können. Das sagen selbst Wissenschaftler wie Karl Hinrichs, der die Rente mit 67 befürwortet. Für diese Menschen müssten Politik und Tarifparteien vernünftige Regelungen finden.

Zwar hätten künftig immer mehr Beschäftigte einen höheren Bildungsabschluss, sagt der Professor an der Uni Bremen. Für viele dieser Leute sei ein kein Problem, länger zu arbeiten: „Je höher der Bildungsabschluss ist, umso öfter sind die Menschen im Alter noch erwerbstätig.“ Allerdings werde es auch künftig gering Qualifizierte geben, die wenig verdienen und so harte Jobs haben, dass sie nicht bis 67 durchhalten. Diesen Menschen müsse man gezielter helfen. Verbessert gehörten etwa die Regeln bei einer Erwerbsminderung.

Nach einer neuen Studie der Uni Duisburg-Essen scheiden auch qualifizierte Beschäftigte wie Industriemechaniker und Elektriker relativ früh aus dem Berufsleben aus. Auch Erzieherinnen, Pfleger oder Bauarbeiter könnten unmöglich bis 67 ihren Job machen, betont der Volkswirt Ernst Kistler vom Institut für europäische Sozialökonomie. Für solche Berufe könnte man vorzeitige Renteneintritte festlegen, schlägt Kistler vor.

Davon hält Sozialexperte Hinrichs nichts. Wer tatsächlich besonders belastet ist, könnten Gewerkschaften und Arbeitgeber besser als die Politik beurteilen. Deswegen sei es gerechter, wenn die Tarifparteien Ausstiegsmöglichkeiten regelten. Unternehmen könnten etwa Altersteilzeit für bestimmte Gruppen finanziell unterstützen. Tarif-Regelungen dieser Art gibt es bereits, etwa in der Metall- und Chemiebranche. Nötig wurden die Vereinbarungen, weil die Politik die staatliche Förderung der Altersteilzeit gestrichen hat.

„Arbeit muss attraktiver werden“

Die Gefahr einer wachsenden Altersarmut lasse sich nicht rentenpolitisch bekämpfen, betont Hinrichs. Denn wesentliche Ursachen für die Altersarmut seien Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt: die Ausbreitung von Niedriglöhnen und atypischen Jobs. Die Kluft zwischen den Einkommen habe inzwischen „dramatische“ Ausmaße angenommen.

Die neuen Renten-Vorschläge der SPD stoßen bei den Wissenschaftlern auf Skepsis. Laut SPD-Spitze soll mit dem Einstieg in die Rente mit 67 erst begonnen werden, wenn mindestens 50 Prozent der 60- bis 64-Jährigen einen sozialversicherungspflichtigen Job haben. Zurzeit sind es laut Bundesagentur für Arbeit (BA) knapp 25 Prozent. Die anderen 75 Prozent sind eine sehr heterogene Gruppe: dazu gehören Selbstständige, Beamte, Hausfrauen, Minijobber, Arbeitslose und Frührentner.

Der Vorschlag sei „Käse“, sagt der Volkswirt Kistler, der die Rente mit 67 ablehnt. Man dürfe die Rentenpolitik nicht von einem einzigen Indikator abhängig machen. Zudem werde man die 50-Prozent-Quote bei Älteren wohl kaum erreichen. Ähnlich sieht das Hinrichs. Auch eine BA-Statistik legt diesen Schluss nahe: Zurzeit haben 50,3 Prozent aller Bürger zwischen 15 und 64 Jahren einen sozialversicherungspflichtigen Job. Dass diese Quote auch für über 59-Jährige erreicht wird, ist sehr unwahrscheinlich.

Kritiker wie Befürworter der Rente mit 67 sind sich in einem Punkt einig: „Arbeit muss attraktiver werden“, fordert Hinrichs. Nicht nur der Gesundheitsschutz gehöre verbessert, sondern auch die Weiterbildung von Älteren. Deutschland liege hier auf dem Niveau von Polen. Länder wie Großbritannien, Schweden oder die Schweiz seien uns um Längen voraus. Dort würden viel mehr ältere Arbeitnehmer an Fortbildungskursen teilnehmen.

Der Wissenschaftler Kistler verlangt, endlich Nägel mit Köpfen zu machen: Nötig sei eine verpflichtende Weiterbildung. Arbeitgeber, die nichts tun, müssten zahlen.

Autor:  Eva Roth
Datum:  26 | 8 | 2010
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